Von Nina Schmedding

Ein Sofa im 70er-Jahre-Stil, eine Stehlampe mit Fransenschirm und ein Tisch mit knallorangem Telefon darauf. Es klingelt. Ein Mann, hellbeiger Anzug, Brille, grauer Bart, hebt ab und meldet sich: „DDR-Museum Dr. Wolle“.

Das Stichwort für den Einsatz der Background-Sänger: „Frag Dr. Wolle“ ertönt es im melodischen Singsang – denn so heißt das Youtube-Format, bei dem DDR-Forscher Stefan Wolle per Video Alltagsfragen rund um die Deutsche Demokratische Republik beantwortet. Seit dem Mauerfall am 9. November vor 30 Jahren sind viele Fakten aus der Lebenswirklichkeit der Menschen in Vergessenheit geraten – sei es zu Küche, Schule oder Sexualität.

„Den Namen haben wir in Anlehnung an die westdeutsche Bravo-Rubrik ‚Frag Dr. Sommer‘ gewählt“, erklärt Wolle, wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin, der sich in dem Video-Format bewusst einfach formuliert mit der DDR beschäftigt. „Wir müssen anknüpfen an die tendenzielle Nullkenntnis“, sagt er. Bei der Ausstellung in dem 2006 gegründeten DDR-Museum wird als erstes gezeigt, wo die DDR geografisch überhaupt verortet war.

Die Bürger hätten immer weniger historisches Basiswissen, bedauert der Experte. Gleichzeitig gebe es aber ein „riesengroßes Interesse an Geschichte“, das auch den Museen guttue. Vor allem Objekte zum Anfassen und Ausprobieren – „mal eine Schublade aufziehen oder etwas hin- und herschieben“ – kommen an, sagt der Historiker, „noch mehr als virtuelle Spielereien“. Der Besucheransturm ist groß. Mehr als eine halbe Millionen Menschen besuchen jährlich das DDR-Museum – vor allem Schüler aus dem In- und Ausland.

Das hat zur Folge, dass die einzelnen Youtube-Episoden immer nachts in den Ausstellungsräumen gedreht werden müssen, wenn das Museum sich geleert hat. 16 Kurzfilme gibt es mittlerweile. Nutzer können ihre Fragen per Mail stellen – und Dr. Wolle beantwortet sie dann im Video.

So erklärt er etwa: „Eine eigene DDR-Küche gab es zwar nicht“ – aber dennoch typische Gerichte. So etwa den „Goldbroiler“, der laut Wolle 1967 in Berlin-Mitte in der Chausseestraße erfunden wurde – ein Brathähnchen. Ebenso beliebt: eine panierte Wurstscheibe mit Tomatensoße und Nudeln – die DDR-Version des „Jägerschnitzels“.

Die Liebe in der DDR ging also vermutlich nicht durch den Magen – aber das war auch gar nicht nötig, so Wolle: „Die Ehe war weit weniger eine ökonomische Einrichtung als im Westen, schließlich gingen die meisten Frauen arbeiten und konnten für sich selbst sorgen. Man hatte mehr Zeit für die Liebe und weniger Stress – und das wirkte sich insgesamt positiv auf die Beziehungen aus – man denke nur an die FKK-Kultur.“ Von Gleichberechtigung in allen Lebenslagen sei man aber auch in der DDR noch weit entfernt gewesen. So gab es einmal im Monat einen Haushaltstag – ausschließlich für die berufstätigen Frauen.

Und warum schneiden Ostdeutsche in aktuellen Studien im Rechnen besser ab als Westdeutsche? Auch diese Frage beantwortet Wolle: „Mathematik, Physik und Chemie waren in der DDR sehr wichtige Fächer. Die DDR brauchte gute Ingenieure, um die Wirtschaft vo­ran­zubringen. Entsprechend waren die Schulen auf diesem Gebiet wirklich gut. Den Lehrern, die ihre Ausbildung noch in der DDR gemacht haben, haben wir es zu verdanken, dass die Ostdeutschen so gut rechnen können.“