Rechtspopulisten umwerben Menschen, deren Frust in Aggression umschlägt, sagt der Konfliktforscher Andreas Zick. Umso wichtiger sei es, die junge Generation für gesellschaftliche Debatten gut zu rüsten.  Die RUNDSCHAU befragte Zick zu den gesellschaftlichen Auswirkungen von Hass und verbaler Gewalt.

Herr Professor Zick, Hass, Hetze, Ausgrenzung im Netz: Welche Chance hat ein auf Toleranz, Vielfalt und Integration ausgerichteter öffentlicher Diskurs überhaupt noch?

Zick Ein solcher Diskurs ist jetzt seit drei Jahren nicht mehr oder nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Das fing 2014 mit massiven Hasskampagnen an, die es vor allem auf den Web-Seiten extremer und extremistischer Gruppen zwar schon immer gab. Aber erst mit Pegida und ähnlichen Initiativen ist deutlich geworden, wie sich bei Facebook, Twitter und auf anderen Kanälen auch die Sprache verändert. Über diese Veränderung haben sich im Netz Gruppen zusammengefunden und Hassgemeinschaften gebildet, die gar keinen Dialog führen wollen.

Die haben sich von Anfang an einer Debatte mit Andersdenkenden oder Kritikern verweigert?

Zick Ja. Eine solche Einbahnstraßenkommunikation ist das Gegenteil einer zivili­sierten, auf Austausch und Ausgleich gerichteten Diskussion. Das beförderte ab 2015 den Rechtspopulismus und heizte zugleich die politische Auseinandersetzung auf. Auch die etablierte Politik begann, in diese Netzkommunikation Meinung einzuspeisen, doch das führte eben nicht zu einem Dialog. Es gibt für das Netz keine Grundregeln der Kommunikation, wie sie offline in der öffentlichen Debatte bislang galten. Und damit gibt es bis heute im Netz auch keine geeignete Dialogplattform für große gesellschaftliche Fragen.

Sollte man sich lieber gar nicht auf Netzkommunikation einlassen?

Zick Bisher herrscht in der Politik und bei vielen zivilgesellschaftlichen Gruppen die Meinung vor, wenn es solche Kampagnen im Netz gibt, muss man sich der Auseinandersetzung auch dort stellen. Man sollte sich auf eine zivile Kommunikation ruhig einlassen.

Und wie gehen Sie persönlich damit um, wenn Ihnen auf sozialen Kanälen Hass begegnet?

Zick Indem ich antworte: Sie können mir eine Frage stellen oder eine Meinung sagen, wenn Sie mir keine Gewalt androhen. Nehmen Sie die Drohung raus, trete ich in einen Dialog mit Ihnen. Wenn mir aber eine konkrete Gewalt angedroht wird, hole ich Rat und Hilfe ein.

Und das funktioniert?

Zick Viele Versuche scheitern. Wir müssen uns also fragen, ob es überhaupt Sinn macht, mit Menschen im Netz in Kontakt zu treten, die nicht bereit oder in der Lage sind, einen Dialog mit uns zu führen.

Sie würden auch nicht auf den „besorgten Bürger“ zugehen?

Zick Den gab es für mich nie, beziehungsweise verkümmerte das Bild schnell zum Klischee. Zwar haben Politiker die These vertreten, hier äußern sich Bürger mit nachvollziehbaren Ängsten, mit denen wir reden müssen. Die äußern zwar auch ihren Hass, meinen es aber nicht so. Das war ein Bild, das sich die Politiker von Menschen gemacht haben, die massiv Vorurteile äußern, von denen sie aber hoffen, sie zurückgewinnen zu können für einen Dialog. In Wahrheit handelt es sich bei den „besorgten Bürgern“ um Menschen, die um ihren Status fürchten, ein Gefühl von Mangel und Verlust haben. Dieser Zustand der Frustration kippt in eine Aggression, die sich in Hass und Vorurteilen gegenüber anderen Gruppen äußert, die angeblich Schuld an ihrer Lebenssituation tragen – Flüchtlinge zum Beispiel.

Was objektiv gar nicht stimmt?

