Gefängnis Cottbus: Gärtnern hinter Gittern – wo Unkraut jäten Freiheit bedeutet

Eine Angestellte der Justizvollzugsanstalt (JVA) Cottbus-Dissenchen betrachtet blühende Beet- und Balkonblumen in einem Gewächshaus der Gärtnerei auf dem Gelände der JVA. Im Strafvollzug des Landes Brandenburg gibt es für Gefangene vielfältige Arbeitsmöglichkeiten, die auf Resozialisierung und Strukturierung des Haftalltags abzielen.
Patrick Pleul/dpa- Gefangene der JVA Cottbus-Dissenchen arbeiten freiwillig in der Gärtnerei, um Resozialisierung zu fördern.
- Sie genießen mehr Freiheit und Vertrauen; Anwesenheit wird stündlich überprüft.
- Arbeitsbereiche: Gemüseanbau, Pflege der Grünflächen, Weihnachtsbaumzucht.
- Arbeit hilft Struktur und Tagesrhythmus zu schaffen, oft ohne Vorkenntnisse oder Sprachbarrieren.
- 53% der Gefangenen arbeiten; Lohn zwischen 1,63 und 2,44 Euro.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Drei Gefangene knien auf dem kleinen Kartoffelfeld und jäten Unkraut. Im Hintergrund die Gefängnismauern der JVA Cottbus Dissenchen. Die Stimmung: entspannt. „Sieben Stunden pro Tag frische Luft. Es ist schon mehr Freiheit als im Haftraum“, sagt Faisal. „Hier kann man abschalten, die Zeit vergeht schneller und man hat den Kopf frei. Ich fühle mich nicht, als wäre ich im Gefängnis, erst wenn ich abends wieder eingeschlossen bin, fange ich an zu grübeln“, erzählt sein Mithäftling Bernd (Name geändert).
Die Gärtnerei im Cottbuser Gefängnis ist ein besonderes Stück Freiheit innerhalb der Gefängnismauern. Für manche der Insassen ist sie die letzte Etappe vor der Entlassung oder dem offenen Vollzug. Die Bedingungen sind lockerer als in anderen Arbeitsbereichen. „Die Gefangenen genießen ein großes Vertrauen. Einmal pro Stunde wird die Anwesenheit der Gefangenen überprüft“, sagt der Koordinator der Gärtnerei, Tobias Jentsch. Wer hier arbeiten will, muss eine gute Führung nachweisen. Der Gartenbau-Techniker leitet die Gefängnisgärtnerei seit fünf Jahren und betreut dort bis zu acht Gefangene gleichzeitig.
Hacken, Spaten, Grabegabeln frei zur Verfügung
„Wir besprechen in der Regel, was getan werden muss und die Gefangenen organisieren sich dann selbst und holen sich das Werkzeug“, so Jentsch. Hacken, Spaten, Grabegabeln – alle Werkzeuge, die man für die Gartenarbeit braucht, stehen auch den Gefangenen frei zur Verfügung. An diesem Tag arbeiten sieben Gefangene hier, zwei sind mit Rasentraktoren auf dem weitläufigen Gelände unterwegs. Andere sind in den Gewächshäusern beschäftigt. Neben dem Obst- und Gemüseanbau sind die Mitarbeiter der Gärtnerei auch für die Pflege der Grünflächen zuständig. „Sie können sich hier in der Gärtnerei und auf den teilweise großzügigen, abgegrenzten Bereichen des Gefängnisgeländes frei bewegen.“
Denkt man sich die Mauern weg, könnte man meinen, es sei eine ganz normale Gärtnerei: In den drei Gewächshäusern wachsen Pelargonien, Edellieschen und Tomaten, Salat, Brokkoli und Zucchini und andere Blumen- und Gemüsesorten. Auf dem Außengelände stehen Kirsch- und Apfelbäume neben Hochbeeten mit Zwiebeln. Und sogar Weihnachtsbäume wachsen hier. „Wir haben auch Nordmanntannen gepflanzt“, sagt Jentsch.
„Häufig helfen sich die Gefangenen aber auch untereinander“
Vorkenntnisse seien bei den Gefangenen nicht immer vorhanden. Auch eine Sprachbarriere müsse oft überwunden werden. Der Ausländeranteil liegt im Gefängnis bei etwa 50 Prozent. „Oft muss ich mit Händen und Füßen erklären, wie man die Arbeiten erledigt. Häufig helfen sich die Gefangenen aber auch untereinander“, erklärt der Gartenbaumeister. Er wünsche sich mehr Kontinuität. Manchmal dauere der Einsatz von Gefangenen nur einige Wochen. „Schön wäre es, wenn jemand mal ein Jahr hier arbeiten könnte. Dann könnte man das Wissen auch vertiefen.»
Insgesamt etwa 330 Männer sitzen in der JVA Cottbus-Dissenchen ein. Es sind eher „leichtere Fälle“. „Die Strafen liegen bei bis zu zwei Jahren und sechs Monaten“, erklärt Matthias König, Leiter Arbeit und Versorgung. Neben der Gärtnerei hat die JVA noch andere Arbeitsmöglichkeiten: eine Wäscherei, eine KfZ-Werkstatt, eine arbeitstherapeutische Werkstatt oder auch eine Holzwerkstatt.
Gärtnereien gibt es auch in den Justizvollzugsanstalten Luckau-Duben und Brandenburg/ Havel. Während letztere ihre Produkte auch in einem Geschäft verkauft, können in Luckau-Duben und Cottbus nur die Mitarbeiter Obst, Gemüse und Blumen einkaufen.

