Von Andrea Hilscher

Über 300 Cottbuser stellen sich am 26. Mai dem Votum der Wähler. Sie alle wollen einen Platz in  der Stadtverordnetenversammlung. Unter den Bewerbern sind auch zwei Männer, die vor allem durch eines auffallen: ihr Alter. Max Löcher ist gerade mal 18 Jahre alt, er geht für die CDU ins Rennen. Dietrich Hallmann dagegen ist 1938 geboren, er ist der älteste Kandidat der Stadt und steht auf der Liste der SPD.

Max Löcher fällt auf. Der junge Mann ist sorgfältig frisiert, trägt Hemd und Sakko, seine zahlreichen Urkunden hat er sorgsam in einem Ordner abgeheftet. Zur Politik kam er bereits als Siebtklässler. Damals wurde er als Schüler der Sachsendorfer Oberschüler zur Jugendkonferernz der Stadt delegiert, engagierte sich dort in einem Ausschuss und durfte die Ergebnisse seiner Gruppe präsentieren. „Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich dabei geblieben bin“, erzählt der Kahrener. Er arbeitet in den folgenden Jugendkonferenzen mit, wurde Klassen- und stellvertretender Schulsprecher, wurde in den Kreis- und Landesschülerrat gewählt. „Ich bin ein Anpacker und will etwas bewegen“, sagt der Jungpolitiker.

Nach der zehnten Klasse ist er an die Theodor-Fontane-Gesamtschule gewechselt, macht dort gerade das Fach-Abitur. Bildungsthemen sind sein Spezialgebiet. „Und weil ich finde, dass die rot-rote Bildungspolitik viel versäumt hat, habe ich mich bei anderen Parteien umgesehen.“ Gelandet ist er bei der Jungen Union und der CDU, für die er jetzt ins Rennen geht.

„Natürlich bin ich jung, aber ich finde es wichtig, dass auch die Menschen über Zukunft entscheiden, die sie dann tatsächlich auch noch miterleben.“ Der Ostsee sei so ein Thema, bei dem langfristig gedacht werden müsse. „Und auch die Bildung prägt ein ganzes Leben, da darf nicht schon am Anfang etwas schief laufen.“ Die enormen Stundenausfälle in Brandenburg, die ärgern ihn. Deshalb sieht er auch die Klimademonstrationen der „Fridays für Future“-Bewegung mit gemischten Gefühlen. „Die Ziele sind wichtig, aber man sollte dafür keinen Unterricht versäumen.“

Für seine Haltung wird er ab und an von einen Mitschülern kritisiert, andere dagegen unterstützen sein Engagement. Zumal er auch eigene Positionen vertritt: Beim umstrittenen Paragrafen 13 lehnt er den Einsatz von Upload-Filtern ab. „Urheberrechte müssen geschützt werden, aber bitte mit anderen Methoden.“

Über seine Wahlchancen macht er sich wenig Illusionen. „Ich bin sehr jung, da wird es schwierig.“ Zumal ein Wahlkampf zeitlich und finanziell aufwendig sei. „Meine Eltern unterstützen mich, ich nutze alle Kontakte, die ich in Kahren und in der Stadt habe, um die Menschen zu erreichen.“ Besonders für die ländlichen Ortsteile würde er sich gern einsetzen. „Wir brauchen bessere Fuß- und Radwege sowie gute Verbindungen in die Innenstadt.“ Der Ostsee ist ihm ein wichtiges Thema, die Stärkung der BTU und des CTK. „Es wäre toll, wenn junge Menschen hier Medizin und Lehramt studieren könnten.“ Er selbst macht seine berufliche Zukunft vom Ausgang der Kommunalwahl abhängig. „Sollte ich gewählt werden, bleibe ich natürlich in Cottbus.“

Dietrich Hallmann (81) hat seinem Leben viel gesehen, viel erlebt, viel nachgedacht. Der gebürtige Bayer, der der Liebe wegen in die frühere DDR übergesiedelt ist, gehört zu den Gründungsmitgliedern des Kreisverbandes der Sozialdemokratischen Partei in der DDR in Rathenow. 1990 ging die SDP in der SPD auf, Familie Hallmann zog nach Cottbus. „Weil im Ortsverein Sandow Leute gebraucht wurden, bin ich dorthin gegangen“, erinnert sich der SPD-Mann lächelnd. Sein Wohnsitz lag und liegt in der Stadtmitte: Der frühere Pfarrer und Superintendent lebte während seiner Amtszeit in der Gertraudenstraße. Nach der Emeritierung zog er mit seiner Frau Dorothea Hallmann in eine Wohnung am Puschkinpark. „Dicht an der Oberkirche, das ist für uns beide praktisch.“

Schon einmal, zwischen 2008 und 2014, saß Hallmann für die Sozialdemokraten in der Stadtverordnetenversammlung. „Als die Parteifreunde mich jetzt gefragt haben, ob ich wieder kandidieren möchte, habe ich erstmal mein Alter vorgeschoben“, sagt er. „Aber eigentlich fühle ich mich gesundheitlich und geistig fit. Warum also nicht?“

Gerade in Zeiten, in denen die Politik spannungsgeladen sei wie lange nicht, würde er gern zur Beruhigung beitragen. „Aufeinander zugehen, reden.“ Klingt versöhnlich, soll es auch sein. „Aber es gibt Grenzen. Bestimmten auswärtigen Demonstranten würde ich schon gern ein paar deutliche Worte sagen.“

Die Demokratie liegt dem früheren Pfarrer am Herzen. Stärken will er sie, ihren Wert für jeden Einzelnen bewusst machen. „Ich erinnere mich an die früheren Vertragsarbeiter in Rathenow. Die mussten in den letzten Jahren der DDR auch oft mit Anfeindungen und Aggression leben.“ Rechte Tendenzen habe es in den späten 1980er-Jahren gegeben, in Cottbus seien sie dann in den 90er-Jahren massiv zu beobachten. „Heute nutzen politische Kräfte diese Stimmungen, da müssen wir gegenhalten.“ Die Themen, die in seinem Sandower Ortsverein besprochen werden, sind ihm allerdings ebenso wichtig. „Fußwege, Radwege, Kitas, das ist wichtiges Alltagsgeschäft in der Kommunalpolitik.“ Seine Frau, die sich unermüdlich und ehrenamtlich in der Oberkirche engagiert, findet seine erneute Kandidatur in Ordnung. Ob er gewählt wird? „Ich bin Realist und nehme es wie es kommt.“ Und in diesem Punkt ähnelt seine Haltung der von Max Löcher. Der älteste und der jüngste Kandidat, so weit auseinander sind sie gar nicht.