Nach dem Angriff von Trump-Anhängern auf den US-Kongress werden Vorwürfe gegen die Sicherheitskräfte laut. „Ich denke, es ist ziemlich klar, dass einige Leute sehr, sehr bald arbeitslos sein werden“, sagte der demokratische Abgeordnete Tim Ryan. Das Vorgehen der Polizei sei eine Peinlichkeit.
„Wenn wir Schwarze für unser Leben protestieren, werden wir von Nationalgardisten oder Polizisten mit Sturmgewehren, Tränengas und Kampfhelmen empfangen“, hieß es vonseiten der Black-Lives-Matter-Bewegung. Wenn Weiße dagegen einen Putsch versuchen würden, würden sie von einer geringen Zahl tatenloser Polizisten empfangen. Hätten Schwarze das Kapitol gestürmt, wären sie „mit Tränengas attackiert, niedergeknüppelt und vielleicht niedergeschossen worden“, teilte die Bewegung weiter mit.
In der US-Haupstadt waren am Mittwochnachmittag (Ortszeit), 6. Januar, Tausende Menschen auf die Straße gegangen. Der amtierende US-Präsident Donald Trump, Verlierer der Präsidentenwahl im November 2020, sprach vor Anhängern erneut von „Wahlbetrug“, eine Behauptung, für die Trump und seine Partei nie Beweise vorgelegt haben.
Kommentar zum Trump-Aufstand Dieser Angriff trifft auch uns

Kommentar

US-Präsident Donald Trump ruft zu Marsch aufs Kapitol auf

Trump sagte bei seiner Rede laut Nachrichtenagentur AFP auch: „Wir werden zum Kapitol marschieren.“ Nicht durch Schwäche, nur durch Stärke könne das Land zurückerobert werden. Vor dem Kapitol lieferte sich die Menge später Auseinandersetzungen mit der Capitol Police, die für die Sicherheit des Kongresses verantwortlich ist.
Militante Aktivisten überwanden laut Reportern unterschiedlicher Medien aufgestellte Barrikaden, drangen in das Gebäude ein. Während sich einige Polizisten dem Mob vergeblich entgegenstellten, blieben andere Beamte Medienberichten zufolge zurückhaltend oder schienen sogar Sympathie für die Eindringlinge zu zeigen.
US-Kongress in Washington erstürmt Vier Tote nach Chaos von Trump-Anhängern

Washington

Im Parlamentsgebäude wurden Senatoren und Abgeordnete von Sicherheitskräften in Sicherheit gebracht, auf Bildern waren mitten im Parlament Polizisten mit gezogenen Waffen zu sehen. Eine Frau wurde angeschossen und starb danach. Drei weitere Menschen kamen nach Polizeiangaben infolge von medizinischen Notfällen ums Leben. 14 Polizisten wurden verletzt.

Militanter Trump-Fan: Kapitol gestürmt, um „Verräter zu hängen“

Bei den Ausschreitungen wurden auch mehrere Journalisten attackiert, darunter deutsche Reporter. Journalistenverbände in Deutschland haben sich empört gezeigt, der Verdi-Vorsitzende Frank Werneke sprach von einem nicht akzeptablen Angriff auf die Pressefreiheit.
Die Protestierenden selbst äußerten sich zum Teil militant. „Es ist eine Schande, dass wir nicht das ganze Gebäude niedergebrannt haben“, sagte einer der Protestierenden zu einem dpa-Reporter. Ein anderer meinte, man habe das Kapitol gestürmt, „um die Verräter zu hängen“.

Los Angeles/Washington

Angesichts des Angriffs aufs Kapitol kritisieren auch Prominente in den USA das Verhalten der Sicherheitskräfte Der US-Schauspieler Mark Rufallo, bekennender Kritiker Trumps, schrieb auf Twitter: „Stellt euch vor, das wären unsere Leute gewesen.“ Ruffalo (unter anderem Hulk-Darsteller bei „Anvengers: Endgame“) weiter auf Twitter: „Dann würden Bäche von Blut durch die Straßen fließen, und keiner von uns wäre bewaffnet.“
Sein Schauspieler-Kollege Chris Evans (“Captain America“) schrieb: „Stellt euch das Gemetzel vor, wenn sie nicht weiß gewesen wären.“ Die Rapperin Cardi B fragte: „Wo ist die Nationalgarde?“ Ähnlich äußerte sich Filmemacher und Autor Michael Moore (“Stupid White Men“): „Warum wird diese Meute nicht verhaftet?“ US-Fußballerin Megan Rapinoe und die Weltklasse-Turnerin Simone Biles teilten mehrere Tweets, die das Verhalten der Sicherheitskräfte im Vergleich zu deren Umgang mit den Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt kritisierten.

