(AFP/bob) Sief Allah H. hält sich einen Aktenordner vor das Gesicht, als er am Freitag von Justizwachtmeistern in den Verhandlungssaal im Hochsicherheitstrakt des Düsseldorfer Oberlandesgerichts geführt wird. Der Mann mit dem ultrakurzen Haarschnitt und gestutztem Bart muss im Gerichtssaal hinter einer Trennglasscheibe Platz nehmen – seine blonde Ehefrau Yasmin H. dagegen darf sich auf die nicht abgetrennte „normale“ Anklagebank setzen.

Grund sind die unterschiedlichen Anklagevorwürfe gegen das Ehepaar, das in seiner Kölner Hochhauswohnung für einen islamistischen Anschlag hochtoxisches Rizin hergestellt haben soll – ein bislang in Deutschland einmaliger Fall. Sief Allah H. legt die Bundesanwaltschaft darüber hinaus versuchte Mitglied­schaft in einer Terrorvereinigung zur Last – er soll zweimal vergeblich versucht haben, ins Kampfgebiet der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat nach Syrien zu gelangen.

Das bringt den 30-Jährigen im Gerichtssaal einen Platz hinter Sicherheitsglas ein – alle Angeklagten in dem Düsseldorfer Gerichtsbunker mit mutmaßlichen Bezügen zu Terrororganisationen müssen auf einer mit Glasscheiben abgetrennten Anklagebank vom Richter aus gesehen ganz rechts Platz nehmen.

Ganz links aus Sicht der Richterbank sitzt Oberstaatsanwältin Ve­rena Bauer, die zum Prozessauftakt die Anklageschrift verliest und dabei detailliert die Anschlagsvorbereitungen des mutmaßlichen Islamistenpaars schildert. 84,3 Milligramm höchstgefährlichen Rizins fanden die Ermittler im Juni in der Wohnung des Paars in Köln-Chorweiler.

Genau betrachtet verfügte das Paar damals über zwei Wohnungen: Wegen eines Wasserschadens war die Familie in eine Nachbarwohnung umgezogen, verfügte aber noch über die Schlüssel zu ihren früheren Räumen. Dort sollen sie das Rizin hergestellt haben – aus Rizinussamen, die mit einer Knoblauchpresse und einer Kaffeemühle in Pulver verwandelt wurden.

Unklar ist laut Bundesanwaltschaft, wie genau die mutmaßlichen Bombenbauer das Supergift anwenden wollten. Womöglich wollten sie die toxische Substanz per Sprengsatz als Pulver in die Luft jagen. Als Sprengstoff wollte Sief Allah H. der Oberstaatsanwältin zufolge Pulver aus illegalen Feuerwerksböllern verwenden – zu deren Ankauf reiste er demnach eigens zweimal nach Polen.

Nach seiner Rückkehr soll er auf einer Grünfläche einen Sprengversuch unternommen haben. Und noch von einen weiteren, mindestens ebenso ungewöhnlichen Versuch der Angeklagten berichtet die Vertreterin der Bundesanwaltschaft: Um die Wirkung des selbst hergestellten Rizins auf Lebewesen zu testen, sollen die Angeklagten in einer Kölner Zoohandlung einen Zwerghamster gekauft haben.

Tatsächlich setzte Sief Allah H. das Tier laut Anklage dem Megagift aus. Allerdings stellte er sich dabei – zum Glück für das Tier – offenbar nicht sonderlich geschickt an. Der Zwerghamster jedenfalls überlebte den hochgefährlichen Test.

Diese Anekdote kann freilich nicht die Gefährlichkeit der mutmaßlichen Anschlagspläne in den Hintergrund drängen. Nach Erkenntnissen der Ermittler wollte das Paar den Anschlag in einem geschlossen Raum mit vielen Menschen verüben – womöglich in einem Restaurant oder einem Einkaufszentrum.

Ein konkretes Ziel sollen die beiden aber noch nicht ins Visier genommen haben. Doch die Experten sind sicher: Ein Rizin-Anschlag hätte eine große Zahl von Menschen ums Leben gebracht.