Initiative „Einfach Hammer“ gestartet
: Der Abend, an dem es reichte

Anzeige15 Betriebe, ein Ziel: Lauchhammer soll anders über sich reden. Was wirklich dahintersteckt und warum am Sonnabend alles begann.
Von
Anna Wagner
Lauchhammer
Initiative Lauchhammer

Initiative Lauchhammer

Einfach Lauchhammer

„Hier ist doch eh nichts los“

Ein Satz, den in Lauchhammer jeder schon einmal gehört hat. Vier Unternehmer wollten ihn nicht mehr hören. Was daraus geworden ist, geht an diesem Sonnabend online. Und es beginnt ausgerechnet mit dem, was über die Stadt gesagt wird. Man hört ihn an der Supermarktkasse. Am Gartenzaun. Von Jugendlichen, die nach der Schule nur eines wollen: weg. Man liest ihn in Kommentarspalten unter Fernsehberichten, die mit Bildern von leeren Fenstern beginnen und mit Zahlen zur Abwanderung enden. „Hier ist doch eh nichts los.“

Der Satz ist bequem. Er erklärt alles und verlangt nichts. Wer ihn sagt, muss nichts mehr tun.

Genau deshalb hat er vier Männer aus Lauchhammer irgendwann so geärgert, dass sie beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen.

Initiative Lauchhammer

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Einfach Lauchhammer

Der Abend, an dem es reichte

Sven, Jan, Björn und Tobias sind Unternehmer. Sie führen Betriebe, beschäftigen Menschen, bilden aus. Sie kennen die Probleme ihrer Stadt nicht aus der Zeitung, sondern aus ihrem Alltag: offene Stellen, die keiner besetzt. Azubis, die nach der Lehre nach Leipzig oder Berlin gehen. Bewerber, die absagen, bevor sie die Stadt überhaupt gesehen haben.

Und sie kennen das Bild, das von außen auf Lauchhammer fällt. Strukturwandel, Tagebaufolgen, Bevölkerungsrückgang. Ein Fernsehbericht hier, ein hämischer Kommentar im Netz dort. Nichts davon ist komplett falsch. Aber alles davon ist unvollständig.

Als die vier zusammensaßen, ging es zuerst um genau das: um Ärger. Über Berichte, in denen die eigene Stadt nur als Problemfall vorkommt. Über Menschen, die schlecht über Lauchhammer reden, ohne je in einem der Betriebe gewesen zu sein. Und, ehrlicherweise, auch über die eigenen Leute, die das Lied längst mitsingen. Irgendwann an diesem Abend kam die Frage, die alles verändert hat: Wer erzählt eigentlich die andere Hälfte der Geschichte? Die Antwort war ernüchternd. Niemand. Jedenfalls nicht, solange sie es nicht selbst tun.

Nicht meckern, machen

Daraus ist „Einfach Hammer“ entstanden. Eine Initiative, die sich bewusst nicht als Verein gegründet hat, die kein Parteibuch hat und keine Fördergelder abwartet. Wer mitmacht, zahlt aus eigener Tasche, bringt Zeit mit und zeigt Gesicht. Die vier haben in ihrem Umfeld gefragt, wer dabei ist. Aus vier wurden elf, aus elf wurden fünfzehn. Heute stehen Betriebe hinter der Kampagne, die sonst wenig miteinander zu tun haben: ein Betonwerk und ein Friseursalon, eine Spedition und eine Apotheke, ein Ingenieurbüro, ein MVZ, ein Campingplatz, eine Gebäudereinigung usw.

Was sie verbindet, ist ein Gedanke, der so einfach klingt, dass man ihn fast übersieht: Die Stimmung in einer Stadt macht nicht das Wetter. Die machen die Menschen, die dort leben.

Initiative Lauchhammer

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Einfach Lauchhammer

Was diese Kampagne nicht ist

Wer jetzt eine Hochglanzaktion erwartet, in der Lauchhammer zur Toskana der Lausitz erklärt wird, dürfte enttäuscht werden. Und das ist Absicht.

„Einfach Hammer“ will nichts schönreden. Die Initiatoren sagen offen, dass eine Kampagne keine Straße saniert, keinen Arzt in die Stadt holt und keine Werkhalle zurückbringt, die vor dreißig Jahren geschlossen wurde. Sie sagen auch, dass sich das Bild einer Stadt nicht in ein paar Wochen umdreht. Nicht einmal in einem Jahr.

