Das könne „nur ein schlechter Scherz“ sein, sagt Luise Neuhaus-Wartenberg. Die Landtagsabgeordnete der Linken in Sachsen stört, dass sächsische Schüler weiterhin sitzen bleiben können. Trotz Covid-19-Pandemie hält das Kultusministerium am Nichtversetzen fest. Neuhaus-Wartenberg hält das für unverantwortlich. Angesichts der „irregulären Umstände“, unter denen Schüler zurzeit lernen, sei eine Nichtversetzung „nicht zu rechtfertigen“. Mit der Meinung steht sie 39-jährige Linke nicht allein.

Durch die Coronakrise stellen sich strittige Schulfragen neu. Debatten, die lange schon geführt werden, bekommen neuen Schwung. Das gilt für Fragen von Bildungsqualität und Bildungsgerechtigkeit, für die die schulfreie Pandemiezeit neuen Denkraum eröffnet. Dazu gehört das Sitzenbleiben.

Abgeschafft werden soll es schon lange. Die Nichtversetzung gehört zur Idee einer Schule, die Schüler nach Leistung sortiert. Die Schwachen sollen den Starken nicht im Wege stehen, deshalb bleiben sie zurück. Dahinter steht der Traum von der homogenen Schulklasse, wo alle Schüler auf einem Lernstand stehen. Das gibt es nicht, sagt die Abschaffungs-Fraktion, alle Schüler sind verschieden. Gegner des Sitzenbleibens führen beständig eine Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2009 ins Feld, die die Ehrenrunde „teuer und unwirksam“ nennt.

Kein Sitzenbleiben in Hessen und Ba-Wü

Weil durch Corona Wochen lang kein regulärer Unterricht stattfindet, verzichtet etwa Brandenburgs SPD-geführtes Bildungsministerium zurzeit grundsätzlich auf Leistungsbewertung. Damit fällt auch das Sitzenbleiben weg. Ausdrücklich ausgesetzt haben Hessen und Baden-Württemberg die Nichtversetzung. Dadurch kommen im aktuellen Schuljahr alle Schüler weiter.

„Dahinter steckt auch die Sorge, dass lernschwächere Kinder zusätzlich benachteiligt werden durch die Krise“, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) jüngst dem Spiegel. Die Ministerin meint Kinder, die kein Endgerät, keinen Internetanschluss oder kein eigenes Zimmer haben, in dem sie lernen können. Diese Schüler müssten gezielt gefördert werden, damit sie nicht unverschuldet ins Abseits geraten, weil sie Corona von der Schule abkoppelt.

Sachsens Kultusministerium legt den Lehrern ans Herz, „die pädagogischen Beurteilungsspielräume wohlwollend auszulegen“. Im Zweifel für den Schüler - aber das Sitzenbleiben besteht weiter. Eine vernünftige Lösung, findet die SPD-Landtagsabgeordnete Sabine Friedel aus Dresden. Abschaffen hält Friedel für „wenig pädagogisch durchdacht“. Trotzdem sei Corona auch in dieser Frage „ein wichtiger Impuls zum Umdenken“.

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