Es war ein gutes Jahr für Emma Hinze. 2019 ist die 22-jährige Bahnradsprinterin aus Cottbus in der Weltspitze angekommen. Hinter Hinze liegt jedoch auch eine ­lange Leidenszeit. Aufgrund von gesundheitlichen Problemen schien ihre Karriere bereits be­endet zu sein. Im RUNDSCHAU-­Interview spricht sie über den schmerzhaften Weg zurück in den Leistungssport und ihre Ziele für das Olympiajahr 2020.

Emma Hinze, bei der Brandenburger Sportgala wurden Sie kürzlich nicht nur als Sportlerin des Jahres 2019 geehrt, sondern auch als die „Frontfrau des deutschen Bahnradsports“ dem Publikum vorgestellt. Wie  fühlt sich diese neue Rolle für Sie an?

Emma Hinze: Um ehrlich zu sein – darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Es kam alles ziemlich plötzlich. Bisher war ich immer die jüngste Fahrerin im Team. Es ist eigentlich nicht mein Ding, dass ich den Boss raushängen ­lasse und allen sage, was sie zu machen haben. Ich konzentriere mich lieber darauf, immer mein Bestes zu geben.

Trotzdem sind Sie mit 22 Jahren nun die älteste Fahrerin im Team, also ­irgendwie schon die Frontfrau.

Es gibt im Team ja auch noch die Männer, die viel mehr Erfahrung haben als ich und schon deutlich länger erfolgreich durch die Welt reisen. Aber es stimmt natürlich ­– der Generationswechsel ging in der Tat sehr schnell. Ich selbst bin ja noch gemeinsam mit Kristina Vogel und Miriam Welte gefahren, die beide nicht mehr dabei sind. Wir jungen Fahrerinnen müssen uns nun gemeinsam nach vorn bringen.

Sie haben in diesem Jahr viele Erfolge gefeiert und die gesundheitlichen Sorgen endgültig hinter sich gelassen. Wie wichtig ist für Sie diese Erkenntnis, dass der Körper dem Leistungssport wieder standhält?

Sehr wichtig. 2018 konnte ich überhaupt erst einmal wieder bei großen Wettkämpfen starten, ohne ständig Knie- und Rückenschmerzen zu haben. Bis dahin war es aber ein langer Weg. Zumal mein Trainer und ich ja am Anfang auch nicht wussten, ­welcher Weg der richtige ist. Wir haben viel ausprobiert.

Sie sprechen Ihren Trainer Alexander Harisanow an. Er hat damals angeblich zu Ihnen gesagt: „Emma, Du bewegst Dich wie eine Oma.“ Wie muss man sich das konkret vorstellen?

2017 war es so schlimm, dass mir selbst morgens beim Aufstehen aus dem Bett alles wehtat. Ich konnte damals überhaupt nicht trainieren. Ich war zum Beispiel nicht in der Lage, schnelle Bewegungen explosiv auszuführen. Oder Kniebeuge – das ging einfach nicht. Ich konnte die entsprechenden Muskeln nicht ansteuern. Mir war das Gefühl für meinen Körper komplett  verlorengegangen.

Emma Hinze ist „Sportlerin des Jahres“ in Brandenburg.
© Foto: Winfried Mausolf

Potsdam

Wissen Sie mittlerweile, was die Ursachen für diese gesundheitlichen Probleme waren?

Bei mir wurde damals ein Bandscheibenvorfall diagnostiziert – es war aber kein Bandscheibenvorfall.  Es war vielmehr eine ­Aneinanderreihung von zu viel Training und einer falschen Körperhaltung. Mein Rücken war ­total schief. Und immer gegen diese Schmerzen zu trainieren, ist halt nicht gesund.

Wie lange ging das so?

Mehr als ein Jahr. Ich war bei verschiedenen Ärzten und Physiotherapeuten. Niemand konnte mir so richtig helfen.

Wie konkret war in dieser Zeit der Gedanke an ein Karriere-Ende?

2017 war ich als Zuschauerin bei den deutschen Meisterschaften in Frankfurt (Oder). Da habe ich durch Zufall mit Herrn Harisanow, der ja auch mein Jugend­trainer war, gesprochen. Da kam mir der Gedanke, ihn um Hilfe zu bitten. Denn ich möchte ja nach der Karriere als Leistungssportler noch eine Weile länger in meinem Körper leben. Hätte ich Herrn Harisanow damals nicht getroffen, würde ich jetzt keinen Leistungssport mehr betreiben.

Hatten Sie einen Plan B im Kopf, falls es mit dem Sport nicht weiterge­gangen wäre?

Ich bin damals ja noch zur Schule gegangen. Danach hätte man schauen müssen, wie es weitergeht. Nein, einen Plan B hatte ich nicht.

Was waren die ersten Schritte, um wieder fit zu werden?

