Sie steht neben dem Bundespräsidenten, wenn er in Berlin Geflüchtete aus der Ukraine begrüßt und ist das Sprachrohr der Bundesverteidigungsministerin, wenn sie in Odessa Waffenlieferungen zusagt. Doch manchmal nimmt sich die Dolmetscherin Doris Maidanjuk Urlaub und sucht dann die Dunkelheit.
So wie bei der Eröffnung des Cottbuser Filmfestivals. Da sitzt sie dann in einer abgedunkelten Kabine und spricht die ukrainischen Dialoge für alle, die der Filmsprache nicht mächtig sind, ins Deutsche ein.
Per Kopfhörer gelangt die frische Stimme der 64-Jährigen zum Publikum. „Luxembourg, Luxembourg“, heißt der Eröffnungsfilm des ukrainischen Regisseurs Antonio Lukich. Liebevoll erzählt er in seiner Tragikomödie die autobiografisch angehauchte Geschichte der Zwillingsbrüder Kolya und Vasya, die Kinder einer Ukrainerin und eines Serben aus dem Gangstermilieu sind. Auch Lukich hat einen Vater aus Ex-Jugoslawien, der sich früh aus dem Staub gemacht hat ...
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Dolmetscherin beim Eröffnungsfilm „Luxembourg, Luxembourg“

„Im Leben geht es darum, den richtigen Zeitpunkt für den Absprung zu finden“, philosophiert ein älteres Ego des impulsgesteuerten Kleindealers und Busfahrers Kolya darin. Der 27-Jährige hat ihn nie gefunden. Ganz anders sein erfolgreicher Bruder Vasya. Nach der Ausbildung zum Polizisten wartet er auf die nächste Beförderung. Doch mit einem kleinkriminellen Bruder ist das so ein Problem.
„Wenn ein Sohn wie seine Mutter aussieht, ist er ein Glückskind. Obwohl wir Zwillinge sind, sieht Vasya aus wie unsere Mutter. Ich sehe aus wie unser Vater“, auch diese Weisheit stammt von Kolya. Doch im Verlauf der schwarzhumorigen Geschichte wird schnell klar: Alle Figuren haben ihr eigenes Päckchen zu tragen, bei ihrer Suche nach Anerkennung.
Der eine will es beruflich schaffen, den anderen treibt die lebenslange Sehnsucht nach der väterlichen Liebe um. Und weil sie so verschieden sind, wird kaum noch gesprochen, der jeweils andere belächelt. Doch dann schickt das Leben sie gemeinsam auf eine schicksalhafte Reise…
Das ukrainische Konsulat in Luxemburg ruft an: Ihr Vater liege im Krankenhaus und werde bald sterben. Während Kolya seinen Helden aus Kindheitstagen unbedingt sehen will, ist Vasya skeptisch...

Vorbereitung auf die Übersetzung

Doris Maidanjuk hingegen ist zuversichtlich, dass der Film gefallen wird. Sie hat ihn schon gesehen. Die Beiträge, die sie während des Festivals dolmetscht, guckt sie sich vorher an. „Wenn ein Gedicht oder Gebet zitiert wird, dann suche ich nach der offiziellen Übersetzung und auch militärische Dienstgrade habe ich nicht spontan drauf“, erzählt die gebürtige Senftenbergerin. Gute Vorbereitung ist wichtig bei der Sprachmittlung: Bei Filmen über Rapper ist das Tempo hoch, in historischen Stoffen werden oft althergebrachte Begriffe verwandt.
Sprachen waren schon immer Doris Maidanjuks Leidenschaft und so bewarb sie sich für ein Studium als Wirtschaftsingenieurin in Kiew – auf Russisch. „Die ukrainische Sprache war damals mehr Folklore“, erinnert sie sich. In Kiew lernte Doris Maidanjuk auch ihren Ehemann kennen, einen Ukrainer, dem sie ihren melodiösen Nachnamen verdankt.
Mittels Absolventenlenkung landete die Wirtschaftsingenieurin im Cottbuser Textilkombinat. Das stand nach der Wende vor dem Aus. Doch Doris Maidanjuk ist wie Vasya im Eröffnungsfilm: Sie weiß, wann es Zeit für den Absprung ist. Und so hatte sie sich vorsorglich in Kiew eine Sprachlehrerin gesucht. „Ukrainisch war die beste Wahl meines Lebens“, sagt die beeidigte Dolmetscherin und Übersetzerin für Russisch und Ukrainisch heute. Denn seitdem die Ukraine 1991 unabhängig wurde, ist Ukrainisch die Staatssprache, was die Auftragslage enorm verbesserte.
In Cottbus lebt Doris Maidanjuk gern. Als vor 32 Jahren das Cottbuser Filmfestival von Kinoenthusiasten gegründet wurde, war sie begeistert: „Das war toll, so ein Festival bei uns zu haben.“
Als Lokalpatriotin unterstützt Doris Maidanjuk die osteuropäische Filmschau gerne. Seit 20 Jahren gehört sie dort zum Team freier Dolmetscher. „Früher war die Vorbereitung schwierig, weil man nicht wusste, ob die VHS-Kassetten mit den Filmen es über den Zoll schaffen oder rechtzeitig ankommen.“ Heute gibt es Sichtungslinks und manchmal auch noch Dialoglisten: „Doch Letztere sind oft auf Englisch und das beherrsche ich nicht so gut.“

