In einem dramatischen Appell hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Deutschen in der Corona-Krise zu Solidarität und Vernunft aufgerufen. „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst. Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt“, sagte Merkel in einer am Mittwochabend ausgestrahlten Fernsehansprache. Es war das erste Mal, dass die Kanzlerin sich in ihrer über 14-jährigen Amtszeit aus aktuellem Grund auf diese Weise an die Bürger wandte.

Merkel fordert Bürger zu Hilfsbereitschaft auf

Eindringlich und außergewöhnlich persönlich forderte Merkel die Menschen auf, sich an die geltenden Regeln zu halten, um das Infektionsrisiko insbesondere für Gefährdete zu senken. Das deutsche Gesundheitssystem sei zwar „vielleicht eines der besten der Welt“, aber auch die Krankenhäuser hierzulande wären mit einer zu hohen Zahl schwerer Corona-Fälle überfordert, warnte die Kanzlerin. „Das sind nicht einfach abstrakte Zahlen in einer Statistik, sondern dass ist ein Vater oder Großvater, eine Mutter oder Großmutter, eine Partnerin oder Partner, es sind Menschen. Und wir sind eine Gemeinschaft, in der jedes Leben und jeder Mensch zählt“, sagte Merkel.

Merkel kündigt an: Vorerst keine weiteren Beschränkungen

Die Kanzlerin kündigte ausdrücklich keine weiteren und verschärften Beschränkungen an, schloss solche aber für die Zukunft nicht aus. „Wir werden als Regierung stets neu prüfen, was sich wieder korrigieren lässt, aber auch: was womöglich noch nötig ist.“ Ein Ende der derzeit geltenden Auflagen stellte sie ebenfalls nicht in Aussicht, die Regeln würden „nun für die nächste Zeit gelten“, sagte sie.

Zuvor war spekuliert worden, ob auch in Deutschland eine Art vollständige Ausgangssperre verhängt wird, wie es sie bereits in anderen europäischen Ländern wie Italien, Frankreich und Belgien gibt. Die Regierung war dem aber schon im Laufe des Tages energisch entgegen getreten. Merkel hatte die Ansprache am späten Nachmittag aufgezeichnet.

Merkel versichert: Genügend Lebensmittel für alle

Ausdrücklich versicherte Merkel, dass es genügend Lebensmittel für alle gebe und kritisierte „hamstern, als werde es nie wieder etwas geben“ als „sinnlos und letztlich vollkommen unsolidarisch“. Mit Blick auf große und kleine Betriebe sagte Merkel erneut die Hilfe der Bundesregierung zu. „Wir können und werden alles einsetzen, was es braucht, um unseren Unternehmern und Arbeitnehmern durch diese schwere Prüfung zu helfen.“

Die Kanzlerin dankte zudem allen, die derzeit an vorderster Front bei der Bewältigung der Corona-Krise stehen und würdigte ausdrücklich auch diejenigen, die „in diesen Tagen an einer Supermarktkasse sitzen oder Regale befüllen“.

Merkel hatte sich bislang noch nie außerhalb der traditionellen Neujahrsrede direkt per Fernsehen an die Bürger gewandt. Sowohl bei der Bewältigung der Finanz- und Eurokrise sowie in der Flüchtlingskrise war ihr deswegen mangelhafte Kommunikation vorgeworfen worden.

Merkel will politische Entscheidungen transparent machen

Merkel hob nun in ihrer Ansprache selbst hervor, dass es sich dabei um einen „ungewöhnlichen Weg“ handele und begründete dies damit, dass es zu einer offenen Demokratie gehöre, „die politischen Entscheidungen auch transparent“ zu machen und zu erläutern. Die einschneidenden Beschränkungen müssen „möglichst gut“ begründet und kommuniziert werden, „damit es nachvollziehbar wird“. In anderen europäischen Staaten hatten sich die Staats- und Regierungschefs teilweise bereits mehrfach wegen der Corona-Krise im Fernsehen an die Bevölkerung gewandt, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sprach dabei davon, dass sich das Land „im Krieg“ gegen das Virus befinde. Merkel dagegen bezeichnete die Corona-Krise als die schwerste seit dem Zweiten Weltkrieg.

Fernsehansprachen in Deutschland eher selten

In Deutschland sind derartige Fernsehansprachen der Regierungschefs äußerst selten. Merkels Vorgänger, unter ihnen Gerhard Schröder, Helmut Kohl und Helmut Schmidt hatten auf das Mittel nur in historischen Lagen zurückgegriffen, zum Kosovo-Krieg beispielsweise, zum Inkrafttreten der deutschen Währungsunion oder anlässlich des RAF-Terrors in den 70er Jahren.

Merkel hatte sich vor genau einer Woche erstmals öffentlich zur Corona-Krise geäußert, als sie nach einer EU-Videoschalte vor die Presse trat. Damals begründete sie den Auftritt, zu dem sie sich von Gesundheitsminister Jens Spahn und dem Leiter des Robert-Koch-Instituts Wieler begleiten ließ, quasi mit dem vorausgegangenen EU-„Gipfel“. Seither war Merkel nahezu täglich nach Besprechungen mit den Ministerpräsidenten oder Wirtschaftsvertreten sowie in ihrem wöchentlichen Video-Podcast im Rahmen von knapp gehaltenen Statements oder kurzen Pressekonferenzen an die Öffentlichkeit gegangen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte seinerseits am Montag ein Video online gestellt, in dem er ebenfalls eindringlich um Einhaltung der Regeln zum Infektionsschutz bat, zugleich aber auch Mut machte. Wie nun auch Merkel versicherte der Bundespräsident, dass die Krise irgendwann vorbei sein werde. Während Steinmeier sagte: „Wir werden das Virus besiegen“, wählte Merkel die Formulierung: „Dass wir diese Krise überwinden werden, dessen bin ich vollkommen sicher.“