ZDFinfo-Doku über Queerfeindlichkeit
: „Man will uns als Gefahr darstellen“

Anfeindungen und Gewalt gegen queere Menschen nehmen zu. Die zweiteilige ZDFinfo-Dokumentation „Feindbild Queer“ fragt, woher der Hass kommt.
Von
Katrin Jokic
Berlin
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Carlos Dos Reis flüchtete wegen seines Queerseins 2018 aus Venezuela.

Carlos Dos Reis flüchtete wegen seines Queerseins 2018 aus Venezuela.

ZDF und Manuel Gogos

Der Angriff auf den Christopher Street Day in Berlin am 25. Juli 2026 wird für viele queere Menschen zur Zäsur. Ein Mann fährt mit einem Transporter in die Menschenmenge und greift anschließend Umstehende mit einer Machete an. Eine Frau stirbt, zahlreiche Menschen werden schwer verletzt. Eine Woche später gehen beim CSD in Hamburg rund 300.000 Menschen auf die Straße. Viele mit einer klaren Botschaft: Sie wollen sich nicht einschüchtern lassen.

Die zweiteilige ZDFinfo-Dokumentation „Feindbild Queer“ nimmt diesen Einschnitt zum Ausgangspunkt für eine größere Frage: Warum werden queere Menschen wieder verstärkt zum Feindbild?

Denn die Entwicklung wirkt widersprüchlich. Homosexualität und unterschiedliche Lebensentwürfe finden heute breite gesellschaftliche Akzeptanz, queere Menschen sind in Politik, Kultur und Öffentlichkeit sichtbar wie nie. Gleichzeitig erleben viele Diskriminierung, Bedrohungen und Gewalt.

Politikwissenschaftlerin Katharina Mosene beobachtet insbesondere rund um Christopher Street Days eine zunehmende Mobilisierung von rechts. Dabei verschränkten sich „Antifeminismus, Transfeindlichkeit und Rechtsextremismus“ miteinander. Sie verweist zudem darauf, dass jeder zweite queere Mensch in Europa bereits Diskriminierung erlebt habe.

Sozialpsychologe Bertolt Meyer sieht einen weiteren Treiber in sozialen Medien. Dort erlebe er ein „mediales Dauerfeuer“, das etwa Homosexualität erneut mit Pädophilie verknüpfe. Dahinter stehe auch eine Strategie: „Man will uns als Gefahr darstellen, damit man auch Gewalt gegen uns legitimieren kann.“

Sichtbarkeit als gesellschaftlicher Konflikt

Die Dokumentation begleitet Menschen, für die diese Auseinandersetzung zum Alltag gehört. Handball-Bundesligaspieler Lucas Krzikalla berichtet von seinem öffentlichen Coming-out und der großen Unterstützung, die er danach erfahren hat. Die Berliner Dragqueen Barbie Breakout hingegen nimmt einen deutlichen gesellschaftlichen Backlash wahr.

Lucas Krzikalla war der erste offen queere Sportler in der Handballbundesliga.

Lucas Krzikalla war der erste offen queere Sportler in der Handballbundesliga.

ZDF und Christiane Grundlach

Auch Transmenschen geraten zunehmend in den Mittelpunkt politischer und kultureller Debatten. Der Politikwissenschaftler Michael Hunklinger sieht darin einen Konflikt um gesellschaftliche Teilhabe und Macht. Wenn bislang dominante Gruppen einen Teil ihrer Stellung abgeben müssten, könne Gleichberechtigung plötzlich als Bedrohung wahrgenommen werden. Dabei gehe es, so Hunklinger, nicht darum, anderen etwas wegzunehmen, sondern „einfach auch am Tisch zu sitzen und auch in der Öffentlichkeit vorzukommen“.

Der zweite Teil der Dokumentation richtet den Blick zudem auf religiöse Milieus. Gezeigt werden christliche und muslimische Stimmen, Ausgrenzung ebenso wie Orte, die bewusst Schutzräume für queere Menschen schaffen. Protagonisten berichten von familiärer Ablehnung, Morddrohungen und der Erfahrung, dass ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität als Angriff auf religiöse oder gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen betrachtet wird.

Die lesbischen Pastorinnen Steffi und Ellen Radtke bieten queersensible Seelsorge an.

Die lesbischen Pastorinnen Steffi und Ellen Radtke bieten queersensible Seelsorge an.

ZDF und Manuel Gogos

Damit geht „Feindbild Queer“ über die Frage nach der Situation einer Minderheit hinaus. Die Filme erzählen von einem grundlegenden Konflikt um Sichtbarkeit, gleiche Rechte und gesellschaftliche Freiheit. Und sie fragen, was passiert, wenn eine offene Gesellschaft unter Druck gerät: Zieht sie sich zurück – oder verteidigt sie die Freiheit ihrer Mitglieder?

„Feindbild Queer“ ist ab Montag, 21. September 2026, ab 5.00 Uhr im ZDF zu streamen. ZDFinfo zeigt „Kampf für die Vielfalt“ am Montag, 28. September, um 20.15 Uhr und „Woher kommt der Hass?“ anschließend um 21.00 Uhr.