Von Jan Siegel

Wenn die Sonne in Südbrandenburg wieder wochenlang vom wolkenlosen Himmel brennt und der Regen ausbleibt, dann geraten Lausitzer Landwirte inzwischen regelmäßig in den Fokus der Öffentlichkeit. Noch immer nicht verklungen sind ihre verzweifelten Hilferufe aus dem Dürresommer 2018. Eine für Mitteleuropa eher untypische Ost-Wetterlage hatte damals die hierzulande in vielen Sommern ohnehin herrschende Trockenheit noch einmal massiv verschärft. Und wer es nicht besonders gut meint mit den Lausitzer Bauern, der hat damals sarkastisch mit den Achseln gezuckt und einmal mehr über die „vier schlimmsten Feinde des Landwirts“ gelästert: „Frühling, Sommer, Herbst und Winter“.

Kulturlandschaft braucht Bewirtschaftung

Wer aber versucht, sich einigermaßen unvoreingenommen ein Bild von der Landwirtschaft in Südbrandenburg und Ostsachsen zu machen, merkt bald, dass Landwirtschaft in der Region von jeher kein sich immer wiederholender Selbstläufer ist.

Die systematische Landwirtschaft hat auch die Region zwischen Neiße und Elbe seit vielen Jahrhunderten geprägt und vor allem auch gestaltet. Da genügt ein Blick auf den so oft als sagenumwoben verklärten Spreewald, der in seiner heutigen Erscheinung vor allem entstanden ist, weil Bewohner und neue Siedler Gräben und Fließe anlegten, um das in weiten Teilen sumpfige Waldgebiet für sich nutzbar zu machen.

Nur scheinbar ganz anders ist die Situation heute in den trockeneren, touristisch bisher weniger bekannten Teilen im Süden des Landes. Auch dort geht es darum, die menschengemachte Kulturlandschaft „Lausitz“ zu erhalten. Funktionieren kann das langfristig aber nur, wenn Landwirte trotz der überwiegend sehr leichten und kargen Lausitzer Böden auch in Zukunft ein Auskommen haben, dort, wo beispielsweise der Bergbau die Landschaft massiv verändert und neu kultiviert hat, Grundwasser abgesenkt wurde und inzwischen ganz neue Wasserlandschaften entstehen.

Oliven und Bananen als Alternative?

„Es ist deshalb wichtig, dass wir in Zukunft auch in der Landwirtschaft aktiv etwas tun“, sagt Egon Rattei. Der studierte Agraringenieur lebt in Naundorf in der Nähe von Forst (Lausitz) und ist mit der Landwirtschaft aufgewachsen, hat mehr als vier Jahrzehnte auf den Feldern und in Ställen gearbeitet. Zuletzt leitete er die Agrargenossenschaft Forst, ehe er vor einigen Jahren in Rente ging. Aber noch immer engagiert er sich ehrenamtlich für die Belange der Lausitzer Landwirte und diskutiert aktiv mit, wenn in der Lausitz um den anstehenden Strukturwandel gerungen wird.

Egon Rattei schmunzelt, wenn man ihn fragt, ob in der Lausitz künftig eventuell Olivenbäume oder Bananenstauden gepflanzt werden müssen, um die Landwirtschaft auf veränderte Wetterbedingungen einzustellen. Aber der Agraringenieur ist auch überzeugt davon, dass sich einige Methoden des Wirtschaftens auf dem Land in der Zukunft ändern müssten.

„Der Landwirtschaftsaspekt kommt mir der laufenden Strukturdiskussion bisher viel zu kurz“, sagt Rattei. Das sei besonders fatal. Dabei ist der waschechte Naundorfer keiner, der hysterisch nach immer neuen Dürrehilfe schreit, wenn die Sonne scheint. Vielmehr fordert er strukturelle Veränderungen und Zukunftsentscheidungen, die helfen, die Landwirtschaft in der Lausitz auf lange Sicht zu sichern.