Unser erstes Ziel war es, die Schmerzen in den Griff zu bekommen. Ich habe wirklich bei null begonnen und meinen Körper wieder aufgebaut.  Wir haben ganz ruhig angefangen.  Mein Trainer hatte das nötige Fein­gefühl und wusste, welches Training ich im Kraftraum brauche; nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. An Bahntraining war erst später zu denken.

Und wie ging es Ihnen im Kopf?

Wir haben recht schnell gemerkt, dass mich die Zusammenarbeit voranbringt. Das war ein unheimlich schönes Gefühl. Mein Trainer hat mir auch vom Kopf her viel Mut gemacht, weil ich zwischenzeitlich natürlich verzweifelt war. Er hat immer an mich geglaubt. Obwohl ich selbst manchmal nicht an mich geglaubt habe.

Wie wichtig war speziell in dieser Zeit die Unterstützung der Familie?

Sehr wichtig. Gerade in schweren Zeiten merkst du, wer für dich da ist. Meine Familie hat mir den Rücken gestärkt und mich beraten. Wir haben gemeinsam versucht, Lösungen zu finden. Meine Mama war übrigens damals auch bei dem Gespräch mit Herrn Harisanow in Frankfurt (Oder) dabei.

Sie stammen aus Hildesheim in Niedersachsen und wohnen und trainieren seit 2014 in Cottbus. Ist die ­Lausitz inzwischen auch ein Stück Heimat für Sie geworden?

Ja, so kann man es nennen. Ich habe mir hier ein zweites Zuhause aufgebaut, weil ich wegen des Trainings und der Wettkämpfe nur selten nach Hildesheim fahren kann. Die schulischen und sportlichen Bedingungen sind in Cottbus einfach top. Und es gibt in Cottbus eine Radrennbahn! Das war mir ganz wichtig. Wenn du Bahnradsportlerin bist, aber keine Bahn vor Ort hast – dann fehlt einfach etwas.

Kommen wir zurück zur aktuellen Saison. Was nehmen Sie aus dem Jahr 2019 noch für Erkenntnisse mit?

Was ich auf jeden Fall gelernt habe: Auch wenn ich mich zwischen den einzelnen Läufen eines Wettkampfes mal nicht so gut fühle, kann ich trotzdem gute Leistungen bringen.

Wie meinen Sie das?

Manchmal haben wir zwischen den Läufen nur wenig Zeit. Der Puls ist noch nicht mal richtig runter, du hast Laktat in den Beinen – und du musst schon wieder auf die Bahn. Im vergangenen Jahr dachte ich dann immer: ,Mist, mir geht es jetzt aber schlecht.‘ Jetzt denke ich: ,Den anderen Mädels geht es doch genauso schlecht.‘ Die Fahrerin, die das Beste aus dieser Situation macht, gewinnt am Ende.

2020 finden die Heim-WM in Berlin und die Olympischen Spiele statt. Wird das ein ganz besonderes  Jahr?

Ja, aber es ist natürlich auch mit Druck verbunden. Ich will es Schritt für Schritt angehen: erst die WM, dann folgt ein Neuaufbau mit Blickrichtung Olympia.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie der Heim-WM in Berlin im Ende Februar 2020 entgegen?

Ich hoffe, dass möglichst viele Zuschauer ins Velodrom kommen. Im vergangenen Jahr beim Weltcup war fast niemand da. Das war schade. Unser Sport steht halt nicht so im Rampenlicht. Aber es wird inzwischen besser. Manche Wettkämpfe werden auch im Fernsehen über­tragen.

Und welche Ziele haben Sie sich für Olympia in Tokio gesetzt?

Ich war ja 2016 schon in Rio de Janeiro dabei, allerdings nur als Ersatzfahrerin. Diesmal will ich wirklich fahren dürfen. Ich möchte meine Bestleistung er­reichen und mich weiter steigern. Man muss dann schauen, wofür es reicht. Über konkrete Ziele möchte ich im Vorfeld lieber nicht sprechen. Ich bin der ­Meinung, das  bringt Unglück.

Von Cottbus aus in die Weltspitze


Emma Hinze ist 22 Jahre alt. Sie stammt aus Hildesheim. 2015 kam sie an die Lausitzer Sportschule. Sie trainiert beim RSC Cottbus inzwischen wieder bei ihrem Jugendtrainer Alexander ­Harisanow.

Hinze stammt aus einer radsportbegeisterten Familie. Ihr jüngerer Bruder Carl trainiert ebenfalls in Cottbus.

Der sportliche Durchbruch gelang der Bahnradsprinterin im Jahr 2015. Bei der Junioren-Weltmeisterschaft holte Hinze dreimal Gold. Danach ­plagten sie gesundheitliche Probleme.

In diesem Jahr sprintete die Cott­buserin in die Weltspitze. Sie holte WM-Bronze und fuhr auch bei den Weltcups ganz vorn mit.