Sind unter den aktuellen Bedingungen die Olympischen Spiele im Sommer überhaupt realistisch? Und wann muss das Internationale Olympische Komitee (IOC) eine Entscheidung vor dem Hintergrund der Corona-Krise treffen? Die Sportwelt ist gespalten. IOC-Präsident Thomas Bach spielt in der Frage nach der Austragung der Olympischen Spiele in Tokio (24. Juli bis 9. August) auf Zeit. Wie schwer diese Entscheidung ist, zeigt auch eine Umfrage der Lausitzer Rundschau in der Region.

Emma Hinze hat noch Hoffnung

Unter anderem die Bahnradsportler um Dreifach-Weltmeisterin Emma Hinze und Ex-Weltmeister Maximilian Levy zittern um das sportliche Großereignis. „Es ist eine ganz schwierige Entscheidung“, sagt Emma Hinze. „Wir Sportler arbeiten jahrelang auf diesen einen Tag der Entscheidung hin. Deshalb halte ich auch eine Verschiebung um drei oder sechs Monate für schwierig. Ich hoffe weiterhin, dass ich als dreifache Weltmeisterin zu Olympia fahren kann.“

Eigentlich sollte für das Team des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) am Wochenende mit einem Trainingslager auf Mallorca die direkte Olympia-Vorbereitung starten. Dieses Trainingslager wurde abgesagt. Laut Bundestrainer Detlef Uibel sind die Einschnitte schon jetzt riesengroß. „Von Chancengleichheit zwischen den einzelnen Nationen kann man eigentlich nicht mehr sprechen“, erklärt Uibel.

Bundestrainer Uibel: „Es macht keinen Sinn“

Denn der Umgang mit dem Coronavirus ist aufgrund der unterschiedlichen Betroffenheit an den einzelnen Stellen des Erdballs ganz verschieden. Während die Lausitzer Olympia-Kader dank einer Ausnahmegenehmigung derzeit zumindest noch die Trainingsstätten am Olympiastützpunkt in Cottbus nutzen können, sind die Athleten aus den Niederlanden inzwischen komplett ausgesperrt und dürfen nur noch zu Hause trainieren. Australien wiederum hat am Freitag seinen Olympia-Kader nominiert. Bundestrainer Detlef Uibel: „Eigentlich müssten man die Olympischen Spiele verschieben. Es macht unter diesen Bedingungen keinen Sinn. Realistisch betrachtet: Sport ist zwar die schönste Nebensache der Welt. Aber im Moment gibt es andere Prioritäten.“

Eine differenzierte Meinung vertritt Maximilian Levy. Er plädiert dafür, die Entscheidung so lange wie irgend möglich offen zu lassen.  „Alle schreien jetzt nach der Absage. Ich hoffe, das IOC beugt sich nicht dem öffentlichen Druck, sondern nimmt sich die nötige Zeit für diese schwerwiegende Entscheidung“, betont Levy. „Wenn man jetzt absagt – da brechen Welten zusammen.“

Maximilian Levy glaubt nicht daran, dass im Falle einer Verschiebung – zum Beispiel ins nächste Jahr – die Chancengleichheit größer wäre. „Das ist Humbug. Denn das Leben vieler Sportler ist auf diesen olympischen Vier-Jahres-Rhythmus ausgerichtet. Da hängen Existenzen dran. Man kann die Rahmenbedingungen nicht einfach per Knopfdruck um ein weiteres Jahr nach hinten verschieben“, erklärt der Cottbuser. Er gehe nicht davon aus, dass nach einer möglichen Wirtschaftskrise wegen Corona auf Anhieb wieder genug Sponsoren zur Verfügung stehen würden, um eine adäquate Vorbereitung der Sportler zu gewährleisten.

Cottbuser OSP-Chef sieht keine Wettbewerbsgleichheit

Mirko Wohlfahrt kann sich dagegen aktuell nicht vorstellen, dass sich im Sommer die Sportler der Welt in Tokio treffen. Der Bereichsleiter Cottbus am Olympiastützpunkt (OSP) Brandenburg sagt: „Es kann nur ein  Ziel geben, die Olympischen und Paralympischen Spiele unter fairen und sicheren Bedingungen auszutragen.“ Die sieht er aktuell nicht gegeben, weil die Wettbewerbsgleichheit angesichts der Einschränkungen nicht gewährleistet werden kann. Wohlfahrt verweist auf die teilweise ausgefallenen Qualifikationswettbewerbe oder auch die zurückgefahrenen Dopingkontrollen.

In jedem Fall legt auch Levy großen Wert darauf, dass Olympia natürlich nur dann stattfinden kann, wenn die gesundheitlichen Rahmenbedingungen stimmen. Er könne sich beispielsweise vorstellen, dass es drei Tage vor dem Abflug nach Tokio und dann bei der Ankunft erneut Tests gibt.

Maximilian Levy macht Kompromiss-Vorschlag

Außerdem bringt Levy noch einen anderen Vorschlag ins Spiel. Er wünscht sich, dass der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) die für den 12. Mai geplante erste Nominierungsrunde vorzieht und zumindest den bereits qualifizierten Sportlern das Olympia-Ticket in die Hand gibt. „Mir ist natürlich klar, dass dies nicht bedeutet, die Spiele finden auch statt. Es geht mehr um den symbolischen Effekt“, erläutert Levy. „Es würde für uns schon einen erheblichen Mehrwert darstellen, wenn wir zumindest nominiert wären. Wenn die Spiele doch abgesagt würden, hätte man wenigstens diese eine Urkunde für vier Jahre harte Arbeit.“

Schindler für Absage der Paralympics


Behindertensportlerin Denise Schindler (BPRSV Cottbus) hat sich für eine Verlegung der Paralympischen Spiele ausgesprochen. „Es ist unverantwortlich, uns Sportler und Sportlerinnen lange hinzuhalten. Unter diesen Umständen können die Spiele kein Fest werden. Die soziale Verantwortung gegenüber der ganzen Welt gebietet eine Absage“, sagte die Para-Radsportlerin der Zeitschrift Bunte.

Eine Austragung der Spiele würden dem olympischen Geist widersprechen, „ich befürchte eine ungewollte Corona-Party und dann eine zweite Welle, wenn die Athleten wieder in ihre Länder zurückkehren“, sagte Schindler, die in Rio eine Silbermedaille (Zeitfahren auf der Straße) sowie eine Bronzemedaille (Straßenrennen) gewonnen hatte.

Die Paralympics sollen vom 25. August bis 6. September stattfinden.