Von Michael Gabel

Verbraucherschützer fordern eine Reform der privaten Altersvorsorge. Eine neue, staatlich organisierte „Extrarente“ soll nach dem Willen des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv) dazu beitragen, dass Arbeitnehmer und Selbstständige im Alter auskömmlich leben können. Sie sei fairer als herkömmliche Finanzprodukte, weil Kunden etwa keine Abschlussgebühren zahlen müssten, so Verbandschef Klaus Müller. Antworten zu den wichtigsten Fragen.

Wie soll die „Extrarente“ aussehen?

Vorgesehen ist, dass jeder Arbeitnehmer über den Arbeitgeber automatisch in die Zusatzrente einbezogen wird, es sei denn, er lehnt das ausdrücklich ab. Auch Selbstständige können einzahlen. Das Geld wird bis zum 49. Lebensjahr komplett in Aktien angelegt, danach geht es in weniger schwankungsanfällige Anlagen. Die Höhe der Beträge ist flexibel. Basisvariante sind vier Prozent des Bruttoeinkommens als monatliche Zahlung.

Wie wird die Zusatzrente organisiert?

Laut vzbv sollen die Vorsorgebeiträge an einen öffentlichen Träger gehen, der das Geld dann per Ausschreibung an Fondsgesellschaften, Banken oder Versicherungen weitergibt.

Warum ist die „Extrarente“ nötig?

Lebensversicherungen – etwa auch die vom Staat geförderte Riester-Rente – haben den Nachteil, dass Kunden hohe Abschlussgebühren bezahlen müssen. Außerdem fallen bei den Unternehmen hohe Vertriebskosten an, weil sie Abnehmer für ihre Produkte suchen müssen. Bei der „Extrarente“ wäre das anders. Da Arbeitnehmer, die nicht widersprechen, automatisch einbezogen werden, entstehen keine Vertriebskosten. Und Abschlussgebühren sind in dem vzbv-Konzept nicht vorgesehen. Ein ähnliches Modell gibt es bereits in Schweden.

Wie beurteilen andere den Vorschlag?

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft sieht die Zusatzrente kritisch und warnt, es werde zu stark auf den Aktienmarkt gesetzt, was das Risiko für die Verbraucher erhöhe. Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur des Verbraucher-Ratgebers „Finanztip“, bewertet die „Extrarente“ dagegen positiv. „Sie ist günstiger als die Systeme, die es bisher gibt, beispielsweise die Riester-Rente“, sagt er der RUNDSCHAU. Die zu schaffende Behörde solle aber „so schlank wie möglich“ ausfallen.

Welche Chancen hat die „Extrarente“, Gesetz zu werden?

Sie stehen nicht schlecht. Im Koalitionsvertrag ist zwar nur nebulös davon die Rede, dass im Dialog mit der Versicherungswirtschaft ein „attraktives, standardisiertes Riester-Produkt“ geschaffen werden solle. Aber der rentenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Peter Weiß, lässt im Gespräch mit der RUNDSCHAU Sympathien für die „Extrarente“ erkennen. „Ich bin davon überzeugt, dass eine verpflichtende private Zusatzvorsorge kommen muss“, sagt er. Nur würde er den Arbeitnehmern die Wahlfreiheit lassen. Sie könnten sich dann beispielweise entscheiden zwischen Betriebsrente, einem Riester-Vertrag oder einer Zusatzrente nach vzbv-Modell.

Wann könnte die Zusatzrente kommen?

Eine Kommission des Bundesarbeitsministeriums will im Frühjahr 2020 Pläne vorlegen, wie es insgesamt mit der Rente weitergehen soll. Thema wird dabei auch die private Zusatzrente sein. Den von den Verbraucherschützern genannten Termin 2022 für die „Extrarente“ hält CDU-Experte Weiß allerdings für „deutlich verfrüht“.