Mehrere Tausend Menschen haben am Samstag, 3. September, in Moskau vom letzten sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow Abschied genommen. Vor dem Haus der Gewerkschaften, wo der am Dienstag, 30. August, gestorbene Friedensnobelpreisträger aufgebahrt war, warteten Menschen stundenlang.
Am offenen Sarg legten viele dann Blumen nieder. Wegen des Krieges in der Ukraine reisten keine hochrangigen Staatsgäste aus dem Ausland an. Auch Russlands Präsident Wladimir Putin fehlte – offiziell wegen vieler Verpflichtungen. Aus der EU kam allein Ungarns Regierungschef Viktor Orban. Gorbatschow, einer der wichtigsten Wegbereiter der deutschen Einheit, wurde 91 Jahre alt.

Kein Staatsbegräbnis für Gorbatschow

Vor dem Haus der Gewerkschaften in Sichtweite des Kremls bildete sich über Stunden eine lange Schlange. In dem Gebäude lag der Leichnam des ehemaligen Staats- und Parteichefs in einem großen Raum mit Säulen im offenen Sarg – so war das schon bei früheren Sowjetführern nach deren Tod üblich. Gorbatschows Tochter Irina nahm, schwarz gekleidet und mit dunkler Maske vor dem Mund, Beileidsbekundungen entgegen.
Eine Ehrengarde marschiert am Sarg des ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow in der Säulenhalle des Hauses der Gewerkschaften in Moskau während einer Abschiedszeremonie.
Eine Ehrengarde marschiert am Sarg des ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow in der Säulenhalle des Hauses der Gewerkschaften in Moskau während einer Abschiedszeremonie.
© Foto: Alexander Zemlianichenko / dpa
Viktor Orban (l.) legt während einer Abschiedszeremonie Blumen am offenen Sarg Gorbatschows in der Säulenhalle des Hauses der Gewerkschaften in Moskau nieder. Als einer von wenigen ausländischen Politikern war Ungarns Ministerpräsident unter den Trauergästen. Orban pflegt trotz der westlichen Sanktionen wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ein gutes Verhältnis zu Russlands Präsident Wladimir Putin.
Viktor Orban (l.) legt während einer Abschiedszeremonie Blumen am offenen Sarg Gorbatschows in der Säulenhalle des Hauses der Gewerkschaften in Moskau nieder. Als einer von wenigen ausländischen Politikern war Ungarns Ministerpräsident unter den Trauergästen. Orban pflegt trotz der westlichen Sanktionen wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ein gutes Verhältnis zu Russlands Präsident Wladimir Putin.
© Foto: Alexander Zemlianichenko / dpa
Dmitri Medwedew, ehemaliger Präsident Russlands, am Sarg von Michail Gorbatschow.
Dmitri Medwedew, ehemaliger Präsident Russlands, am Sarg von Michail Gorbatschow.
© Foto: Ekaterina Shtukina / dpa
Tochter Irina Wirganskaja verabschiedet sich ein letztes Mal von ihrem Vater Michael Gorbatschow während der Beerdigung auf dem Nowodewitschi-Friedhof.
Tochter Irina Wirganskaja verabschiedet sich ein letztes Mal von ihrem Vater Michael Gorbatschow während der Beerdigung auf dem Nowodewitschi-Friedhof.
© Foto: Alexander Zemlianichenko / dpa
Dmitri Muratow (M.), Friedensnobelpreisträger und Chefredakteur der einflussreichen russischen Zeitung Nowaja Gaseta, trägt ein Porträt des ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion Gorbatschow während dessen Beerdigung auf dem Nowodewitschi-Friedhof in Moskau.
Dmitri Muratow (M.), Friedensnobelpreisträger und Chefredakteur der einflussreichen russischen Zeitung Nowaja Gaseta, trägt ein Porträt des ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion Gorbatschow während dessen Beerdigung auf dem Nowodewitschi-Friedhof in Moskau.
© Foto: Alexander Zemlianichenko / dpa
Das Kondolenzbuch liegt in der russischen Botschaft in Berlin für den verstorbenen ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow aus.
Das Kondolenzbuch liegt in der russischen Botschaft in Berlin für den verstorbenen ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow aus.
© Foto: Kay Nietfeld / dpa
Im Unterschied zu früheren Kremlchefs – wie Nachfolger Boris Jelzin (1931 bis 2007) – bekam Gorbatschow kein Staatsbegräbnis. Der Sarg wurde von Ehrenwachen flankiert, aber die große politische Prominenz war nicht dabei.

