Von Michael Gabel

Nach der Freude auf die Ferien am Flughafen der Schock: „Flug gestrichen“. Es bleibt nur, zum Schalter zu gehen, umzubuchen, auf einen Ersatzflug zu warten.

So erging es jetzt auch vielen Kunden von Thomas Cook. Immerhin: Bei Flugausfällen und gravierenden Verspätungen haben Reisende einen Anspruch auf Entschädigung. Aber was nützt der, wenn man ihn mühsam einklagen muss?

Anbieter wie das Entschädigungsportal Flightright machen sich das zunutze. Sie geben Kunden die Möglichkeit, online vorab zu checken, ob und in welcher Höhe sie Geld zu erwarten hätten. Besonders verlockend: Kunden müssen nur im Erfolgsfall zahlen. Zwar ist dann eine Provision in Höhe von 30 Prozent der Entschädigung fällig. Aber vielen Reisenden ist das lieber, als sich selbst mit der Fluggesellschaft herumärgern zu müssen.

Jetzt droht solchen Internetportalen Ärger. Gerade nehmen mehrere Gerichte deren Geschäftsmodell unter die Lupe. Auch das Bundesjustizministerium nimmt das Gewerbe kritisch in den Blick. Hintergrund: Firmen wie Flightright und Wenigermiete.de – früher Mietright – operieren in einer rechtlichen Grauzone.

Denn um garantieren zu können, dass ein Kunde nur im Erfolgsfall zahlen muss, haben sie sich als Inkassounternehmen registrieren lassen. Auch diese dürfen in engen Grenzen Rechtsdienstleistungen anbieten. Rechtsanwälten aber ist es untersagt, mit Erfolgshonoraren zu werben. Es geht um einen Milliardenmarkt. Branchenkenner gehen davon aus, dass im Bereich der Rechtsdienstleistungen in Deutschland bis zu 50 Milliarden Euro pro Jahr umgesetzt werden. Der Bundesgerichtshof, der am Mittwoch über Wenigermiete.de/Mietright verhandelt, soll nun klären, ob die Tätigkeit der Internetportale vom Gesetz gedeckt ist.

Ihre attraktiven Konditionen können Flightright und andere Portale anbieten, weil sie ihre Kosten so niedrig wie möglich halten. Deshalb lassen sie fast alle Schritte von Softwareprogrammen erledigen. Das reicht von der Erfassung des Falls, der Berechnung der Erfolgschancen bis zum Schriftverkehr. Erst wenn es tatsächlich vor Gericht gehen sollte, wird ein Rechtsanwalt hinzugezogen. Das Zauberwort heißt „Legal Tech“, frei übersetzt: softwarebasierter Rechtsbeistand.

Für die standardisierte Bearbeitung kommen aber nur ganz spezielle Rechtsgebiete infrage. So betreuen die Unternehmen außer Airline-Kunden inzwischen auch Mieter im Kampf gegen Mieterhöhungen, geblitzte Autofahrer und Hartz-IV-Empfänger, die mehr Geld einfordern wollen.

Wenigermiete.de/Mietright ist Spezialist für den Wohnungsmarkt in Großstädten. Eine Berliner Grafikdesignerin erzählt, sie habe sich an die Firma gewandt, weil sie für ihre 40-Quadratmeter-Wohnung in Kreuzberg 549 Euro Kaltmiete bezahlen musste – was weit über dem gesetzlichen Limit lag. Ihren Vermieter habe sie mehrfach erfolglos angeschrieben. Das änderte sich prompt, als Wenigermiete.de die Sache übernahm. Der Wohnungsbesitzer besann sich und verlangt nun nur noch 432 Euro im Monat. „Ich spare jetzt 1400 Euro im Jahr“, freut sich die Mieterin.

Wenigermiete.de-Gründer Daniel Halmer beschreibt sein Geschäftsprinzip so: Sein Recht geltend zu machen, soll „nicht aufwendiger sein, als eine Pizza zu bestellen“. Angestrebt werde in der Regel ein Vergleich. Ist der nicht möglich, geht es vor Gericht. „So oder so sparen unsere Kunden in drei Viertel der Fälle viel Geld“, sagt der Unternehmer, der 35 Mitarbeiter beschäftigt. Die Provision richtet sich nach dem gesparten Betrag: viermal die monatliche Ersparnis, was manchmal auch mit der Kaution verrechnet wird. Die Berliner Designerin musste 468 Euro zahlen.

Beim Deutschen Anwaltverein (DAV) sind Legal-Tech-Angebote umstritten, denn die Konkurrenz verschaffe sich mit ihrem Honorarmodell einen Vorteil, den viele Anwälte kritisch sehen, sagt DAV-Experte Niko Härting. Zudem könne Rechtsberatung per Computer das direkte Gespräch mit einem Anwalt nicht ersetzen. Erfolgshonorare für Anwälte lehnt Härting ab: „Wollen wir wirklich, dass wir Zustände wie in den USA bekommen, wo Anwälte aggressiv damit werben, alles und jeden zu verklagen?“