Worum es geht, ist etwas anderes: den Blick zu verschieben. Weg von dem, was fehlt, hin zu dem, was da ist. Und das ist erstaunlich viel. In Lauchhammer werden Bauteile gegossen, auf die sich die Deutsche Bahn verlässt. Ein Ingenieurbüro plant Gebäudetechnik für Schulen und eine Ostseefähre. Ein Friseursalon arbeitet seit über siebzig Jahren in derselben Familie. Ein Campingplatz holt Gäste aus Japan und Südkorea an einen See, der eigentlich ein Moor ist. Nur weiß das kaum jemand. Manchmal nicht einmal die Nachbarn.

Warum ausgerechnet Unternehmer?

Man könnte fragen, warum sich gerade Geschäftsleute um das Image einer Stadt kümmern. Die Antwort ist ehrlich und ein bisschen eigennützig, und gerade das macht sie glaubwürdig. Ein Betrieb kann noch so gute Arbeit, faire Löhne und spannende Aufgaben bieten. Wenn ein junger Mensch beim Wort Lauchhammer zuerst an Leerstand denkt, bewirbt er sich nicht. Wenn eine Familie, die über einen Umzug nachdenkt, nur die schlechten Nachrichten kennt, kommt sie nicht. Der Fachkräftemangel beginnt nicht im Personalbüro. Er beginnt im Kopf.

Deshalb setzen die Initiatoren dort an. Nicht mit Stellenanzeigen, sondern mit Geschichten. In den vergangenen Wochen waren sie in den teilnehmenden Betrieben unterwegs, haben zugehört, gefilmt, nachgefragt. Herausgekommen sind Geschichten von Menschen, die nach Jahren in der Welt zurückgekommen sind. Von Betrieben, die ihren Standort aufgeben mussten und trotzdem neu gebaut haben. Von Kolleginnen, die ohne ein Wort Deutsch angefangen haben und heute zu den Besten im Team gehören.

Keine dieser Geschichten ist perfekt. Aber jede davon ist wahr

Der Startschuss ist gefallen

Am vergangenen Sonnabend, dem 10. Oktober, ist „Einfach Hammer“ an den Start gegangen. Seitdem ist das erste Video auf Instagram, Facebook und TikTok zu sehen. Wer es angeklickt hat, wird es gleich gemerkt haben: Es beginnt nicht mit einem Sonnenaufgang über dem Strandbad und nicht mit lächelnden Unternehmern. Es beginnt mit genau dem, was über Lauchhammer gesagt wird. Mit den Schlagzeilen. Mit den Kommentaren. Mit dem Satz, den alle kennen.

Und dann kommt die Wendung.

Wie die aussieht, wird an dieser Stelle nicht verraten. Das muss man selbst gesehen haben. Und es ist erst der Anfang: Etwa alle drei bis vier Tage folgt ein neues Video. Unternehmer, Mitarbeitende, Azubis, Rückkehrer. Orte, an denen man jahrelang vorbeigefahren ist, ohne genau hinzusehen. Und vermutlich die eine oder andere Geschichte, über die man in Lauchhammer noch lange redet.

Wer lieber in Ruhe liest, findet auf der Website der Initiative noch mehr: die ausführlichen Porträts der ersten Betriebe, Zahlen zur Stadt, die selbst Alteingesessene überraschen dürften, und ein Bilderrätsel mit der simplen Frage: Wo in Lauchhammer ist das? Wer alle Orte auf Anhieb erkennt, darf sich ruhig ein bisschen Lokalpatriot nennen.

Und jetzt?

Ob die Kampagne funktioniert, entscheiden am Ende nicht die fünfzehn Betriebe. Das entscheiden die Menschen in Lauchhammer. Ob sie die Videos anschauen, teilen, kommentieren. Ob sie ihren Kindern, die weggezogen sind, mal einen Link schicken. Ob sie beim nächsten „Hier ist doch eh nichts los“ kurz innehalten und sagen: „Warte mal. Wusstest du eigentlich …?“

Auf der Website gibt es einen Bereich, der mit drei Worten überschrieben ist: „Du fehlst noch.“ Gemeint sind Unternehmen, die mitmachen wollen. Aber gemeint ist eigentlich jeder. Denn eine Stadt ändert ihr Bild nicht, weil vier Unternehmer es wollen. Sie ändert es, wenn genug Leute anfangen, anders über sie zu sprechen.

Der erste Schritt ist gemacht.