Von Jan Siegel und Ingvil Schirling

Wer mit Hans-Joachim Weidner am Donnerstagnachmittag zusammen sitzt, der fühlt sich ein bisschen wie auf einem Bahnhof. Im Minutentakt pfeift Weidners Mobiltelefon wie eine gute, alte Dampflok. Weidner ist der Erfinder und Cheforganisator des Spreewaldmarathons, dessen 17. Auflage bis zum Sonntag wieder viele Tausend Spreewaldfans und Sportler in seinen Bann zieht.

Damit alles reibungslos funktioniert, wird der Cheforganisator auch diesmal wieder von etwa 500 ehrenamtlichen Helfern tatkräftig unterstützt. Sein Hauptquartier hat Weidners Mannschaft  in und um die Schule in Burg aufgeschlagen.

Wieder pfeift das Telefon: Ein Mitarbeiter des Brandenburger Bildungsministeriums will aufgeregt wissen, ob Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) nun doch die „Schirmherrschaft“ für den Marathon übernehmen soll.  Irgendwie war wohl die Anfrage vom Herbst aus der Lausitz jetzt im Ministeriumskalender aufgeploppt. Weidner bleibt entspannt – kann er auch – als Schirmherr und Starter für den Marathon hat mit Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) längst der Chef von Britta Ernst fest zugesagt.

Während Weidner mit Regierungsmitgliedern „jongliert“, geht das Gewusel um ihn herum weiter. Das Team darf keine Zeit verlieren. Für die rekordverdächtige Anzahl von 44 unterschiedlichen Touren und Wettkämpfen zwischen Donnerstagabend und Sonntag müssen immerhin insgesamt 24 Verpflegungsstützpunkte aufgebaut und mit allem bestückt werden, was die Herzen der Läufer, Radler, Skater, Paddler und Wanderer begehren. Dabei ist das Angebot weit entfernt von der sonst bei vergleichbaren Veranstaltungen asketischen Sportlernahrung. Der Spreewaldmarathon will ein Erlebnis sein für die ganze Familie. In Burg ist jedenfalls nichts zu sehen von Haferschleim, Powerriegeln und auch „Bananen gehen eigentlich gar nicht“, sagt Weidner. Stattdessen gibt es beispielsweise leckere Torten aus Frauendorf, jede Menge Radler – die Mischung aus Bier und Limonade – und für die Zieleinläufe natürlich reichlich Sekt. Und Weidner legt Wert auf Details. So wurde bei der australischen Wanderung auf den Spuren Ludwig Leichhardts am Donnerstagabend in Goyatz gebratenes Kängurufleisch gereicht. An die 60 Kaffeemaschinen werden an den Verpflegungsstellen im Dauereinsatz  wieder ununterbrochen zischen und röcheln. 24 Anhänger stehen am Donnerstagnachmittag bereit, um den Proviant aufzunehmen.

Der Spreewaldmarathon hat sich seit Anfang der 2000er-Jahre zum wohl größten Volkssport-Event in Südbrandenburg entwickelt. Die Zahl der bis zum Donnerstagabend angemeldeten Teilnehmer liegt bei der Rekordzahl von 12 445. Am Ende werden es mehr sein, weil sich an den Starttagen noch Nachzügler anmelden. 13 155 Teilnehmer waren es im vorigen Jahr, und weil Hans-Joachim Wieder, wie bisher immer, auch diesmal am Ende gerne einen neuen Teilnehmerrekord verkünden würde, hofft er, diese Zahl zu überbieten. Die Voraussetzungen sind seit dem  Anmelderekord günstig.

Vor allem viele Skater haben eine weite Anreise. Sie kommen aus Schweden, Norwegen, Dänemark und Italien in den Spreewald. Ganze Mannschaften haben sich sogar aus Brasilien und Venezuela angesagt. „Die glatten Straßen und das flache Terrain sind eben Weltspitze“, sagt Hans-Joachim Weidner. Dazu ist der Marathon mit einem Höhenunterschied von 1,8 Metern auf der Strecke ziemlich sicher wohl auch der flachste Marathon der Welt.

Das Marathon-Wochenende lohnt sich für die Region. Die Organisatoren um Hans-Joachim Weidner haben ausgerechnet, dass allein die anreisenden Teilnehmer aus Deutschland im vergangenen Jahr auf rund 5300 Übernachtungen kamen und mehr als 1,4 Millionen Euro in der Spreewaldregion gelassen haben dürften. Bedenkt man, dass die wenigsten Teilnehmer alleine anreisen, steigert sich bei einem statistischen Multiplikator von rechnerisch 1,75 Personen pro Teilnehmer der gesamtwirtschaftliche Effekt allein bei den Übernachtungen von Teilnehmern und Gästen auf fast 2,9 Millionen Euro. Die Nase vorn hat hier übrigens Burg mit rund der Hälfte aller Übernachtungen, gefolgt von Lübbenau. Ein Viertel teilen sich Lübben und weitere Orte. Teilnehmer mit Tagesanreise ließen 2018 nach den Berechnungen der Organisatoren zusätzlich insgesamt knapp 700 000 Euro in der Region. Daraus ergibt sich unterm Strich ein rechnerischer Gesamtumsatz von knapp 3,6 Millionen Euro.

Und wenn am Sonntag um 16.30 Uhr der Spreewaldmarathon mit all seinen Wettkämpfen zu Ende geht, dann ist für Hans-Joachim Weidner, seine Familie und seine Helfer noch lange nicht Schluss. Noch am Montag organisiert Weidners Mutter – die am heutigen Freitag übrigens ihren 82. Geburtstag feiert – mit dem Seniorenverein in Schipkau (Oberspreewald-Lausitz) bei sich zu Hause eine inzwischen schon traditionelle und legendäre Abwaschaktion, um beim „Klar-Schiff-Machen“ zu helfen.

Bildergalerie Wer nicht rechtzeitig anreist, kann leicht Probleme bekommen bei der Parkplatzsuche an den Spreewaldmarathon-Veranstaltungsorten.

Sportwettbewerb für Groß und Klein Spreewaldmarathon lockt am Wochenende Tausende Radler

Lübben

Lübben