Zick Da kommt die rechtspopulistische Propaganda ins Spiel, die den „besorgten Bürgern“ genau diese Argumentation anbietet: Für eure Probleme sind die Flüchtlinge verantwortlich, denn für die tut der Staat alles, für euch nichts.

Der Staat, der die Kontrolle über die Migration verloren hat?

Zick Es gibt, wie unsere Studien zeigen, einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen denen, die hassen, und denen, die glauben, der Staat habe die Kontrolle über gesellschaftliche Entwicklungen ver­loren. Sorge über drohenden Abstieg ­allein erklärt Hass und Aggression nicht, sondern es ist eine Mischung aus großer Sorge und dem Eindruck, die politischen Institutionen hätten die Kontrolle verloren. Das ist exakt das, was der Rechtspopulismus bedient. In diesem Moment geht nicht nur ein gesellschaftlicher Konsens verloren, diese Strategie ist geradezu eine Aufforderung zu Aggression und Gewalt.

Und wann wird aus Worten Gewalt, aus Einstellung Verhalten?

Zick Manche Menschen werden von ihren Hassbotschaften in einen Zustand der Erregung und Selbstradikalisierung versetzt, der dazu führen kann, dass der Hass umkippt in Handeln, zum Beispiel in Anschläge auf Flüchtlingsheime oder indem man sein Auto gezielt auf Ausländer lenkt. Deswegen müssen wir Hass als Affekt ernst nehmen, besonders wenn er in einem kommunikativen Umfeld auftritt, das den Hass als berechtigt anerkennt. Dadurch verändern sich gesellschaftliche Normen, also das, was als sagbar oder legitim gilt.

Was kann gegen diese Dynamik helfen?

Zick Wir alle sind in die Schule gegangen und leben in einem Kulturraum mit einer zentralen Regel für Bildung: Dass ich mir überlege, bevor ich andere schädige oder abwerte, was ich da mache und wie ich mich selbst fühle, wenn man mir das ­antut.

Also muss man Schüler, die ihre Lehrer mit Hassbotschaften attackieren oder Mitschüler ausgrenzen, damit konfrontieren?

Zick Genau. Wir müssen junge Menschen als User kompetent machen, die Folgen ihrer Kommunikation zu erkennen.  Und wir müssen Menschen vor den Folgen von Hass und Radikalisierung schützen, indem zum Beispiel Volksverhetzung im Netz nicht toleriert, sondern strafrechtlich verfolgt wird. Als Gewaltforscher frage ich mich ohnehin oft: Wie viel Gewalt im Netz wollen wir eigentlich noch tolerieren? Schließlich wissen wir doch, wie sehr Hass im Netz sowohl psychisch wie physisch schädigt.

Wie kann Kommunikation zwischen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen ­wieder funktionieren?

Zick In den Debatten stoßen wir oft auf emotional aufgeheizte Menschen. Wir haben diese emotionale Botschaft aber immer unterschätzt. Zivilisation haben wir stets als die Kontrolle von Gefühlen definiert. Jetzt kommt das Netz und vermittelt: Du darfst jetzt Wutbürger sein und jeden Blödsinn zur Sorge erklären. Das ist ein Rückschritt. Für Rassismus, für nationalsozialistisches Gedankengut haben wir über die Jahre zivilgesellschaftliche Normen entwickelt. Aber im Netz haben wir komplett normfreie Räume. Das muss sich
ändern.

Ein Blick in die Zukunft: Wie macht man die junge Generation konfliktfähig?

Zick Indem man die Jugendlichen ernst nimmt. Unsere Studien zeigen, dass Jugendliche Lust haben, in der Gesellschaft etwas zu tun. Dafür müssen sie aber ordentlich aufwachsen können, in einer schönen Umgebung, auch in der Schule. Das ist aber nicht der Fall. Dabei ist das Geld dafür da.

Ich finde eine Gesellschaft unerträglich, in der die Lehrerin dem Schüler sagt, Du bist wichtig. Aber er kann nicht auf die Toilette gehen, weil die nicht funktioniert. Die Schule sollte Kinder darauf vorbereiten, sich die Welt anzusehen und zu lernen, mit ihrem Kopf ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Dann sind sie für Debatten gut gerüstet.

Mit Andreas Zick
sprachen Gunther Hartwig
und Stefan Kegel