• Nach den Antisemitismus-Vorwürfen gegen das Leipziger Hotel Westin bemühen sich Polizei und Staatsanwaltschaft um Aufklärung
  • Sänger Gil Ofarim hatte berichtet, wegen seines Davidsterns verbal angegriffen worden zu sein
  • Doch es gibt Berichte, nach denen die Videoaufnahmen Zweifel an der Aussage des Sängers wecken
  • Ofarim hat seine Aussagen inzwischen klargestellt
  • Alle relevanten Aufnahmen des Vorfalls sollen ausgewertet werden
  • Der beschuldigte Hotelmitarbeiter darf weiter arbeiten

Update: Vorerst keine Konsequenzen für betroffenen Hotel-Mitarbeiter

Mittwoch, 20.10.2021 um 18:50 Uhr

Nach den Antisemitismus-Vorwürfen des Sängers Gil Ofarim hat das betroffene Leipziger Hotel seine eigenen Ermittlungen abgeschlossen und will keine Maßnahmen gegen den beschuldigten Mitarbeiter ergreifen. Spezialisierte Rechtsanwälte hätten das Geschehen in der Hotellobby rekonstruiert und seien „unter Berücksichtigung aller verfügbaren Beweismittel“ zum Ergebnis gekommen, dass keine „objektivierbaren“ Anhaltspunkte vorlägen, die straf- oder arbeitsrechtliche Schritte gegen den Mitarbeiter rechtfertigten. Das teilte die Betreiberin des „The Westin Leipzig“, die Hotelgesellschaft Gerberstraße Betriebs GmbH, am Mittwoch mit.
Auf 118 Seiten fasste die Anwaltskanzlei demnach die Untersuchungen zusammen, für die sie Gäste, den beschuldigten Mitarbeiter, weitere Angestellte und Zeugen befragte. Zudem habe die Staatsanwaltschaft Akteneinsicht zu Vernehmungen von Zeugen übermittelt, die nur mit den Ermittlungsbehörden sprechen wollten. Ein spezialisierter Sachverständiger habe ein Gutachten zu Videoaufnahmen erstellt und diese auf etwaige Manipulationen untersucht.
„Wir haben daher entschieden, dass entsprechende Maßnahmen gegen den Mitarbeiter nicht eingeleitet werden“, heißt es in einer Erklärung. Da der Mitarbeiter nach wie vor massiven Anfeindungen ausgesetzt sei, werde er „aus Fürsorgegesichtspunkten“ zunächst seinen Aufgaben noch nicht wieder vollumfänglich nachkommen.

Update: Gil Ofarim gibt Statement zum Antisemitismus-Vorwurf ab

Montag, 18.10.2021 um 14:10 Uhr

Wurde Gil Ofarim antisemitisch beleidigt? Oder sind die Zweifel an dem Vorfall begründet? Die Polizei ermittelt noch – Ofarim hat die Vorwürfe gegen einen Hotel-Angestellten nun noch einmal deutlich gemacht. Im Interview mit Bild live erklärte er, dass ihn erst ein Hotelgast und dann der Angestellte aufgefordert hätten, seine Davidstern-Kette abzulegen. Die Vorwürfe, er habe die Kette an dem Abend gar nicht getragen, bestritt er. Er sei sich nur nicht sicher, ob er sie über oder unter dem T-Shirt getragen habe.
Ofarim begrüßte im Bild-Interview, dass die Ermittler das gesamte Videomaterial auswerten wollen. Dann könne er beweisen, dass seine Aussagen stimmen.
Nach Antisemitismus-Vorwürfen des Sängers Gil Ofarim gegen Mitarbeiter eines Leipziger Hotels werden derzeit Videoaufnahmen von dem Vorfall ausgewertet. „Es sind mehrere Videos von den Überwachungskameras sichergestellt worden“, sagte ein Sprecher der Leipziger Staatsanwaltschaft der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag. Die Auswertung sei noch nicht abgeschlossen, daher könne man zum Inhalt keine Angaben machen.
Ofarim schrieb auf Instagram, dass er eine Strafanzeige gegen den Mitarbeiter des Hotels „The Westin Leipzig“ gestellt habe. In den letzten Tagen habe er in Interviews alles gesagt, was er zu dem Thema sagen könne. Er hoffe, dass er nach diesen „turbulenten Tagen“ etwas zur Ruhe komme. Ofarim schrieb weiter, er wolle allen für unfassbar viele, sehr persönliche Nachrichten danken und sei überwältigt, was für eine Solidarität ihm und diesem wichtigen Thema aus der ganzen Welt entgegengebracht werde. Es dürfe keinen Platz für Hass, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und Diskriminierung jeglicher Art geben.
Zudem hatte der beschuldigte Hotelangestellte Anzeigen wegen Verleumdung und Bedrohung gestellt. Er habe den Vorfall „deutlich abweichend von den Auslassungen des Künstlers dargestellt“, hatte Leipzigs Polizeisprecher Olaf Hoppe gesagt.

Gil Ofarim: Was sieht man auf dem Überwachungsvideo aus dem Hotel Westin?

Mittlerweile konnten die Ermittler die Überwachungsvideos aus dem Leipziger Hotel sichten. Wie Bild am Sonntag und die Leipziger Volkszeitung berichten, schüren die Aufnahmen Zweifel, ob sich der Vorfall im Hotel Westin tatsächlich so zugetragen hat, wie Gil Ofarim diesen geschildert hat. Die Zeitungen berichten, dass auf den Aufnahmen nicht zu sehen sei, dass Ofarim die Kette mit dem Davidstern tatsächlich trug. Weder beim Betreten des Hotels, noch bei einem Gespräch an der Rezeption und auch noch nicht beim Verlassen des Hauses sei diese sichtbar.
Die Bild am Sonntag zitiert Leipziger Polizisten, dass es inzwischen "ernst zu nehmende Zweifel" am Ablauf der Ereignisse gebe, wie sie der Betroffene geschildert hat. Zudem habe Gil Ofarim in seiner Aussage nicht sagen können, ob er die Kette an jenem Abend sichtbar trug.

