Die deutsche gesetzliche Rentenkasse steuert in der Corona-Krise nach Einschätzung von Ökonomen auf ein Finanzloch zu. Ursachen sind der Anstieg der Kurzarbeit und die wachsende Arbeitslosigkeit. Beides lässt die Beitragseinnahmen sinken.
Derzeit liegt der Rentenbeitrag bei 18,6 Prozent. Bei Arbeitnehmern heißt das, sie zahlen monatlich 9,3 Prozent vom Bruttogehalt in die Rentenkasse ein – und das bis zu einer Höchstgrenze des Bruttos, der Beitragsbemessungsgrenze (West: 6900 Euro, Ost 6450 Euro). Die andere Hälfte kommt vom Arbeitgeber.
Die große Koalition will den Rentenbeitragssatz bis 2024 stabil halten. Allerdings wird die Rentenversicherung nach einer Schätzung des Versicherungskonzerns Allianz wegen der durch Corona bedingten Wirtschaftskrise 2020 etwa acht Milliarden Euro weniger Beiträge einnehmen.
Im März 2020 verzeichnete die Deutsche Rentenversicherung (DRV) noch 19,5 Milliarden Euro Einnahmen, nach 20,2 Milliarden Euro im Februar und 20,3 Milliarden Euro im Januar. Dies teilt DRV-Sprecher Dirk von der Heide mit. Außerdem hatte die Rentenkasse Ende März Rücklagen von gut 38 Milliarden Euro.

Allianz: Rücklage für Rente leert sich schneller als erwartet

Doch die Ausgaben der Rentenversicherung summierten sich 2019 auf 319 Milliarden Euro - im rechnerischen Schnitt auf 26 Milliarden Euro pro Monat. Die Coronakrise werde die Rücklage schneller als erwartet leeren und Beitragserhöhungen notwendig machen, argumentieren die Allianz-Volkswirte: „Die andere Option wäre eine weitere Erhöhung des Anteils staatlicher Zuschüsse, um die Illusion aufrechtzuerhalten, dass höhere Ausgaben nicht notwendigerweise höhere Beiträge bedeuten.“
Hintergrund: Die Bundesregierung hat sich verpflichtet, den Rentenbeitrag bei 20 Prozent zu deckeln. „Wahrscheinlich werden wir schon im nächsten Jahr die Haltelinie von 20 Prozent erreichen“, sagt Axel Börsch-Supan, Direktor des Munich Center for the Economics of Aging (MEA) am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik.
Aus der Steuerkasse fließen bereits staatliche Zuschüsse in die gesetzliche Rente. Insgesamt 72 Milliarden Euro musste der Bund 2019 zuschießen, damit alle Rentner ihr Geld bekamen. Und in jenem Jahr liefen mit Ausnahme der Industrie große Teile der deutschen Wirtschaft noch gut. Die Löhne stiegen. Wie in den Vorjahren. Deswegen steigt zum 1. Juli 2020 die Rente: im Westen um 3,45 Prozent, im Osten um 4,20 Prozent.

Renten-Experte: Stehen erst am Anfang der Rezession

Die Wirtschaftsleistung in Deutschland schrumpft nun. MEA-Chef Axel Börsch-Supan sagt: „Wir stehen erst am Anfang der Rezession, in die richtig teure Phase sind wir noch gar nicht hineingekommen.“ Trotzdem können in Deutschland die Renten nicht sinken. Da wirke die Rentengarantie, die Rentenkürzungen verhindere.
Da die Renten nicht gekürzt werden dürften, wird dann nach Einschätzung des Rentenexperten der Bund die Lücke füllen müssen. „Die Bundeszuschüsse müssen wahrscheinlich schon 2022/23 in zweistelliger Milliardenhöhe steigen“, sagt Börsch-Supan.
Eigentlich hatte der Bund Vorkehrungen getroffen, damit die Rentner ihren Beitrag leisten, wenn die Einkommen der Zahler sinken: den Nachholfaktor. „Der bedeutet, dass die Renten auch nach einer Rezession mit sinkenden Einkommen nicht gekürzt werden, aber in den Folgejahren zum Ausgleich langsamer steigen“, sagt Börsch-Supan. Dieser Nachholfaktor hätte in der dritten Phase nach der Wirtschaftskrise ins Spiel kommen sollen.

Ökonom: Große Koalition bevorzugt Rentner

Doch hat die große Koalition diesen Nachholfaktor bis 2025 ausgesetzt. Börsch-Supan bewertet das als Bevorteilung der Rentner. „Das widerspricht komplett der Generationengerechtigkeit. Der Nachholfaktor sollte daher unbedingt wieder eingeführt werden“, sagt der Münchener MEA-Chef.
Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln sieht das ebenso. „Wenn der Nachholfaktor bis 2025 nicht zur Anwendung kommt, obwohl sich rechnerisch negative Rentenanpassungen ergeben, dann drohen die Ausgaben dauerhaft auf ein höheres Niveau zu steigen“, schreibt Jochen Pimpertz, der Fachmann des IW Köln für die Staatsfinanzen.
Manche Finanzexperten fordern bereits einen Stopp der diesjährigen Rentenerhöhung. Davon hält der Münchener Experte Axel Börsch-Supan nichts: „Man darf die Rentner nicht dafür bestrafen, dass sie die Früchte einer guten wirtschaftlichen Entwicklung ein Jahr später ernten.“