Trauerfeier ohne Russlands Präsident Putin

Putins Fehlen am Samstag begründete der Kreml mit Terminproblemen. Er war allerdings schon am Donnerstag am Sarg. Aus Russland kamen etwa Ex-Präsident Dmitri Medwedew, der liberale Oppositionspolitiker Grigori Jawlinski sowie der Journalist Dmitri Muratow, ebenfalls Träger des Friedensnobelpreises.
Ohne den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine wären wohl auch viele hochrangige Politiker nach Moskau gekommen, um Gorbatschow die letzte Ehre zu erweisen. Für viele Politiker westlicher Länder war eine Teilnahme nun auch nicht möglich, weil sie von russischer Seite als Reaktion auf die Sanktionen des Westens mit Einreiseverboten belegt wurden. Zudem ist der russische Luftraum für Flugzeuge aus „unfreundlichen EU-Staaten“ derzeit gesperrt.
Deshalb nahmen vor allem ausländische Botschafter und Diplomaten von Gorbatschow Abschied. Deutschland ließ sich vom Geschäftsträger der Botschaft in Moskau vertreten.

Beisetzung Gorbatschows fand im kleinen Kreis statt

Die Beisetzung fand dann am Nachmittag in einem kleineren Kreis statt. Gorbatschow findet auf dem Moskauer Prominentenfriedhof am Neujungfrauenkloster in der Nähe des Stadtzentrums seine letzte Ruhe – neben seiner Frau Raissa. Unter den Klängen der Nationalhymne wurde sein Sarg ins Grab gelassen.
Nach Angaben des Bürgerrechtsportals OWD-Info kamen vor dem Haus der Gewerkschaft mindestens vier Menschen vorübergehend in Polizeigewahrsam. Die Hintergründe dafür waren am Nachmittag unklar.

Gorbatschow war letzter Staatschef der Sowjetunion

Gorbatschow war in den Jahren 1985 bis 1991 der letzte Staatschef der Sowjetunion. Er galt als Wegbereiter für das Ende des Kalten Krieges und genoss vor allem in Deutschland enormes Ansehen. Unter seiner Führung schloss die Sowjetunion in den 1980er-Jahren mit den USA wegweisende Verträge zur atomaren Abrüstung und Rüstungskontrolle. In seiner Heimat leitete der Politiker als Generalsekretär der Kommunistischen Partei mit seiner Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) einen beispiellosen Reformprozess ein.
Der politische Prozess führte letztlich zu einem Zusammenbruch des kommunistischen Imperiums. Viele Politiker und Bürger Russlands sehen in Gorbatschow deshalb einen „Totengräber der Sowjetunion“. Bis zum Nachmittag erschienen zu der Trauerfeier auch keine Staats- und Regierungschefs der ehemaligen Sowjetrepubliken. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan würdigte in einem Telefonat mit Putin Gorbatschows „bedeutende Rolle“ in Russland und der Welt.
Michael Gorbatschow - sein Leben in Bildern

Bildergalerie Michael Gorbatschow - sein Leben in Bildern

Vorm Kanzleramt hingen Bundesflagge und Europafahne halbmast

In Deutschland wurde in einigen Bundesländern Trauerbeflaggung angeordnet. Vor dem Kanzleramt in Berlin hingen Bundesflagge und Europafahne auf halbmast. Der Bundestag will am Mittwoch im Beisein von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an Gorbatschow erinnern.
Michail Gorbatschows wichtigste politische Stationen.
Michail Gorbatschows wichtigste politische Stationen.
© Foto: F. Bökelmann, M. Lorenz / dpa-infografik GmbH