Ex-Präsident George W. Bush vergleicht USA mit „Bananenrepublik“

Schockiert äußerten sich auch Vorgänger Trumps im Weißen Haus. Der frühere republikanische US-Präsident George W. Bush warf hochrangigen Vertretern seiner Partei vor, sie hätten den Aufstand angefacht. „Auf diese Weise werden Wahlergebnisse in einer Bananenrepublik angefochten – nicht in unserer demokratischen Republik“, erklärte Bush. Er sprach auch vom fehlenden Respekt für Institutionen, Traditionen und die Sicherheitskräfte der USA.
Bushs demokratischer Nachfolger Barack Obama bezeichnete die Randale in der US-Bundeshauptstadt als „Moment großer Schmach und Schande für unsere Nation“. Allerdings sei der Vorfall keine völlige Überraschung, da Trump zu den Randalen angestachelt habe.
Kapitol in Washington von Trump Anhängern erstürmt

Bildergalerie Kapitol in Washington von Trump Anhängern erstürmt

Im Repräsentantenhaus und im Senat waren Parlamentarier am 6. Januar zusammengetroffen, um den Ausgang der US-Präsidentenwahl vom November 2020 zu zertifizieren. Nach einigen Stunden Unterbrechung wegen der chaotischen Lage im Parlamentsgebäude gab der Kongress bekannt, dass der Wahlsieg des Demokraten Joe Biden gegen den Republikaner Trump bestätigt wurde.
Trump weigert sich, seine Niederlage einzugestehen - sagte nach der Randale in Washington allerdings eine geordnete Amtsübergabe an Biden zu.

Chaos im US-Kongress: Protokoll des Angriffs aufs Kapitol

Mittwoch, 6. Januar 2021, kurz nach 11 Uhr (Ortszeit Washington, D.C.): Trump betritt die Bühne bei einer Kundgebung seiner Anhänger in der Nähe des Weißen Hauses. Vor tausenden Unterstützern fordert er von seinem Vize-Präsidenten Mike Pence, der am selben Tag die gemeinsame Sitzung des Kongresses leitet, das Wahlergebnis nicht zu bestätigen.
„Mike Pence wird sich für uns einsetzen müssen, und wenn er es nicht tut, wird das ein trauriger Tag für unser Land“, sagt Trump. Dann verspricht er seinen Anhängern, beim Marsch zum Kongress „bei euch“ zu sein. Noch während Trump spricht, machen sich Gruppen von Demonstranten auf den Weg zum Kapitol.
Währenddessen stellt sich sein Vize-Präsident Pence erstmals in seiner vierjährigen Amtszeit gegen Trump. „Die Verfassung verbietet mir, einseitig die Entscheidungsgewalt darüber wahrzunehmen, welche Wählerstimmen gezählt werden sollten und welche nicht“, erklärt Pence. Kurz darauf leitet er die gemeinsame Sitzung beider Kongresskammern ein.

Gegen 14 Uhr: Abgeordneten-Büros im US-Kapitol werden evakuiert

Der republikanische Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell, wendet sich gegen die Trump-Loyalisten in seiner Partei: „Wenn diese Wahl durch bloße Behauptungen der Verliererseite gekippt würde, würde unsere Demokratie in eine Todesspirale geraten.“ Mehrere Abgeordnete der US-Republikaner hatten Einspruch gegen das Wahlergebnis erhoben.
Fast zur gleichen Zeit beginnen Sicherheitskräfte wegen der Proteste mit der Evakuierung von Abgeordnetenbüros. Die Demonstranten durchbrechen Sicherheitsabsperrungen und gelangen auf die Treppen vor dem Kapitol und kurz darauf in das Gebäude selbst. Das Parlament unterbricht seine Sitzung. Die Bürgermeisterin von Washington, Muriel Bowser, verhängt eine nächtliche Ausgangssperre.
In Videos und Fotos ist zu sehen, wie Trump-Anhänger die Kapitol-Polizei überrennen, Türen und Fenster einschlagen und im Sitzungssaal und in Abgeordnetenbüros für Bilder posieren. Erst Stunden später werden sie von einem großen Aufgebot von Sicherheitskräften aus dem Gebäude gedrängt.

