Poschmanns Erinnerung an Cottbus: Hatten Sie vielleicht sechsmal Sex?

Der einstige ZDF-Sportchef Wolf-Dieter Poschmann ist weiter als Moderator von Sport-Veranstaltungen im Einsatz. In Cottbus moderierte der inzwischen 69-Jährige 20 mal das German Meeting der Leichtathleten.
EibnerAm 30. Juni 1990 fand in Cottbus zum ersten Mal ein Leichtathletik-Wettkampf statt, der später in der German-Meeting-Serie zu einer wichtigen Traditionsveranstaltung avancierte. Zu der Freiluftveranstaltung im Cottbuser Leichtathletik-Stadion kamen aktuelle Weltstars und jene, die es später noch wurden.
Ein Gesicht prägte das Meeting, dass bis 2012 in Cottbus ausgetragen wurde, besonders: Wolf-Dieter Poschmann. 20 Mal führte der einstige Sportchef des ZDF als Moderator durch die Veranstaltung. Im Rundschau-Interview erinnert sich der 69-Jährige an den Bammel vor der ersten Veranstaltung und viele vergnügliche Anekdoten in Cottbus.
Wolf-Dieter Poschmann, woran denken Sie, wenn wir Sie auf das German Meeting in Cottbus ansprechen?
Das ist ein ganzes Bündel an wirklich positiven Erinnerungen. Und natürlich auch die vielen Erfahrungen, die ich damals gemacht habe – im Vergleich zu anderen Meetings. Und natürlich denke ich an die freundschaftliche Beziehung zu Meeting-Chef Uli Hobeck, der mich damals gefragt hatte.
Bammel vor Reporter-Legende Oertel
Haben Sie damals gleich zugesagt?
Ich gebe zu, dass ich relativ unentschlossen war, ob ich das wirklich machen sollte. Das war ja gleich nach der Wende und ich war mir nicht so sicher, ob da so ein Typ wie ich tatsächlich gefragt ist. Zumal ja eine Zusammenarbeit mit Heinz-Florian Oertel avisiert war.

Reporter-Legende Heinz-Florian Oertel interviewt beim German Meeting in Cottbus 1992 den Hürden-Olympiasieger Mark McKoy.
German Meeting CottbusKannten Sie Oertel vorher schon?
Ja natürlich, als Fernsehmann aus vorher allerdings getrennten Lager. Ich wusste, dass er in der DDR ein absoluter Topstar war und hatte ein bisschen Bammel vor dieser Zusammenarbeit.
Zu Recht?
Nein. Ich habe mich dann ja auch ganz bewusst entschlossen, das zu machen und hatte dabei das große Vergnügen, Oertel richtig kennenzulernen. Wir hatten viel Freude an dieser vergnüglichen Zusammenarbeit. Wir konnten oft gemeinsam lachen. Ich habe das sehr genossen. Es war schon etwas Besonderes in Cottbus.
Was genau meinen Sie?
Das zum Beispiel einige Beziehungen, die ich dort geknüpft habe, noch immer Bestand haben. Bei einem der ersten Meetings war es beispielsweise sehr windig und alle meine Ergebniszettel sind immer durcheinander geflogen. Da habe ich darum gebeten, dass ich ein bisschen Unterstützung bekomme. Zwei junge Sportlerinnen wurden mir geschickt, sie mussten zuvor noch ihre Eltern um Erlaubnis bitten, überhaupt so lange bleiben zu dürfen. Und wir hatten viel Spaß miteinander.

Aus dem Privatarchiv von Meeting-Direktor Ulrich Hobeck: Moderator Wolf-Dieter Poschmann ging 2005 gemeinsam mit Sportlern aus Cottbus selbst auf die 1000-Meter-Strecke.
German Meeting CottbusDer Kontakt besteht noch heute?
Ja. Wir besuchen uns heute noch. Sie sind dann nach Mainz gekommen, haben hier studiert und ich habe einen Job als studentische Hilfskraft beim ZDF besorgt. Es sind herzliche Verbindungen, ich erinnere mich auch noch sehr gern an ihr Geschenk zu meinem 60. Geburtstag.
Die Party bei Robert Harting
Was war das?
Eine Kahnfahrt im Spreewald, in der Dämmerung. Das war eine wunderbare Atmosphäre – und dann haben wir auch noch einen Kracher erlebt. Diskus-Weltmeister Robert Harting fielen deswegen am nächsten Tag beim Meeting fast die Augen aus dem Kopf.
