Von Dietrich Schröder

Der Mai meint es in diesem Jahr gut mit den Russen. Zusätzlich zum „Tag der Arbeit“ hatte ihnen die Regierung noch den
2. und 3. Mai als Feiertage spendiert. Und durch den „Tag des Sieges“ (zur Erinnerung an den 9. Mai 1945) gibt es bereits das zweite lange Wochenende.

„Das muss gefeiert werden“, befindet Sascha und stellt – noch bevor sich unser Zug in Moskau in Bewegung setzt – eine Flasche Rotwein auf den Abteiltisch. Er und seine Frau Mascha nutzen die freien Tage für eine Reise nach Berlin. Und da wir uns in dem kleinen 4-Personen-Coupé sehr nah kommen werden, ist es ratsam, ihr Angebot zum Mittrinken nicht abzulehnen.

„Ich bin Russe, habe aber einen estnischen Pass, weil ich dort geboren wurde“, verrät Sascha den Mitreisenden. Und weil er einen guten Job bei einer Moskauer Wohnungsgenossenschaft hat, kann das kinderlose Paar öfter in den Westen fahren. Nur ein Problem gibt es: Sascha hat Flugangst, deshalb nehmen sie den Zug.

Dass sie sich vor dem Fliegen fürchten, hört die Waggonbegleiterin Natascha immer wieder von Mitreisenden. „Andere sind mit kleinen Kindern oder Haustieren unterwegs“, berichtet sie. Natascha war schon zu Sowjetzeiten als „Provodniza“ (Zugbegleiterin) unterwegs. Geändert hat sich seither einiges: Der Tee, den sie einst gratis servierte, kostet heute 70 Rubel pro Glas. Umgerechnet ist das aber auch nur ein Euro. Nur die Teegläser, die in schmiedeeisernen Haltern stecken, sind noch die gleichen wie einst und begehrte Sammlerobjekte. Natascha wacht mit Argusaugen über sie.

Auch der Komfort der Waggons, die einst in der DDR und heute von Siemens gebaut werden, hat sich erhöht. Die Klimaanlage funktioniert, und die Dusche im Waggon kann man so lange nutzen, wie der Wasservorrat reicht. Die Coupés der Luxus-Klasse sind sogar mit eigenen Duschen und einer Bar ausgestattet, die Tickets kosten aber mehr als dreimal so viel.

Züge zwischen Russland und Frankreich haben eine lange Tradition. Schon im 19. Jahrhunderts reisten Künstler, Kaufleute und selbst gekrönte Häupter nach Paris und in die Gegenrichtung. Erst mit dem Untergang der Sowjetunion 1991 war es auch mit den Zügen für längere Zeit vorbei. Außer für die Oligarchen, die sich Villen an der Cote d’Azur leisten konnten, wären die Tickets für alle anderen unerschwinglich gewesen.

Französische Namen mitten in Moskau

Die Sehnsucht der Russen nach dem Savoir vivre des Westens verspürt man bis heute. Nicht nur Moskauer Cafés und Nachtklubs tragen französische Namen, auch ein Schuhgeschäft auf der teuren Twerskaja-Straße nennt sich „Rendezvous“. Eine französische Schauspielerin, die Glanzrollen in Moskauer Theatern besetzte, aber auch unter Flugangst litt, soll den Anstoß für die Wiederbelebung der alten Linie gegeben haben. Und so fährt der Zug trotz der Konkurrenz von Billigfliegern und Reisebussen einmal in der Woche nach Paris und zurück.

Auch Sascha und Mascha bevorzugen französische oder italienische Weine. Bei der zweiten Flasche angelangt, philosophiert der Estland-Russe über Politik. Die Ukraine sei so feindselig gegenüber Russland geworden, „weil Amerikaner und Chinesen sie gekauft haben“, befindet er. Russlands Bevölkerung leide dagegen darunter, dass „unsere Reichen drei Trillionen Dollar in den Westen ausgeführt haben, statt sie im Land zu investieren“. Auch über Putin hat Sascha eine klare Meinung. Wegen des Alkoholeinflusses soll sie hier jedoch nicht wiedergegeben werden.

 Vor allzu geschwätzigen Mitreisenden hilft die Flucht in den Speisewagen. Der Blick auf die von Birken und Sümpfen geprägte russische Landschaft führt dazu, dass den Reisenden das Herz auf der Zunge liegt. Der in Berlin lebende Aussiedler Wladimir („eigentlich heiße ich Waldemar“) berichtet, dass er in der alten Heimat war, um die Zuzahlung für eine teure deutsche Zahnbehandlung zu sparen. Die Moskauer Kunst-Dozentin Julia beschreibt ihren Traum von einer eigenen Galerie in Los Angeles. Vorerst ist sie aber mit einem Freund in Dresden verabredet, der ihr die Galerie im Zwinger zeigen will.

Wer das bescheidene Angebot der Deutsche Bahn-Gastronomie kennt, dem läuft angesichts der russischen Speisekarte das Wasser im Munde zusammen. Als Vorspeise kann man unter anderem Eierkuchen mit Kaviar wählen (für 600 Rubel oder 8,60 Euro). Gebratener Lachs als Hauptgericht kostet nur 200 Rubel mehr. Und das freundliche Lächeln von Kellner Leonid gibt es kostenlos dazu.

Sascha und Mascha sind inzwischen im Abteil eingeschlummert. Um die beiden nicht zu wecken, erklimme ich vorsichtig mein Bett im oberen Geschoss. Das gelingt erst beim zweiten Versuch.