Cottbuserin kommt über Casting in Kiew zum Film

Dafür kann sie andere Sachen. In ihrer Freizeit übersetzt sie für Privatleute Dokumente vom Ukrainischen ins Deutsche. Das Honorar dafür spendet sie der Ukrainehilfe. Auch schauspielern hat die 64-Jährige drauf. Dieses Talent hat Eröffnungsfilm-Regisseur Antonio Lukich bei ihr entdeckt.
Seit 2015 arbeitet Doris Maidanjuk beim Auswärtigen Amt in Kiew. Dort gab es eine Anfrage an die Kulturabteilung. „Gesucht wurde ein Ausländer, der ukrainisch spricht.“ Die Deutsche war erstaunt, als sie plötzlich bei einem Casting stand. Regisseur Antonio Lukich erkannte sie gleich – schließlich hat sie schon für ihn in Cottbus bei seinem Vorgängerfilm „My Thoughts are Silent“ gedolmetscht. Und so kam Doris Maidanjuk zu ihrer ersten Rolle im Film.
Dass „Luxembourg, Luxembourg“ nach Venedig und Toronto in Cottbus zu sehen ist, freut Doris Maidanjuk. Sie spielt darin eine Mitarbeiterin des ukrainischen Konsulates in Luxemburg. Die Zwillingsbrüder trifft sie im Krankenhaus. Dort dolmetscht sie für die beiden und informiert sie über den Tod des Vaters. Großen Spaß habe ihr der Dreh gemacht.
Doris Maidanjuk hofft, dass sie nach ihren Dolmetsch-Einsätzen noch Zeit hat, selbst ein paar Filme zu schauen. Ernstere Stoffe wie „Mariupol 2“ und „One day in Ukraine“ von Volodymyr Tykhy stehen dabei ganz oben auf ihrer Liste. Dass das Festival aufgrund des Angriffskrieges nur einen russischen Film im Programm hat, findet sie gut. Für die Ukraine wünscht sie sich: „Dass sie diesen Krieg gewinnt und dass sie die Chance bekommt, tatsächlich ein freies, demokratisches, glückliches Land zu werden.“ Das hätten Regisseure wie Antonio Lukich und die Ukrainer verdient.
Mehr zum Filmfestival Cottbus finden Sie auf einer Themenseite.

Übersetzungen beim Filmfestival - wo gibt es sie?

Beim Cottbuser Filmfestival solle möglichst viele Menschen in den Genuss osteuropäischer Produktionen kommen. Deshalb werden alle Filme im Festivalzentrum Stadthalle, im Glad-House Saal, dem Großen Saal des Filmtheaters Weltspiegel sowie der Kammerbühne gedolmetscht.
Zuschauende leihen sich am Eingang Kopfhörer und hören die live gedolmetschten Filmdialoge während der Vorführung. Die Dolmetscher-Kabinen werden dazu vom Festival extra in die Spielstätten eingebaut. So etwas ist sehr selten bei Filmfestivals. Insgesamt deckt das diesjährige Dolmetscher-Team die folgenden Sprachen ab: Englisch, Polnisch, Ukrainisch, Russisch, Tschechisch, Französisch, Spanisch, Kroatisch, Serbisch, Bosnisch und Montenegrinisch.
In den nicht genannten Spielstätten laufen die Filme in Originalversion mit englischen Untertiteln.