In der Pyrastraße Nummer 9 in Cottbus hat die Familie des Hoyerswerdaers damals gewohnt. „Ich glaube, meine Mutter bereitete das Mittagessen vor, als der Fliegeralarm kam. Wir haben die Wohnung verlassen und uns zunächst im Hausdurchgang aufgehalten“, erzählt Helmar Hoffmann. „Der Luftschutzwart drängte uns, in den Keller mit dem Luftschutzraum zu gehen. Aber da bei den vorherigen Alarmen nie was passiert war, habe ich mich mit anderen an der Hofausgangstür aufgehalten.“

Plötzlich ein Pfeifen und ein unheimlicher Knall. „Ich sehe noch ein paar Steine vom Nebengebäude in den Hof fallen und finde mich plötzlich bei meiner Mutter und meinem Bruder im Luftschutzraum wieder.“ Öfter sind nun Explosionen zu hören und irgendwann ist Stille. Tödliche Stille.

Ein Bombentrichter mitten auf der Straße

„Irgendwann haben wir den Keller verlassen, standen im Hauseingang und schauten auf die Straße. Da kam ein Mann aus dem Nachbarhaus gelaufen und machte schreiend auf einen Blindgänger aufmerksam. Ängstlich schaue ich mich weiter um.“ Der Zaun zum Zuchthaus ist stellenweise weg, ein Teil des langen Gebäudetrakts ist eingestürzt, davor hocken zwei Frauen in Sträflingskleidung. Dann der Schock: Ein Bombentrichter in der Gartenstraße, mitten auf der Fahrstrecke. Das Knüppelpflaster ist weg und der Bürgersteig ein schmaler Pfad. „Der Einschlag muss vier bis fünf Meter vom Seitenflügel unseres Wohnhauses erfolgt sein. Und das markante Wohnhaus, in denen Lehnigks wohnten, keine 100 Meter von uns entfernt, war ein einziger Schutthaufen.“

Auf der Flucht aus der zerstörten Stadt Cottbus

Gott sei Dank. Die Eltern hatten für den Fall einer möglichen Evakurierung vorgesorgt und ein Fluchtquartier in Harnischdorf ausgesucht. „Unsere Wohnung war nicht mehr bewohnbar. Also machten wir uns auf: Meine Mutter mit ihren zwei Söhnen (acht und ein Jahr) und Frau Jerke auch mit Kindern (acht und vier). Ich schob den Kinderwagen, in dem mein Bruder lag. Und meine Mutter zog einen Handwagen hinterher.“

Auf dem Fluchtweg: Das Haus vor dem Eckhaus zur Dresdener Straße (Salon Tieck) ist zerstört. Paterre wohnte ein Schulkamerad von mir. Dort sah ich erstmals einen Toten ohne Kopf vor der kleinen Tankstelle liegen – heute ist dort der Platzvor dem Breithaus. Das Eckhaus Dresdener Straße/Eilenburger Straße stand in Vollbrand, davor ein Lkw – ebenfalls voll in Flammen. Die Häuserfront zwischen Ottilien- und Kochstraße: „zerstört, Trümmerteile auf der Fahrbahn behindern unser Fortkommen enorm“. Dazu kommt der Schreck: Durch Funkenflug fing die Wagendecke des Kinderwagens an zu brennen. „Rechtsseitig zwischen altem Friedhof und der Leuthener Straße sehe ich dann noch meinen ausgebombten Schulkameraden panisch von Hauseingang zu Hauseingang rennen, vermutlich auf der Suche nach seiner Mutter, die in der Löns-Kaserne arbeitete.“

Brennendes Dresden ist in Cottbus zu sehen

„Harnischdorf haben wir nicht mehr erreicht, in einer Randsiedlung von Groß Gaglow quartierten uns hilfreiche Menschen, Familie Heger, in einer unbewohnten Villa ein und versorgten uns auch mit Essen. In diesem Quartier verblieben wir einige Tage, um dann die Flucht geordneter nach Doberlug-Kirchhain fortzusetzen, wo mein Vater im ebenfalls aus Cottbus verlagertem Lazarett Dienst tat.“

Die letzte persönliche Erinnerung an den 15. Februar 1945: Abends ist vom Cottbuser Stadtrand gen Süden ein glutroter Himmel zu sehen gewesen, das brennende Dresden.

Was wäre gewesen, hätten wir am 15. Februar strengen Winter, mit Schnee gehabt? Und welche Lehren werden aus dem 15. Februar 1945 gezogen: niemals Krieg. Warum bekommen Nazis wieder Aufwind?