Von Martin Gehlen

Al-Baghdadi hinterließ mit seinem „Islamischen Kalifat“ Massengräber, zerstörte Städte, unbewohnbare Dörfer. Nach einer vierjährigen Völkerschlacht versank sein religiöser Terrorstaat in Schutt und Asche, der zeitweise ein Gebiet so groß wie England beherrschte.

Im März 2019 kapitulierte die letzte Bastion der Gotteskrieger im ostsyrischen Städtchen Baghouz am Euphrat. Und am Sonntag (Ortszeit) sprengte sich der IS-Terrorchef in seinem Versteck in der Rebellenprovinz Idlib nahe der türkischen Grenze in die Luft, um einer US-Gefangenschaft zu entgehen.

Doch der Tod Baghdadis, die militärische Niederlage und der Untergang des territorialen Kalifates bedeuten keineswegs das Ende der Terrormiliz. Denn rund um den Erdball haben sich drei Dutzend IS-Terrorfilialen gebildet. Für dieses „globale Kalifat“ wurden sogar die IS-Gebiete neu geordnet, wie die Terrorexperten Charlie Winter und Aymenn al-Tamimi schrieben.

Dazu stufte die IS-Führung die Kerngebiete Syrien und Irak herab und wertete die IS-Provinzen in Afrika und Asien auf. Und so waren nach Einschätzung der beiden Forscher die Osteranschläge von IS-Extremisten in Sri Lanka, bei denen im April 259 Menschen starben, der erste „Probelauf“ für diese neue Strategie.

Doch auch Syrien und der Irak bleiben wichtige Hochburgen, weil die Terrormiliz nach Schätzungen des Pentagon dort immer noch 18 000 Dschihadisten unter Waffen hat, darunter 3000 Ausländer. Teile der syrischen Zivilbevölkerung sympathisieren nach wie vor mit den Extremisten und verstecken ihre Schläfer. Auf irakischer Seite haben IS-Kommandos wieder Fuß gefasst. Dutzende lokale Politiker und Stammesführer wurden ermordet. Viele zwischenzeitlich verstummte Facebook-Accounts von IS-Anhängern sind erneut aktiv.

Der IS habe bewiesen, das er Rückschläge verkraften könne, „und wird definitiv den Tod von Baghdadi ausschlachten, um neue Anhänger zu rekrutieren und zu Anschlägen aufzustacheln“, twitterte Rita Katz, Direktorin von „SITE Intelligence Group“, einer US-Organisation, die das Online-Geschehen dschihadistischer Gruppen verfolgt.

Auch die meisten IS-Gefangenen geben sich unbeirrt. IS-Mütter fauchten, sie würden weitere Generationen von Dschihadisten gebären. 70 000 Frauen und Kinder, von denen 11 000 aus dem Ausland stammen, sind in drei Lagern der nordsyrischen Kurden interniert, die sich zu neuen Brutstätten des Terrors entwickeln. Vor allem die ausländischen Fanatikerinnen haben eine Herrschaft des Schreckens errichtet. Mehrere junge Insassinnen, die sich den drakonischen Kleidervorschriften verweigerten, wurden erstochen aufgefunden.

Zu den 12 000 gefangenen IS-Männern zählen etwa 2500 Ausländer aus 50 Nationen. Etwa 100 von ihnen konnten nach Angaben des Pentagon in dem jüngsten Kriegschaos bereits entkommen, darunter auch einige Deutsche. Ausdrücklich warnte die Führung der syrischen Kurden am Sonntag nach dem Tod Baghdadis vor Racheakten von Dschihadisten, die sich im Untergrund verstecken. „Alles ist möglich, auch Angriffe auf Gefängnisse“, erklärte der Kommandeur der kurdisch-syrischen Streitkräfte, Mazloum Abdi.

Der getötete Terrorchef Baghdadi selbst hat sein Ende offenbar kommen sehen. Bereits im August bestimmte er Abdullah Qardash zu seinem Nachfolger, der schon seit Längerem die tägliche Steuerung der Terrororganisation in der Hand hat. Der neue IS-Chef war Offizier unter Saddam Hussein, bevor er sich als Prediger Al Qaida anschloss, um dann später zum IS zu wechseln. Er und Baghdadi kennen sich aus der gemeinsamen Haftzeit 2003 im amerikanischen Camp Bucca im Südirak.