Erzählen Sie?
Der Kahnfährmann sagte zu mir: „Poschi, gleich wirst Du Deinen Spaß haben. Und vermutlich siehst du ein paar bekannte Gesichter.“ Man hörte im Dunkeln, dass da irgendwo ein großes Fest sein muss. Laute Musik, viele Menschen, eine richtige Party. Und dann fuhren wir am Grundstück vom Opa von Robert Harting vorbei, der ja zu DDR-Zeiten ein bekannter Künstler gewesen sein muss. Der Opa feierte einen runden Geburtstag und man sah die Schatten von vielen Menschen. Robert habe ich zwar nicht entdeckt, aber seinen jüngeren Bruder Christoph, der später ja auch Olympiasieger wurde.
Und dann?
Beim Meeting am nächsten Tag warf Robert recht ordentlich und trotzdem stichelte ich danach im Interview mit ihm: „Mensch Junge, das ist ja mal eine ganz spezielle Wettkampfvorbereitung. Du hast es gestern Abend ja richtig krachen lassen.“ Da fühlte sich der Robert dann ein bisschen ertappt und guckte mich an wie ein Auto. Das gab ein Riesengelächter im Saal. Aber meine Lieblingsanekdote ist noch eine andere.
Lachnummer mit Dopingsünder Mitchell
Wir sind gespannt!
Das war mit einem der US-Sprinter. Ich komme gerade nicht auf den Namen, er wurde „Green Machine“ genannt, weil er meistens ein grünes Shirt trug. Und er hatte 1992 Bronze bei Olympia über 100 Meter gewonnen.
Das müsste Dennis Mitchell gewesen sein.
Richtig, und der war dann wegen Dopings aufgeflogen. Mit einer aberwitzigen Begründung entging er allerdings einer Sperre. Mitchell behauptete tatsächlich, dass er mit seiner Frau an einem Abend viermal Sex gehabt und dazu noch sechs Bier getrunken habe. Deshalb seien seine Testosteron-Werte so hoch gewesen.
Darauf haben Sie ihn angesprochen?
Ja, auf der Bühne. Das war eine lockere Party, deshalb war das auch nicht der Ort für eine tiefgründige Dopingdiskussion. Aber ich fragte ihn: „Dennis, haben Sie sich möglicherweise geirrt? Hatten sie vielleicht sechsmal Sex und nur vier Bier?“ Ich weiß noch, wie sich beispielsweise Heinz-Florian Oertel darüber kaputt gelacht hat – aber es war natürlich auch eine Lachnummer mit ernstem Hintergrund. Trotzdem, das waren schon legendäre Partys. Die fanden in Branitz, in diesem Hotel mit den schmalen Türen statt.

US-Sprinterin Allyson Felix (2.v.r.) ist die erfolgreichste Leichtathletin aller Zeiten. Sie war 2009 in der Lausitz zu Gast und lief mit der USA-Staffel Meetingrekord. Beim German Meeting in Cottbus waren die Topstars der Leichtathletik am Start.
German Meeting CottbusDaran erinnern Sie sich?
Ja. Das war mir dort gleich aufgefallen, dass die Türen irgendwie schmaler sind. Die breiten Kugelstoßer mussten jedenfalls seitlich durchgehen. Dafür waren die Jogging-Runden im Branitzer Park immer wunderbar. Auch wenn natürlich die Kenianer dort schwebend an mir vorbeirauschten, während ich mich über den Schotter schleppte. Aber das war auch das Schöne in Cottbus. Man traf überall die bekannten Gesichter – auch die Sportler wussten das zu schätzen. Diese familiäre Atmosphäre hat dort viel zusammengehalten. Denn ganz ehrlich: Viel Geld war in Cottbus nie vorhanden. Da wurde aus wenigen Mitteln mit viel Herzblut etwas aufgebaut. Deshalb bin ich auch immer wieder gern dahin zurückgekommen, obwohl das aus Mainz natürlich nicht der nächste Weg war.
Nun gibt es das Meeting bereits seit 2012 nicht mehr.
Ja, das ist absolut schade. Es ist und bleibt einfach schwierig, solche Meetings in Deutschland zu organisieren. In Cottbus gab es ja meist auch keinen großen Hauptsponsor. Soweit ich mich erinnere, hatte Uli Hobeck immer so etwa 40 Kleinsponsoren.
