Der Soziologe Raj Kollmorgen geht davon aus, dass ein Teil der AfD-Wählerschaft kaum noch für andere demokratische Parteien zurückzugewinnen ist. Es gebe stabile und politische Milieus in Sachsen, die die AfD trügen, sagte der Wissenschaftler von der Hochschule Zittau/Görlitz.
Das betreffe vor allem ältere und stark ideologisierte Gruppen. „Wer glaubt, dass das in fünf oder zehn Jahren zu ändern ist, wird sich wahrscheinlich täuschen“, sagte Kollmorgen. Zunächst müsse man mit Blick auf die Demokratie akzeptieren, dass sich „neue Bevölkerungskreise in politische Beteiligungsprozesse“ einbrächten.
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Cottbus

Der Wissenschaftler beschäftigt sich seit knapp 30 Jahren mit Umbrüchen und politischem Populismus in den neuen Ländern. Um möglicherweise AfD-Wähler zurückzugewinnen, wird es nach Ansicht von Kollmorgen in den kommenden Jahren in den ländlichen Räumen neue Zugänge zur politischen Bildung geben müssen. „Gelder nicht nur für Infrastruktur, sondern für Köpfe und Kulturen“.

So beschreibt der Soziologe die Demokratie-Herausforderung

Es brauche Formate, mit denen man praktisch zeigen könne, wie Demokratie funktioniere und die Interessen der Menschen nicht „beiseite gewischt“ werden. „Es ist und bleibt hier eine Herausforderung, nicht nur auf die Leute zuzugehen, ihnen zuzuhören und die harsche Kritik zuzulassen, sondern dann mit ihnen auch hart in der Sache zu streiten, aufzuklären und also nicht nur nach dem Munde zu reden.“
Bei der Bundestagswahl vor einer Woche landete die AfD in Sachsen und Thüringen auf Platz eins, allein in Sachsen rangen die Rechtspopulisten der CDU 13 Direktmandate ab. Auch der Politikwissenschaftler Hans Vorländer sieht in der AfD inzwischen mehr als eine reine Protestpartei, die mittlerweile bestimmte Stimmungen und Einstellungen abbildet.
Kollmorgen spricht von einem „blauen Cluster“ zwischen dem südlichen Anhalt, Thüringen und Sachsen. „Wir müssen uns die Frage stellen: Warum ist das gerade hier so und nicht, zum Beispiel, in der Uckermark oder Nordwestmecklenburg.“ Allein mit der deutschen Vereinigung lasse sich das kaum erklären, so der Soziologe. Der Bogen müsse aus seiner Sicht weiter gespannt werden – sogar bis zur Reformation und über die Industrialisierung.

Soziologe: Wurzeln des Protests in Sachsen reichen weit zurück

Sachsen sei etwa mit Textil- und Spielzeugindustrie Vorreiter gewesen und habe viele Menschen beschäftigt. Gleichzeitig seien die Bereiche sehr verletzlich und abhängig von Weltmärkten gewesen. Bei Krisen habe es „Heere von Arbeitslosen“ gegeben. Daraus sei eine aktive Arbeiterbewegung entstanden – vielleicht sogar die früheste und aktivste Protestbewegung in Deutschland. „In den frühen bürgerlichen und proletarischen Protest-Bewegungen finden wir Regionalismus, Nationalismus und teils Fremdenangst – auch ökonomisch begründet.“
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Erfahrungen würden in Familien, Milieus und Betrieben weitergegeben. So hat sich nach Ansicht von Kollmorgen in Sachsen und anderen ostdeutschen Bundesländern eine „spezifische politische Kultur entwickelt.“ Diese sei durchaus ambivalent und verbinde „lutherische Heimattümelei, Abkapselung und Fremdenfeindlichkeit mit Wirtschaftsaktivismus, Protestneigung und schier barocker Lebensfreude.“
Dass die CDU gerade in ihrer einstigen Hochburg Sachsen massiv an Stimmen verloren hat, erklärt der Soziologe auch mit zahlreichen Enttäuschungen: Angefangen über die Ergebnisse nach der Vereinigung bis hin zur Schulden- und Flüchtlingskrise. Viele Bürger fühlten sich mit ihrer „Lebensleistung“ nicht anerkannt. Zudem hätten viele registriert, dass Proteste erfolgreich seien. „Mit der AfD kommt ein Akteur, bei dem man die Enttäuschungen abladen kann und bei dem wichtige Akteure der Partei es verstanden haben, wie man auf dieser Klaviatur erfolgreich spielt“, sagte Kollmorgen.
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