Antisemitismus in Leipzig: Staatsanwalt sucht Zeugen

Nach den Antisemitismus-Vorwürfen gegen die Mitarbeiter eines Leipziger Hotels wollen die Staatsanwaltschaft und das „Westin“ selbst herausfinden, was genau vorgefallen ist. Das Hotel habe begonnen, alle Gäste, die Zeugen des Vorfalls um den Sänger Gil Ofarim gewesen sein könnten, zu befragen, sagte Hotelmanager Andreas Hachmeister der „Leipziger Volkszeitung“ (Donnerstag). „Wir haben aber inzwischen auch alle Gäste kontaktiert, die in der Schlange hinter Herrn Ofarim standen und etwas von dem Vorfall mitbekommen haben müssten.“ Eine Bestätigung für das Vorgehen gab es auf dpa-Anfrage am Donnerstag zunächst nicht.
"The Westin Leipzig. Warm Welcome!" steht auf einem Schild vor dem Hotel Westin Leipzig.
„The Westin Leipzig. Warm Welcome!“ steht auf einem Schild vor dem Hotel Westin Leipzig.
© Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Das wirft Gil Ofarim dem Leipziger Hotel Westin vor

Gil Ofarim hatte in einem Video geschildert, dass ihn ein Hotelmitarbeiter am Montagabend aufgefordert habe, seine Kette mit Davidstern abzunehmen. Der beschuldigte Hotelmitarbeiter erstattete laut Polizei seinerseits Anzeige wegen Verleumdung. Er schilderte den Vorfall deutlich anders als der Künstler. Ofarim ist der Sohn des israelischen Musikers Abi Ofarim (1937-2018) und in Deutschland aufgewachsen.

Hotel Westin Leipzig – Weitere Antisemitismus-Vorwürfe werden bekannt

Auch die Staatsanwaltschaft Leipzig versucht, Zeugen des Geschehens in der Hotellobby ausfindig zu machen und zu befragen. „Bislang liegen uns keine Angaben von unbeteiligten Dritten dazu vor“, sagte Sprecher Ricardo Schulz am Donnerstag. Die Ermittlungen würden sicher noch eine ganze Zeit in Anspruch nehmen.
Unterdessen gibt es inzwischen weitere Vorwürfe gegen das Hotel. Die Sängerin Patricia Kelly schrieb am Mittwoch auf ihrer Instagram-Seite, dass ihr Manager dort Ähnliches erlebt habe. Details nannte sie nicht, das gesamte Team habe das Hotel sofort verlassen.
Ein Davidstern ist auf dem Dach der Synagoge in Halle/Saale zu sehen.
Ein Davidstern ist auf dem Dach der Synagoge in Halle/Saale zu sehen.
© Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Was bedeutet der Davidstern?

Der Davidstern wird heute allgemein mit dem Judentum assoziiert. Dabei ist er ursprünglich kein jüdisches Symbol. Der sechszackige Stern aus zwei gleichseitigen ineinander verwobenen Dreiecken heißt auf hebräisch „Magen David“, was soviel wie „Schild Davids“ bedeutet.
Das Hexagramm galt ursprünglich als universales religiöses Zeichen. Es ist aber auch unter Freimaurern, Alchimisten und Braumeistern ein gängiges Symbol. Der Braustern ist beispielsweise häufig an Brauereien ohne jegliche religiöse Bedeutung zu sehen.
Das Symbol findet sich vereinzelt schon in der Antike an Synagogen, etwa an der Synagoge von Kapernaum am See Genezareth. Zudem taucht er auf religiösen Gegenständen der Spätantike auf. Doch erst im Mittelalter setzte sich das Zeichen zunehmend auch in europäischen jüdischen Gemeinden durch und wurde neben dem siebenarmigen Leuchter, der Menora, zum gängigen Symbol des Judentums.
Auch die jüdische Nationalbewegung entdeckte den Davidstern für sich. So gilt er seit dem 19. Jahrhundert auch als Merkmal der Zionisten, die das Ziel verfolgten, einen jüdischen Staat zu gründen. Seit der Staatsgründung Israels 1948 ziert der Stern die israelische Flagge. Als Anhänger von Halsketten ist er ebenso beliebt.
Die Nationalsozialisten missbrauchten das Symbol als Stigma. Während des Nationalsozialismus waren Jüdinnen und Juden seit 1940 gezwungen, einen gelben Stofffetzen mit dem Davidstern und der Aufschrift Jude zu tragen. Damit wurden sie nach der nationalsozialistischen Rassenlehre als Angehörige der „feindlichen Rasse“ gekennzeichnet.
David ist nicht nur im Judentum, sondern auch im Christentum eine zentrale Gestalt. Sein Name bedeutet so viel wie „Liebling“ oder „Geliebter“. Er gilt als idealer Herrscher. David schuf als König ein israelitisches Großreich und machte Jerusalem zum religiösen Zentrum der Juden. Besonders bekannt ist die Erzählung aus dem Alten Testament, wie David den Riesen Goliath mithilfe einer Steinschleuder besiegt. David ist nach biblischer Überlieferung zudem Musiker und Poet.
Jesus Christus, den die Christen als Messias verehren, stammt nach der Bibel von David und seinen Nachfahren ab. Er trägt den Titel Davidssohn.