Von Martin Gehlen

Kummer hat Wladimir Putin im Nahen Osten derzeit nur mit arabischen Musikkorps. Wie vor einiger Zeit beim Staatsbesuch in Ägypten, zerlegten Anfang der Woche auch Saudi-Arabiens uniformierte Blechbläser die russische Nationalhymne in ein ohrenbetäubendes Gequietsche.

Der Staatsgast aus Moskau jedoch machte gute Miene zum schlechten Spiel. Denn abgesehen von solchen Missklängen läuft es für den Kremlchef derzeit im Nahen Osten so gut wie nie. Kein amerikanischer Präsident zuvor spielte seinem russischen Amtskollegen derart in die Hände wie der erratische und schwankende Donald Trump.

Und so avanciert der machtbewusste Russe zum eindeutigen Gewinner und zur neuen Schlüsselfigur in der Unruheregion. Bei ihm laufen die Fäden zusammen, die meisten Potentaten suchen sein Ohr, darunter auch jahrzehntelange US-Vorzeigeverbündete wie die Golfstaaten. Am Montag in Saudi-Arabien, bei seinem ersten Besuch seit mehr als einem Jahrzehnt, bot Putin sich als Schlichter im Konflikt mit dem Iran an.

In den Vereinigten Arabischen Emiraten schmiedete er mit der superreichen Emir-Familie hochfliegende Weltraumpläne. Trotzdem verhalf er gleichzeitig seinem syrischen Schützling Bashar al-Assad, dem eingeschworenen Feind beider Golfgastgeber, zum größten strategischen Durchbruch seit Jahren.

Unter dem Druck der türkischen Offensive und dem Abzug der US-Truppen vermittelte der Kremlchef kurzerhand ein Abkommen zwischen den bedrängten Kurden und Damaskus, was die siebenjährige Autonomie der nordsyrischen Rojava-Enklave beendet.

Als Puffer gab Putin Assad Soldaten russischer Spezialkräfte mit, die offene Gefechte zwischen der syrischen und türkischen Armee verhindern sollen. Doch um den fulminanten Handstreich des Regimes gegenüber seiner kurdischen Minderheit zu zementieren, braucht es zusätzlichen Druck auf Ankara. Und so nutzte Putin am Mittwoch den glühenden Zorn in Washington und Brüssel über Recep Tayyip Erdogans Offensive, um den in westliche Ungnade gefallenen türkischen Präsidenten demonstrativ zu einem Arbeitstreffen nach Moskau einzuladen.

Den Preis dafür ahnt Erdogan, der kürzlich die erste Batterie von SS-400 Abwehrraketen geliefert bekam und sein Verhältnis zu Moskau nicht gefährden möchte. Putin verlangt klare Zusagen für die dauerhafte Präsenz der syrischen Armee im kurdischen Norden sowie weitere Zugeständnisse bei der einzigen noch verbliebenen Rebellen-Enklave von Idlib.

Denn auch hier, bei der schrittweisen Rückeroberung des letzten Assad-freien syrischen Territoriums, führt der Kreml-Chef die eigentliche Regie. Ohne die russische Luftwaffe können Assads Truppen gegen die 20 000 Hardcore-Dschihadisten wenig ausrichten. Und so ist es Moskau, das auch an dieser Front den militärischen Takt vorgibt. Anfang September wurden bereits Hunderte russische Söldner der berüchtigten Wagner-Gruppe an den Rand der Idlib-Zone verlegt, ausgerüstet mit modernen Panzern. Russische Spezialkräfte sind ebenfalls vor Ort, um die Enklave in den kommenden Monaten Stück für Stück zurückzuerobern, möglichst ohne einen Massenexodus der drei Millionen Bewohner auszulösen.

Derweil zieht tausend Kilometer weiter westlich bereits die nächste Konfrontation herauf - im Streit zwischen Ägypten und Äthiopien. Kairo befürchtet, beim Befüllen des neuen Nil-Riesenstaudamms in einen Wassernotstand zu geraten, und rief den russischen Präsidenten als Vermittler an. Dazu will sich der ägyptische Diktator Abdel Fattah al-Sisi mit dem frisch gekürten äthiopischen Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed in Moskau treffen. Ob die Mission gelingt, steht in den Sternen. Zumindest aber kann Putin seinem Kairoer Besucher dann vorführen lassen, wie die russische Nationalhymne tatsächlich klingt.