Die Probleme der Leichtathletik
Wenn es jetzt um das Springer-Meeting in Cottbus geht, das Hobeck immer noch veranstaltet, sind es weit mehr als 100 Sponsoren, die alle einen kleinen Anteil daran haben.
Sehen Sie, und diese Sponsoren müssen alle betreut werden. Das ist nur schwer zu stemmen. Übergeordnet muss man aber ohnehin sagen, dass es die Leichtathletik versäumt hat, ein populäresWettkampfsystem zu schaffen. Bei dem sportbegeisterte Menschen sofort kapieren, wie es funktioniert. Man kann über Bernie Ecclestone sagen was man will, sogar gerichtlich bestätigt, dass er wohl korrupt sei. Aber er hatte die geniale Idee, alle Autohersteller zusammenzuholen und mit denen eine gemeinsame Rennserie zu machen. Jeder Depp kann in der Formel 1 ausrechnen, wie viele Punkte sein Favorit noch braucht, um Weltmeister zu werden.
Im Wintersport ist es ja ähnlich.
Genau. Der gesamte Wintersport hat eine Weltcup-Serie installiert mit genau den gleichen Mechanismen: Punkte sammeln und am Ende gibt es eine Kristallkugel. Alle Top-Leute der Welt treten alle 14 Tage immer wieder gegeneinander an. So entstehen Geschichten in den Köpfen die man wie eine Soap immer fortführen kann.
Warum klappt das in der Leichtathletik nicht?
Dort gibt es ein teils unappetitliches Hauen und Stechen der Manager, die nur ihre Interessen durchdrücken. Nehmen wir nur die Hochzeiten von Usain Bolt. Der große Meister ist vor den Großereignissen niemals gegen seine direkten Konkurrenten angetreten. Das hat dem Sport nicht gut getan. Es fehlt an einem verständlichen Wettkampfmodell, das ist in der Leichtathletik leider wie Kraut und Rüben. Dabei kann dieser Sport so tolle Geschichten erzählen, das sieht man ja auch in Cottbus. Dort waren ja immer auch interessante Figuren am Start.
Die Topstars in der Lausitz
Absolut. Wenn man durch die Chronik des German Meetings blättert, sieht man Weltstars wie Javier Sotomayor, Allyson Felix, Kenenisa Bekele, Heike Drechsler oder Robert Harting. Im Rückblick ist das schwer vorstellbar, dass die alle mal in Cottbus gestartet sind.
Sehen Sie, und das haben Uli Hobeck und seine Mitstreiter tatsächlich geschafft. Das war nicht alltäglich, sondern hatte allein mit den handelnden Personen zu tun.
Ulrich Hobeck ist jetzt 72 Jahre alt und es steht bei ihm nach jedem Springer-Meeting die Frage, ob er es im kommenden Jahr fortführen wird. Was raten Sie ihm?
Ich kann ihm gar nichts raten. Was Meetings anbetrifft, ist er doch der Fachmann. Uli ist ein alter Hase im Geschäft. Uns hat ja immer verbunden, dass wie beide Langstreckenläufer waren. Das heißt: Wir haben eine gewisse Ausdauer und eine höhere Schmerzschwelle als andere Menschen.
Das German Meeting in Cottbus
Am 30. Juni 1990 wurde das Stadion am Priorgraben vom Cottbuser Tiefbau-Kombinat mit einem Leichtathletik-Sportfest feierlich eröffnet.
Etwa 2000 Zuschauer kamen, unter ihnen auch der West-Berliner Rudi Thiel der das Internationale Stadionfest (Istaf) in Berlin verantwortet. Er schlug vor, dass sich Cottbus der Serie der German Meetings anschließt.
Bis 2012 fand das Cottbuser German Meeting dann im Leichtathletik-Stadion im Cottbuser Sportzentrum statt.
Insgesamt 28 Olympiasieger sowie 80 Welt- oder Europameister waren in dieser Zeit bei German Meetings in Cottbus am Start.
Nach 22 German Meetings wurde die Traditionsveranstaltung eingestellt. Meeting-Direktor Ulrich Hobeck begründete es damit, dass die finanzielle Absicherung nicht mehr gegeben sei.
Bereits 18. Mal fand indes nun das von Hobeck veranstaltete Springermeeting in der Cottbuser Lausitz-Arena statt.
Der 19. Wettkampf von Hochspringerinnen und Stabhochspringern aus der Weltspitze soll am 26. Januar 2021 in Cottbus ausgetragen werden.

