Deutschland spricht in Cottbus: Was der Oberbürgermeister von der deutschen Streitkultur hält

Oberbürgermeister Tobias Schick diskutiert mit interessierten Cottbusern beim Stadtteilrundgang in der Cottbuser Innenstadt. Er ist dabei, wenn „Deutschland spricht“ jetzt in Cottbus Station macht.
Michael HelbigMenschen mit ganz unterschiedlichen Ansichten und politischen Meinungen werden beim Dialogforum „Deutschland spricht“ an einen Tisch gebracht. Im Alten Stadthaus Cottbus. Gespannt auf die Veranstaltung am 15. September ist auch der Cottbuser Oberbürgermeister Tobias Schick (SPD). Denn zur Streitkultur in Deutschland hat er eine klare Meinung.
Herr Oberbürgermeister, „Deutschland spricht“ – und Cottbus spricht mit. Wie wichtig ist das aus Ihrer Sicht und was glauben Sie, wird damit erreicht?
Meine Zielstellung ist klar: Ich bin gern Oberbürgermeister dieser wunderbaren Stadt mitten im Strukturwandel – trotz der großen Herausforderungen, die wir in ganz Deutschland haben, wenn ich beispielsweise an das Fachkräftethema, an Migration und Integration denke. Das ist durchaus ein schwerer Spagat. Denn eigentlich brauchen wir noch mehr Menschen, die nach Cottbus kommen. Und ich bleibe bei meinem Spruch: egal ob aus Baden-Württemberg oder Bangladesch. Jeder, der hier anpacken will im Lausitzer Strukturwandel, ist herzlich willkommen.
Cottbus ist wirklich eine spannende Stadt. Dass sie bei „Deutschland spricht“ mitmacht, finde ich gut und wichtig. Auch ich selbst werde dabei sein. Mich interessiert besonders, wie man bei diesem Dialogforum in den Austausch kommen will. Ich selbst habe ja auch verschiedenste Formate für den Austausch mit den Bürgern und freue mich zu sehen, wie Journalistinnen und Journalisten das bewerkstelligen. Wie sie ausgewogen, verschiedenste Meinungen zu Wort kommen lassen und möglichst ein abgerundetes Bild von Meinungsvielfalt und dem, was diese Stadt ausmacht, zeigen.
Wie sind Sie privat? Ein streitlustiger Mensch oder lieben Sie eher die Harmonie? Was gehört für Sie zu einer guten Streitkultur?
Also, es ist kein Geheimnis: Ich habe im Oktober Geburtstag, bin Waage, der man gern nachsagt, harmoniebedürftig zu sein. Ich denke, dass ich auch für viele Cottbuserinnen und Cottbuser spreche: Am Ende müssen wir uns vertragen. Das gilt in Familien genauso wie in der Schule, auf dem Arbeitsplatz und im Vereinsleben. Wenn man sich trifft, muss man nicht immer einer Meinung sein. Aber am Ende muss man miteinander auskommen und Kompromisse finden. Das heißt aber auch, nicht jeder setzt sich durch, sondern jeder geht auf den anderen zu und schaut, was machbar und was gut für alle ist.
Wie nehmen Sie die Streitkultur im Land aktuell wahr, was stört Sie?
Streiten heißt als allererstes, seine Meinung, seinen Standpunkt argumentativ darzulegen. Schwierig ist, wenn Emotionen ins Spiel kommen. Wir sind alle Menschen und meist gibt es eine Vorgeschichte mit demjenigen, mit dem wir diskutieren. Hilfreich ist ein Moderator, der auf die Einhaltung von Spielregeln in der Diskussionskultur achtet. Das ist aber ohne Zweifel anstrengend und zeitaufwändig.
Ganz wichtig aus meiner Sicht: die Meinung und den Anderen zu akzeptieren. Ich muss diese Meinung nicht teilen, doch ich muss akzeptieren, dass es Menschen mit anderen Standpunkten gibt. Dann kann es ja auch Spaß machen, Argumente auszutauschen und erworbene Techniken zu nutzen, um für seine eigene Sache einzutreten.
Leider passiert heute vieles anonym im Netz. Es hat sich eine Debattenkultur entwickelt, die nur Schwarz und Weiß kennt. Einziges Kommunikationsmittel ist, Kommentare zu schreiben und Follower zu finden. Das ist jedoch keine Sachdiskussion. Vieles ist emotionalisiert. Argumente auszutauschen, ist extrem schwierig, wenn einer einfach zumacht.
Wie wichtig ist eine gesunde Streitkultur für die Stadt und die Gesellschaft?