Alte Gräben für neue Ideen

„Eine ganz entscheidende Voraussetzung dafür ist, ein funktionierendes, regionales Wassermanagement“, ist Egon Rattei überzeugt. „So etwas gibt es für die großen Seen und Flüsse. Für die landwirtschaftliche Nutzung aber gibt es dieses Wassermanagement bisher nicht.“ Viele Lausitzer könnten sich doch noch gut erinnern an die imposanten Beregnungsanlagen auf vielen Feldern. Allein um Naundorf wurden einst rund 1000 Hektar der Felder beregnet. Die Anlagen verschwanden fast vollständig, als die Bauern mit der Wende in Ostdeutschland den Zugriff aufs Wasser nahezu komplett verloren und Bewässerung für sie damit unbezahlbar wurde. Unterirdische Leistungssysteme, die Grundwasser aus dem Filtersand am Neißeufer oder gar Wasser aus dem Klärwerk Forst einst zu den Ackerflächen leiteten, liegen seit fast drei Jahrzehnten trocken.

Auch durchzieht ein ausgeklügeltes Netz von Meliorationsgräben bis heute die Felder rund um die Neißestadt Forst. Bei einer Tour zeigt Egon Rattei in den trockengefallenen Gräben überwucherte, einfache, kleine Stauanlagen. Sie sind seit Langem ungenutzt. „Ihre Bewirtschaftung ist bis heute einfach nicht geklärt“, erklärt Rattei. Dabei könne in den Gräben in Regenmonaten problemlos wertvolles Wasser angestaut werden, das bei Trockenheit so dringend gebraucht werde. Als Chef der Agrargenossenschaft Forst hatte der Naundorfer gemeinsam mit der Umweltorganisation BUND Uferbereiche einiger Gräben mit Schwarzerlen bepflanzt. Die heute schon stattlichen Bäume spenden nicht nur Schatten und verringern so die Verdunstung. Gleichzeitig bremsen sie Windböen und verhindern die Erosion der leichten Ackerkrume.

Wissenschaft für Lausitzer Landwirte

Gerade auf solchen Gebieten sieht Egon Rattei immenses Forschungspotenzial. „Wir müssen forschen, forschen und nochmal forschen“, sagt er. Der, der selbst in seiner aktiven Zeit experimentierte, betreut heute immer noch manche Studentengruppe. Die Forschung müsse zielgerichtet ausgebaut und systematisiert werden.

Recht hoffnungsvoll entwickelt sich nach Schilderungen Ratteis ein Großversuch in der Nähe des Guts Neu Sacro rund um das Thema Agroforst. Dort arbeiten Lausitzer Landwirte gemeinsam mit Wissenschaftlern des Lehrstuhle Bodenschutz und Rekultivierung der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg. In einem Langzeitversuch sind Streifen schnellwachsender Gehölze wie Pappeln und Robinien zwischen die Ackerstreifen gepflanzt worden. Die Gehölze schützen den Boden und können alle vier bis fünf Jahre als Energieholz geerntet werden. Gleichzeitig soll das Wachstum der Feldfrüchte dazwischen von der schützenden Nachbarschaft zu den Bäume profitieren. Ob der Plan aufgeht, kontrollieren die Wissenschaftler mit Ertragsmessungen auf angrenzenden Flächen ohne Baumstreifen. Noch sind die Versuche nicht abgeschlossen.

Inzwischen seien Bauern aus Brandenburg auch international, beispielsweise in Australien unterwegs gewesen, um Erfahrungen mit Berufskollegen auszutauschen.

„Die landwirtschaftliche Forschung ist ein Schlüssel für die Zukunft“, ist Egon Rattei überzeugt. Dafür müssten jetzt die Weichen gestellt und Forschungsprojekte aufgelegt werden. Neben Fragen zum Wassermanagement geht es auch um neue Arten der pfluglosen Bodenbearbeitung und die Züchtung und Erforschung trockenheitsresistenter Sorten. In dieser Woche hat der Agraringenieur aus Naundorf eine Standortkonferenz in Forst (Lausitz) mit Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) genutzt, um das Augenmerk auf diese Zukunftsbelange der Lausitzer Bauern zu lenken.