Tobias Jentsch, Gartenbau-Techniker, hockt neben Tomatenpflanzen in einem Gewächshaus der Gärtnerei in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Cottbus-Dissenchen. Im Strafvollzug des Landes Brandenburg gibt es für Gefangene vielfältige Arbeitsmöglichkeiten, die auf Resozialisierung und Strukturierung des Haftalltags abzielen.
Patrick Pleul/dpaDie Arbeit ist freiwillig, denn in brandenburgischen Gefängnissen besteht im Gegensatz zu den meisten Bundesländern keine Arbeitspflicht. „Der Wegfall der Arbeitspflicht hat die Beschäftigungsquote nicht signifikant verändert. Die Motivation der Gefangenen, Geld zu verdienen und einen strukturierten, arbeitsorientierten Tagesablauf zu haben, ist hoch“, erklärt dazu Justizminister Benjamin Grimm (SPD).
„23 Stunden auf der Zelle hocken - das können die Wenigsten“
Arbeit ist auch aus Sicht von Experten wie Julia Kölsch vom Bildungsdienstleister Kolping Bildung Deutschland zentral, wenn es um die Resozialisierung geht. Arbeit sei viel mehr als Gelderwerb, sondern helfe auch dabei, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. „23 Stunden auf der Zelle zu hocken – das ist nicht schön. Das können die Wenigsten, dafür ist der Mensch nicht gemacht. Arbeit bietet Struktur, einen Tagesrhythmus und kann im besten Falle auch auf das Leben nach der Haft vorbereiten“, so die Leiterin des Bereichs Resozialisierung. Aus ihrer Sicht können sich Menschen nur entwickeln, wenn sie begleitet, beschäftigt und qualifiziert werden.
Besonders gut gelinge dies in Gefängnissen, wenn die Insassen auch noch Abschlüsse erlangen können. „Das ist für mich der zentrale Wert von Resozialisierung, wenn wir den Leuten eine Perspektive für das Leben draußen geben. Anders kann das nicht gelingen“, so Kölsch.
Ehemaliger Insasse fand Job in Friedhofsgärtnerei
Zertifikate kann Gärtnerei-Chef Jentsch nicht ausstellen, denn er bildet nicht aus. „Wir können den Insassen aber bescheinigen, welche Arbeiten sie bei uns erledigt haben“, sagt Jentsch. Er versuche aber, den Gefangenen möglichst viel Wissen an die Hand mitzugeben. Und manchmal könne dies tatsächlich helfen. Ein ehemaliger Gefangener habe beispielsweise nach seiner Entlassung einen Job in einer Friedhofsgärtnerei bekommen. Geschichten wie diese freuen Jentsch eigenen Worten zufolge. „Zumal es ein richtiger alter Berliner Haudegen war“, erzählt er mit Blick auf seinen ehemaligen Schützling.
Faisal und Bernd wollen im Anschluss nicht weiter gärtnern. Für Faisal ist schon klar, wie es für ihn in Freiheit weitergeht: „Ich kann sofort wieder auf dem Bau anfangen“, sagt er.

Eine Angestellte der Justizvollzugsanstalt (JVA) Cottbus-Dissenchen schaut in ein Gewächshaus der Gärtnerei auf dem Gelände der JVA. Im Strafvollzug des Landes Brandenburg gibt es für Gefangene vielfältige Arbeitsmöglichkeiten, die auf Resozialisierung und Strukturierung des Haftalltags abzielen.
Patrick Pleul/dpaEin Problem ist laut Julia Kölsch, dass es in vielen Gefängnissen zwar gute Angebote gibt, aber nicht immer genügend Personal, das diese auch anbieten kann. „Jede Maßnahme endet, wenn kein Personal da ist“, so Kölsch. Für den Fall, dass Tobias Jentsch einmal ausfällt, sei eine Vertretungsregelung gefunden worden, erklärt Matthias König.
In Brandenburgs Gefängnissen saßen Ende Mai laut Justizministerium insgesamt 1.145 Gefangene. Insgesamt ist Platz für 1.481 Insassen. Die Auslastung lag bei 77 Prozent. Gut jeder zweite Gefangene geht einer Beschäftigung nach: Im März 2025 lag die Quote bei rund 53 Prozent. Zu Beschäftigung zählen Arbeit, Arbeitstherapie, Arbeitstraining oder Qualifizierungsmaßnahmen. Der Stundenlohn für Arbeit im Gefängnis lag laut Ministerium im Jahr 2024 zwischen 1,63 Euro und 2,44 Euro.
