Angesichts der geringen Corona-Impfquote und mangelnden Bereitschaft zur Immunisierung in Sachsen haben Regierung und Verbände erneut an die Bevölkerung appelliert. „Wir brauchen ein gesamtgesellschaftliches Verständnis, wir brauchen Solidarität und Nächstenliebe“, sagte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) am Dienstag nach einem Impfgipfel der Regierung in Dresden. Die Zahl der gegen Covid-19 Geimpften sei noch zu gering, um die Pandemie endgültig zu beenden. Lasten wie in den vergangenen Monaten blieben dem Land in der vierten Welle nur dann erspart, wenn sich das ändere.

Kein Impfzwang in Sachsen

„Impfen schützt uns nicht nur selbst, sondern leistet einen Beitrag, dass die Gesellschaft insgesamt geschützt ist, vor allem Kinder und Jugendliche, Menschen mit Vorerkrankungen“, mahnte Kretschmer. Vor allem die noch Unentschlossenen sollten angesprochen und Bewusstsein für die Immunisierung erzeugt werden, sich einzureihen. Einen Zwang wird es jedoch nicht geben, bekräftigte er. „Wir leben in einem demokratischen Rechtsstaat.“
Klaus Heckemann, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), sieht, wie Vertreter der Wirtschaft, die nachlassende Impfbereitschaft mit Sorge. Es gehe nicht mehr um die Ablehnung eines Impfstoffes oder um den Wunsch nach einem bestimmten Präparat, sagte er. Angesichts niedriger Infektionszahlen seien viele Menschen sorglos. Auf die Impfung zu verzichten, sei ein „persönliches, individuelles Risiko“, das sich eigentlich vermeiden lasse. Derzeit sei die Gefahr gering. „Aber das wird sich ändern, es wird ein Winter kommen mit deutlich mehr Neuinfektionen.“
Auch mit Blick auf den Herbst beriet das Kabinett mit gut 20 Vertretern aus dem medizinischen, Gesundheits- und Sozialbereich sowie Wirtschaft, Kultur, Tourismus und Sport. Im Ergebnis sind Verbände und Unternehmen gefordert, ihre Mitglieder, Mitarbeiter und Beschäftigte an das Thema Impfen zu erinnern.

Sachsen hat geringste Impfquote in Deutschland

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) hat der Freistaat die geringste Impfquote aller Bundesländer. Stand 19. Juli haben 50,9 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Dosis erhalten und 43,2 Prozent sind vollständig immunisiert. Das liegt auch unter dem Bundesdurchschnitt von 60 und 46,7 Prozent.
Der Vorsitzende der Sächsischen Impfkommission, Thomas Grünewald, mahnte, die Impfung als Chance statt als Problem zu sehen. Deren hohe Wirksamkeit zeige sich in den geringen Infektionszahlen. „Von 140.000 Geimpften kann einer an Covid sterben, in der gleichen Zeit sterben knapp 550 Ungeimpfte.“ Das könne nur gehalten werden, „wenn wir jetzt kontinuierlich weiterimpfen“. Der Zeitverzug von 60 bis 70 Tagen gegenüber dem Geschehen in Großbritannien müsse genutzt werden, um das Impfen in Richtung einer Herdenimmunität voranzutreiben.

Neuer Lockdown soll verhindert werden

„Ein neuer Lockdown wäre eine Katastrophe, die es zu verhindern gilt“, sagte der Präsident der Industrie- und Handelskammer Dresden, Andreas Sperl. Unternehmen sollten die Belegschaft motivieren, sich impfen zu lassen und auch die Möglichkeiten dafür schaffen. Der Landesschülerrats sieht das aktuelle Impfprivileg der Erwachsenen als Verpflichtung, Kinder und Jugendliche zu schützen.
Nach Angaben des sächsischen Gesundheitsministeriums sollen noch mehr niedrigschwellige Angebote gemacht und soll verstärkt auf Menschen zugegangen werden - mit Impfungen vor Ort, in Sportvereinen, Einkaufszentren oder mit mobilen Teams. „Lassen Sie sich impfen, nehmen Sie das Impfangebot wahr, auch im Sommer“, mahnte Landesärztekammerpräsident Erik Bodendieck - auch unter Verweis auf die bisherigen Belastungen des Gesundheitssystems und die Corona-Folgen im Normalbetrieb von Kliniken. „Wenn wir erst im Herbst anfangen, ist es zu spät.“

Sachsen verlängert Corona-Regen

Sachsen hat die bestehenden Corona-Regeln unverändert bis 25. August verlängert. Bis dahin gebe es verschiedene Bund-Länder-Gespräche, etwa zur Neubewertung des Inzidenzwerts auch abhängig von der Impfquote, sagte Gesundheitsstaatssekretärin Dagmar Neukirch (SPD) am Dienstag nach der Kabinettssitzung in Dresden. Die bundeseinheitliche Regelung dazu solle bis Anfang/Mitte August vorliegen. Die Inzidenz bleibt laut Neukirch aber ein wichtiger Wert. Es gehe um einen Plan für den Herbst in Vorbereitung auf eine vierte Corona-Welle. Ziel sei, dass es keinen weiteren Lockdown gebe.