Nach dem Reifenwechsel: Muss man die Radschrauben nachziehen lassen?

Muss man zum Nachziehen der Radschrauben nochmal in die Werkstatt?
picture alliance /dpaBeim Radwechsel werden die Räder mit mehreren Radschrauben oder Radmuttern an der Radnabe befestigt. Entscheidend ist dabei, dass die Schraubverbindungen mit dem richtigen Drehmoment angezogen werden. Nur so entsteht die notwendige Vorspannkraft, die das Rad sicher am Fahrzeug hält.
In bestimmten Fällen kann sich die Verbindung nach der Montage verändern. Beispielsweise können Verschmutzungen, Rost oder nicht vollständig anliegende Kontaktflächen dazu führen, dass sich Bauteile während der ersten Kilometer noch etwas setzen. Dadurch kann die Vorspannkraft der Schrauben abnehmen.
Im schlimmsten Fall können sich unzureichend befestigte Radschrauben lockern. Das kann zunächst zu ungewöhnlichen Geräuschen oder Vibrationen führen. Unter ungünstigen Umständen kann sich sogar ein Rad während der Fahrt lösen.
Um solche Risiken zu vermeiden, empfehlen viele Werkstätten, die Radschrauben nach dem Reifenwechsel vorsorglich kontrollieren zu lassen.
Nach wie vielen Kilometern sollte man Radschrauben nachziehen?
Üblicherweise empfehlen Werkstätten eine Kontrolle nach etwa 50 bis 100 gefahrenen Kilometern. Auch der ADAC rät dazu, die Radverschraubungen nach ungefähr 50 Kilometern zu überprüfen und bei Bedarf nachzuziehen.
Dabei spielt es keine Rolle, ob Sommerreifen oder Winterreifen montiert wurden. Entscheidend ist, dass die Räder zuvor abgenommen und wieder befestigt wurden.
Wer den Reifenwechsel in einer Werkstatt durchführen lässt, kann für die Kontrolle normalerweise erneut dort vorbeifahren. Mit einem Drehmomentschlüssel lässt sich prüfen, ob die Schrauben noch mit dem vorgeschriebenen Anzugsmoment befestigt sind.
Die Überprüfung dauert in der Regel nur wenige Minuten.
Ist das Nachziehen der Radschrauben wirklich notwendig?
Hier gibt es eine wichtige Unterscheidung zwischen einer sinnvollen Vorsichtsmaßnahme und einer technischen Notwendigkeit.
Bei einem fachgerecht durchgeführten Radwechsel müssen die Radschrauben grundsätzlich auch ohne späteres Nachziehen sicher halten.
Darauf weist auch der ADAC hin. Wenn die Radbefestigungen in einwandfreiem Zustand sind und bei der Montage das korrekte Drehmoment verwendet wurde, darf sich das Rad unter normalen Bedingungen nicht lockern. Ein routinemäßiges Nachziehen ist dann technisch nicht erforderlich.
Dennoch kann eine zusätzliche Kontrolle sinnvoll sein. Sie bietet die Möglichkeit, Probleme frühzeitig zu erkennen, die bei der ursprünglichen Montage möglicherweise übersehen wurden.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Autofahrer grundsätzlich davon ausgehen müssen, ihre Räder könnten sich nach jedem Reifenwechsel lösen.
Eine professionelle Werkstatt ist dafür verantwortlich, die Räder bereits bei der Montage sicher zu befestigen. Die nachträgliche Kontrolle ist eine zusätzliche Sicherheitsmaßnahme und kein Ersatz für eine ordnungsgemäße Arbeit.
Ist das Nachziehen der Radschrauben gesetzlich vorgeschrieben?
Eine allgemeine gesetzliche Vorschrift, nach der Autofahrer ihre Radschrauben grundsätzlich nach 50 oder 100 Kilometern nachziehen lassen müssen, gibt es in Deutschland nicht.
Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Urteil des Oberlandesgerichts München vom 19. Mai 2021 (Az. 7 U 2338/20).
In dem verhandelten Fall hatte ein Autofahrer seine Reifen in einer Werkstatt wechseln lassen. Nach ungefähr 100 Kilometern löste sich auf der Autobahn ein Hinterrad, wodurch ein Unfall entstand.
Die Werkstatt hatte den Kunden zuvor darauf hingewiesen, dass er die Radschrauben nach 50 Kilometern kontrollieren müsse.
Das Gericht entschied dennoch zugunsten des Autofahrers. Bei einer fachgerechten Montage dürfe sich der Kunde darauf verlassen, dass die Räder sicher befestigt sind. Ein entsprechender Hinweis auf der Rechnung oder im Fahrzeug entbinde die Werkstatt nicht von ihrer Verantwortung.
Das Urteil zeigt: Ein unterlassenes Nachziehen führt nicht automatisch zu einem Mitverschulden des Autofahrers. Anders kann die Situation zu beurteilen sein, wenn bereits auffällige Geräusche oder andere Anzeichen für eine lockere Radbefestigung erkennbar waren und ignoriert wurden.
Kann man Radschrauben selbst nachziehen?
Grundsätzlich können Autofahrer ihre Radschrauben selbst kontrollieren. Voraussetzung ist allerdings ein geeigneter Drehmomentschlüssel.
Das richtige Anzugsmoment hängt unter anderem vom Fahrzeugmodell und der verwendeten Radbefestigung ab. Welcher Wert vorgeschrieben ist, lässt sich in der Betriebsanleitung oder anhand der entsprechenden Herstellerangaben feststellen.
Von einem einfachen Nachziehen nach Gefühl ist abzuraten. Werden Schrauben zu fest angezogen, können Gewinde und andere Bauteile beschädigt werden. Werden sie dagegen nicht fest genug angezogen, besteht die Gefahr, dass sich die Verbindung lockert.
Wichtig ist außerdem, dass das korrekte Drehmoment nicht einfach durch möglichst kräftiges Festziehen erreicht wird. Deshalb sollte zur Kontrolle kein gewöhnliches Radkreuz verwendet werden.
Wer sich mit dem richtigen Vorgehen nicht auskennt oder keinen geeigneten Drehmomentschlüssel besitzt, sollte die Überprüfung einer Fachwerkstatt überlassen.