Gegen 15 Uhr: Polizisten im Kapitol ziehen ihre Schusswaffen

Nachdem er sie erst angestachelt hat, fordert Trump seine Anhänger via Twitter auf, „friedlich“ zu bleiben. Abgeordnete berichten von Tränengas im Kapitol. Demonstranten hämmern an die Türen des Sitzungssaals des Repräsentantenhauses, Sicherheitskräfte zücken ihre Schusswaffen, um die Mitglieder des Parlaments zu schützen.
Kurz nach 15.30 Uhr: US-Medien berichten, dass im Kongressgebäude eine Demonstrantin durch Schüsse verletzt wurde. Die Frau stirbt wenige Stunden später. Das Weiße Haus kündigt den Einsatz der Nationalgarde an. Vizepräsident Pence ruft die Demonstranten bei Twitter auf: „Hört jetzt auf.“
Die Polizei meldet später insgesamt drei weitere Tote bei den Protesten. Diese seien aber nicht durch Gewalteinwirkung gestorben, sondern „medizinische Notfälle“ gewesen.

Gegen 16 Uhr: Joe Biden fordert von Trump „Ende der Belagerung“

Biden sagt an Trump gerichtet: „Ich fordere Präsident Trump auf, jetzt im Fernsehen zu sprechen (...) und ein Ende der Belagerung zu fordern.“ Was in Washington geschehe sei kein Protest, sondern ein „beispielloser Angriff“ auf die US-Demokratie.
Wenige Minuten später veröffentlicht Trump ein Video bei Twitter, in dem er seine Anhänger auffordert: „Geht nach Hause“. Gleichzeitig erneuert er seine Behauptung, die Wahl sei „gestohlen“ worden und sagt an die Demonstranten gewandt: „Wir lieben euch.“
Es werden weitere Bilder aus dem Kapitol veröffentlicht, die Trump-Anhänger etwa im Senatssaal oder im Büro der Vorsitzenden des Repräsentantenhauses, der Demokratin Nancy Pelosi, zeigen.

Gegen 17 Uhr: Tränengas und Nationalgardisten im US-Kongress

Erst nach und nach ist Verstärkung für die Sicherheitskräfte eingetroffen, einschließlich der schon vor den Protesten der Trump-Anhänger angeforderten Nationalgarde – „auf Anweisung von Präsident Donald Trump“, wie dessen Sprecherin Kayleigh McEnany auf Twitter schreibt.
Unter Einsatz von Tränengas räumt die Polizei, unterstützt von der Nationalgarde, nach und nach das Parlamentsgebäude und richtet eine Sicherheitszone um das Kapitol ein. Als um 18 Uhr die Ausgangssperre in Kraft tritt, befinden sich noch immer tausende Menschen auf den Straßen um das Gebäude. Mehrere Online-Plattformen sperren die Konten des scheidenden Präsidenten Trump.
Ehemalige US-Präsidenten sowie zahlreiche Vertreter anderer Staaten kritisieren die Ereignisse in Washington scharf, darunter George W. Bush, Bill Clinton und Barak Obama sowie Außenminister Heiko Maas und Trumps eigener Außenminister Mike Pompeo.

Kurz nach 20 Uhr: Der US-Kongress arbeitet weiter

Rund vier Stunden nach dem Angriff auf das Parlament melden US-Medien unter Berufung auf den Sicherheitsdienst des Parlaments, das Kapitol sei wieder sicher. Kurz nach 20 Uhr nehmen die Abgeordneten ihre Arbeit wieder auf. Der Sturm auf das Kapitol sei „ein beschämender Angriff" gewesen, erklärt die Demokratin Pelosi: „Er kann uns jedoch nicht von unserer Verantwortung abhalten, die Wahl von Joe Biden zu bestätigen.“
Donnerstag, 7. Januar 2021, nach 3.30 Uhr (Ortszeit Washington): Der Kongress bestätigt offiziell den Wahlsieg von Joe Biden. Es hat laut Polizei 52 Festnahmen gegeben, 30 davon wegen Verstößen gegen eine Ausgangssperre am Abend.