Wir leben in einer Gesellschaft, die offen ist, die aber auch einfordert, sich kritisch mit Themen auseinanderzusetzen. Nur weil mir die Meinung eines anderen nicht gefällt, darf das nicht heißen, dass ich auch den Diskutanten nicht akzeptiere. Jeder hat das Recht in einer Demokratie, seine Meinung zu sagen, es sei denn, sie ist staats- oder verfassungsfeindlich. Dann reicht nicht nur der Fingerzeig, dann muss der Staat entsprechende Mittel ergreifen.
Was ich mir wünsche: Bei aller Diskussion über Frieden, soziale Ungerechtigkeit oder Wohlstand dürfen wir nicht vergessen, dass wir erstens in einem Land leben, wo wir diese Diskussionen führen dürfen und zweitens Zugang zu vielen Informationsquellen haben. Mein Appell: Laufen Sie niemanden hinterher, informieren Sie sich selbst!
Was tun Sie, um ins Gespräch zu kommen und im Gespräch zu bleiben? Erreichen Sie die Menschen noch?
Ich bin ein offener Mensch – und die Cottbuserinnen und Cottbuser wissen das. Selbst, wenn ich einkaufen gehe, werde ich angesprochen. Diese Gespräche, die mitunter selbst am Stand für Hygieneartikel geführt werden, dauern mal fünf Minuten, mal auch deutlich länger. Die Cottbuser nutzen sehr rege die Bürgersprechstunden, Formate wie das Gespräch am Gartenzaun oder schreiben eine E-Mail.
Auch die Ortsteilrundgänge an Sonnabenden führen wir gut und kritisch und mit festen Vereinbarungen durch. Mein Lieblingsspruch: Ich habe den Goldklumpen im Keller nicht gefunden. Wir müssen also tatsächlich schauen, was können wir uns wann leisten. Alles geht nicht. Wichtig ist Verständnis auf allen Seiten, warum wer so und nicht anders agiert. Informationen und Fakten werden ausgetauscht. Viele, die in ihrer Blase sitzen, glauben, dass nur sie die Fakten wirklich kennen. Doch das stimmt oft nicht.
Was hinter der bundesweiten Aktion „Deutschland spricht“ steckt
Die „Deutschland-spricht“-Gespräche sind eine bundesweite Aktion von Zeit online mit Partnern – in Brandenburg mit der Lausitzer Rundschau und der Märkischen Oderzeitung. Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Leipziger Volkszeitung, das Handelsblatt, radioeins vom rbb, das Mindener Tageblatt, die Ibbenbürener Volkszeitung und das Bürgerportal Bergisch Gladbach beteiligen sich.
Am 15. September 2024 werden sich die zusammengebrachte Diskussionspartner zu Eins-zu-Eins-Gesprächen im Alten Stadthaus in Cottbus treffen. Dort soll außerdem mit Gästen über die Frage diskutiert werden, was die Gesellschaft noch zusammenhält. Zur Veranstaltung in Cottbus können Sie sich hier anmelden.
Wie können Menschen, die sich dem Konflikt gar nicht mehr sachlich stellen wollen, für die Demokratie zurückgewonnen werden?
Durchs Zuhören. Das habe ich oftmals bei den Gesprächen festgestellt. Wenn die Menschen eine ganze Weile erzählt haben, kommen sie von ganz allein und fragen, Herr Schick, Sie sagen ja gar nichts. Ich antworte, dass ich das erstmal verdauen muss und versuche, für die Menschen und ihre Meinung Verständnis zu zeigen.
Gleichzeitig fange ich an zu fragen, wie sie zu ihrer Meinung kommen und woher sie ihre Informationen haben. Wenn dann der Verweis auf ihre eigenen Quellen kommt, sage ich, was ich aus meinen Quellen weiß – und wir kommen gemeinsam runter. Letztlich verabreden wir, was wir tun können, um das Problem zu lösen.
Und das funktioniert?
Nicht mit allen, aber mit vielen. Ich habe festgestellt, und das hat mich anfangs traurig gemacht, dass wir Menschen gar nicht mehr die Möglichkeit geben, ihnen zuzuhören. Das ist wirklich anstrengend, oft wirkt der Vortrag diffus und wenig geordnet.
Debattenkultur hat viel damit zu tun, welche Instrumente ich mir angeeignet habe, zuhören zu können. In vielen Ländern gibt es Debattierklubs. Auch in der Schule lernt man das. Ich hatte beispielsweise eine tolle Deutschlehrerin, die uns in die Lage versetzt hat, Argumente auszutauschen.