Der nächste Morgen beginnt mit einer Durchsage des Zugchefs: „In 30 Minuten werden die Toiletten geschlossen“, lautet seine Warnung. Sie führt rasch zu einer Warteschlange vor den beiden Waschräumen.

Schuld an dem nun folgenden Geschehen ist der russische Zar Nikolaus I.. Der befand 1839, dass die Gleise in seinem Reich genau achteinhalb Zentimeter breiter sein sollten als in Westeuropa. Was damals eine militärische Schutzmaßnahme war, bereitet bis heute technische Probleme und symbolisiert zugleich die Grenze zur Europäischen Union. Im weißrussischen Brest – dem Grenzort zu Polen – werden die zwölf Waggons in einer alten Werkhalle voneinander getrennt. Arbeiter kriechen darunter, um die russischen Fahrgestelle zu demontieren. Ihre Hammerschläge dröhnen laut, bevor die Wagen mit Hydraulikhebern nach oben geliftet werden. Mittels Seilwinde werden die breiten Fahrgestelle weggezogen und die schmaleren unter die Waggons gerollt.

Wir Passgiere müssen während der mehrstündigen Prozedur in den Waggons verbleiben, da uns weißrussische Grenzbeamte zuvor die Ausweise abgenommen haben. Wie intensiv die Dokumente geprüft werden, kann man nur ahnen. Die Rückgabe der Pässe und die Zollkontrolle verlaufen dagegen unspektakulär. Damit die Zöllner einen Blick ins Coupé werfen können, müssen alle kurz auf den Gang – das war’s. „Schmuggler fahren nicht mit diesem Zug, die haben ganz andere Möglichkeiten“, lautet Saschas fachmännischer Kommentar dazu.

Endlich rollt der Zug über den Fluss Bug. Die Einreise in die EU löst bei den russischen Passagieren Nervenkitzel aus. Polnische Grenzschützer mustern die Reisenden gründlich, bevor sie ihrer Stempel in die russischen Ausweise drücken. Von denjenigen, die zum ersten Mal in die EU einreisen, werden sogar Fingerabdrücke genommen.

Der Raps leuchtet knallgelb in der Sonne

In Polen ist die Natur weiter als im kühlen Russland, besonders die Rapsfelder leuchten knallgelb in der Sonne. Zudem gleitet der Zug viel ruhiger dahin als auf den russischen Gleisen, was unweigerlich Saschas Einschätzung zur Folge hat, „dass in der EU eben ordentlicher gebaut wird als in Russland“.

Der mittägliche Halt auf dem Warschauer Ostbahnhof bietet Sascha endlich Gelegenheit, seine Weinvorräte zu erneuern. Als inzwischen tiefenentspannten Reisenden fällt uns die Hektik der Menschen auf den anderen Bahnsteigen auf.

Ein neues gastronomisches Highlight stellt der polnische Speisewagen dar, der in Warschau angekoppelt wird und uns bis Paris begleitet. Sein Angebot ist noch umfangreicher als das russische, aber auch etwas teurer. Die polnische Kellnerin Ewa spricht fließend Russisch. „Ich liebe die Russen, sie meckern auch nicht so viel“, sagt sie. Dass viele ihrer Landsleute Russland fürchten und die aktuelle Warschauer Regierung solche Vorurteile noch schürt, findet sie schlimm. In Frankfurt (Oder) – der ersten deutschen Station – wartet außer den beiden Zugbegleitern von der DB nur ein einzelner Fahrgast, der ein Ticket nach Paris vorzeigen kann. Drei Studenten, die fragen, ob sie bis Berlin mitfahren können, weist Natascha dagegen ab. Dafür gibt es – so wie an allen weiteren Stationen – viele neugierige Blicke auf die silbrig-roten Waggons.

Bis Berlin-Lichtenberg zieht noch die polnische Lok den Zug. „Die hat schon ein Mehrstromsystem, davon gibt es bei uns kaum welche“, sagt der DB-Begleiter anerkennend. So wie Sascha und Mascha steigen viele Russen im Hauptbahnhof aus. Aber es kommen auch neue Passagiere.

Langsam senkt sich die Nacht über Deutschland. Jetzt erzählt auch die noch im Abteil verbliebene Rentnerin Jelena, weshalb sie nach Paris fährt. Ihr Schwiegersohn, der für eine IT-Firma in Moskau arbeitet, gehört zu den russischen Gutverdienern. Über die Feiertage besucht er mit Frau und Kindern Bekannte, die ein Häuschen in der Nähe von Disneyland Paris besitzen. Babuschka Lena wurde auch eingeladen. Doch weil sie ebenfalls ungern fliegt, hat ihr der Schwiegersohn das Bahn-Ticket besorgt.

Im badischen Offenburg gibt es den letzten Lokwechsel. Als der Zug kurz nach fünf die Rheinbrücke nach Strasbourg überquert, ist es noch stockduster. Doch schon eine Stunde später serviert Pani Ewa aus Warschau im polnischen Speisewagen des russischen Zuges bei der Fahrt durch die französische Landschaft ein echt europäisches Frühstück. Dazu steigt die Sonne aus dem Nebel über der Champagne.

Kurz vor zehn erreichen wir den Pariser Ostbahnhof. „Eigentlich leben wir Europäer doch ganz schön nah beieinander“, befindet Jelena.