Über kaum etwas wird im politischen Berlin derzeit so euphorisch gesprochen wie über ein Molekül. Wasserstoff sei ein „Schlüsselrohstoff“, schwärmt Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). FDP-Chef Christian Lindner glaubt sogar, es könne „das neue Öl werden“. Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) findet deswegen, es sei höchste Zeit, auf grünen Wasserstoff zu setzen.
H2, so der chemische Name des Moleküls, gilt als der Zauberstoff der Energiewende: Stahl und Chemiegüter sollen damit in Zukunft hergestellt werden. Es soll Kerosin beigemischt werden, damit Flugzeuge umweltfreundlicher fliegen. Züge, Busse, Lkw und Schiffe könnten damit ebenfalls klimaneutral unterwegs sein, sogar Gebäude könnten damit in ferner Zukunft geheizt werden. „Wasserstoff ist die Trägersubstanz, um erneuerbare Energie überall und ganzjährig zu nutzen“, ist Altmaier überzeugt.

Regierung will Wasserstoff in Deutschland auf den Weg bringen

Seit einem halben Jahr ringt die Regierung deswegen darum, die Technologie in Deutschland in großem Stil auf den Weg zu bringen. Nun ist es endlich soweit: Am Mittwoch will das Kabinett die „Nationale Wasserstoffstrategie“ beschließen. Damit soll Deutschland „Nummer eins bei Wasserstofftechnologien“ werden, heißt es in dem Papier, das der Lausitzer Rundschau vorliegt. Bis 2030 sollen fünf Gigawatt Elektrolysekapazitäten – durch diesen chemischen Vorgang wird der begehrte Stoff hergestellt – aufgebaut werden. Das ist ungefähr 200-mal so viel wie heute verfügbar ist. Sieben Milliarden Euro werden für die Förderung bereitgestellt, noch mal zusätzlich zwei Milliarden sollen für internationale Wasserstoff-Partnerschaften fließen.

Industrie durch Wasserstoff revolutionieren

Vor allem die Industrie könnte durch den Rohstoff revolutioniert werden. Für die Herstellung von Stahl ist jede Menge Koks notwendig, alleine der Konzern Salzgitter bläst jedes Jahr acht Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre – ein Prozent des deutschen Ausstoßes. Mit steigenden CO2-Preisen wird das jedoch zum Geschäftsrisiko. Indem sie statt Koks Wasserstoff verwendet, will die Branche bis 2050 klimaneutral werden.
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Senftenberg

Damit die Industrie ihre Produktion umstellen kann, muss allerdings genügend Wasserstoff verfügbar sein. Den stellt nur jemand her, wenn die Abnahme sicher ist. Das klassische Henne-Ei-Problem: Irgendjemand muss anfangen. Die Regierung will dieses Dilemma auflösen, indem sie jährlich steigende Mengen grünen Wasserstoffs ausschreibt. Den Zuschlag bekommt der Anbieter mit dem günstigsten Angebot. Damit das Produkt rentabel ist, sollen Elektrolyseure zudem von der EEG-Umlage befreit werden. Darüber hinaus benötigen die Produzenten jedoch vor allem eines: jede Menge Strom.

Extrem viel Strom zur Wasserstoff-Erzeugung notwendig

Alleine für die Erzeugung von Stahl mit grünem Wasserstoff bräuchte man laut Umweltbundesamt eine Kapazität von 75 Terra­watt Ökostrom. Für ein komplett klimaneutrales Deutschland wären es laut Bund der deutschen Industrie (BDI) 740 – mehr, als die ganze Republik heute an Strom verbraucht. Es sei aber schon heute klar, dass die von der Regierung angepeilten fünf Gigawatt „nur einen Bruchteil der erforderlichen Mengen an klima­freundlichem Wasserstoff in Deutschland erzeugen können“, ist sich Andreas Kuhlmann, Chef der regierungsnahen Denkfabrik Deutsche Energieagentur, sicher. Wer die teils hysterische Debatte um den Ausbau der erneuerbaren Energien verfolgt, bekommt eine Ahnung davon, wie realistisch das Vorhaben ist, den benötigten Wasserstoff ausschließlich hierzulande herzustellen.

Bei Wasserstoff auf Importe angewiesen

„Deutschland wird auch langfristig auf Energieimporte angewiesen sein“, ist in dem Papier deswegen zu lesen. Neben dem Heimatmarkt müsse ein „verlässlicher europäischer und internationaler Regulierungsrahmen“ geschaffen werden, um neue Handelsbeziehungen für Wasserstoff aufbauen zu können. Von möglichen Lieferverträgen mit Ländern in Afrika, Arabien und Südeuropa ist die Rede. Den Einwand, dieses Vorhaben würde an das gescheiterte Wüstenstromprojekt Desertec erinnern, lässt man nicht gelten: Wasserstoff benötige keine Stromleitungen und sei einfacher zu transportieren, was die Angelegenheit weniger kompliziert mache.
„Die in vielen Regionen der Welt dramatisch gesunkenen und weiter sinkenden Entstehungskosten für erneuerbar erzeugten Strom eröffnen erstmals eine greifbare Perspektive auf eine wirtschaftlich tragfähige globale Wasserstoffwirtschaft“, erklärten kürzlich auch BDI-Chef Holger Lösch und der Direktor des Max-Planck-Instituts, Robert Schlögl, gemeinsam. Die Technologie habe immense Fortschritte gemacht, zudem sei mit dem voranschreitenden Klimawandel der Handlungsdruck gewachsen. Die Zukunft, von der schon der Schriftsteller Jules Vernes berichtet hat, stehe deswegen nun bevor. Der schrieb schon 1870, Wasser sei die Kohle der Zukunft.