Krieg in Deutschland: Könnte es auch in Deutschland zum Krieg kommen?

Gegen den Krieg in der Ukraine und den Einmarsch der russischen Regierung protestieren viele Menschen in Deutschland. Die Angst vor einem Krieg hier im Land ist groß – aber ist das möglich?
Rolf Vennenbernd/dpaDer Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ist am 24. Februar 2022 mit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine eskaliert. Seitdem wird das ganze Land bombardiert. Hunderttausende Ukrainer befinden sich auf der Flucht. Die EU rechnet mit mehreren Millionen Menschen. Zuletzt hat der russische Präsident Wladimir Putin Atomstreitkräfte des Landes in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Umfragen zufolge machen sich die Menschen in Deutschland große Sorgen und haben Angst:
- Könnte die Nato bald in das Kriegsgeschehen eingreifen?
- Ist ein Krieg in Deutschland möglich?
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Krieg in Deutschland möglich? Was passiert, wenn die Nato eingreift?
Bundeskanzler Olaf Scholz hat in seiner Fernsehansprache am Donnerstag deutlich gesagt: Die Nato stehe „ohne Wenn und Aber“ hinter ihren Mitgliedern wie Polen und dem Baltikum. Vor einem Einschreiten der Nato sorgen sich viele Menschen allerdings zurecht. Auch der ehemalige Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) hat vor einer Eskalation des Konflikts mit Russland unter Beteiligung der Nato gewarnt. Er geht vom schlimmsten Szenario aus, wenn das passiert: „Wollen wir wirklich in einen Nuklearkrieg mit Russland eintauchen? Das ist nämlich die Konsequenz, wenn die Nato eingreifen würde. Ich glaube, das will nicht mal die Ukraine“, sagte der frühere SPD-Vorsitzende am Freitag im ZDF-„Morgenmagazin“. Ein solcher Angriff würde „Europa zu einem nuklearen Schlachtfeld machen“.

Nato-Mitglieder und Grenzen der Sowjetunion bis 1991.
dpa-infografik GmbHDeutschland im Ukraine-Krieg: Soldaten und Kriegsschiffe für die Nato
Die Bundesregierung will der Nato nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine einem Medienbericht zufolge kurzfristig zusätzliche Soldaten, Flugabwehrraketensysteme und Kriegsschiffe zur Verstärkung der Ostflanke der Allianz anbieten. Wie der „Spiegel“ am Freitag, 25.02.2022, berichtete, haben die deutschen Militärplaner ein entsprechendes Paket für Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) zusammengestellt. Die Deutsche Bundeswehr könne zeitnah eine Infanterie-Kompanie - rund 150 Soldaten mit einem guten dutzend „Boxer“-Radpanzern - an die Ostflanke verlegen, hieß es in dem Bericht.
Russland-Ukraine Krieg: Deutschland erwartet Auswirkungen
Eine Kriegsbeteiligung Deutschlands ist bisher nicht in Sicht – zumindest, solange Wladimir Putin das Geschehen weiterhin auf die Ukraine beschränkt. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine erwarten einer Umfrage zufolge aber fast zwei Drittel der Befragten in Deutschland Auswirkungen auf sie selbst. Dies sagten 63 Prozent der von YouGov befragten Menschen, wie das Institut am Freitag mitteilte. Darunter sagten 32 Prozent, dies werde „auf jeden Fall“ so kommen. 22 Prozent glauben dies nicht. 14 Prozent machten keine Angabe. Yougov befragte nach eigenen Angaben am 24.02.2022 repräsentativ 3064 Personen in Deutschland. Die Ergebnisse wurden den Angaben zufolge gewichtet und sind repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren.
Nato: Schnelle Eingreiftruppe wird verlegt
Zur Abschreckung Russlands baut die Nato ihre Präsenz an der Ostflanke deutlich aus. Nach dem Angriff Moskaus auf die Ukraine hätten die Verbündeten ihre Verteidigungspläne aktiviert und würden infolgedessen mehr Kräfte zur Verteidigung „zu Lande, zu Wasser und in der Luft“ bereitstellen, sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Freitag nach einem Videogipfel mit Staats- und Regierungschefs. Die Bundesregierung kündigte die Stationierung einer Kompanie in der Slowakei an.
Laut Stoltenberg werden für die Eingreiftruppe Nato Response Force (NRF) tausende Soldaten und über hundert Kampfjets an 30 Orten in höchste Alarmbereitschaft versetzt. „Wir setzen zum ersten Mal die Eingreiftruppe im Rahmen der kollektiven Verteidigung ein, um Ausschreitungen auf dem Territorium des Bündnisses zu verhindern“, sagte er weiter. So könne nach der russischen Invasion in der Ukraine auf alle Eventualitäten reagiert werden.
Der Eingreiftruppe NRF stehen insgesamt rund 50.000 Soldatinnen und Soldaten zur Verfügung. Mit den aktivierten Verteidigungsplänen war der Weg frei, um die Truppe in Einsatzbereitschaft zu versetzen.
Im ZDF kündigte Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) nach einem Gespräch mit ihrem slowakischen Amtskollegen an, die Infanterie in Kompaniestärke werde „zügig in Gang gesetzt“. Deutschland werde sich so bei der Aufstellung einer sogenannten Battlegroup einbringen, die laut Verteidigungsministerium bis April stehen soll. Bei dem von Lambrecht ebenfalls genannten Engagement bei der Luftverteidigung handele es sich um die Stationierung von „Patriot“-Flugabwehrraketensystemen der Luftwaffe in Osteuropa.
Krieg in Europa: Tote und Verletzte in der Ukraine
Die genaue militärische Lage in der Ukraine blieb am Tag des Angriff undurchsichtig. Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte in der Nacht in einer Videobotschaft, die ukrainische Armee habe am ersten Tag der russischen Invasion 137 Soldaten verloren, 316 Soldaten seien verletzt worden. Russland habe das gesamte Gebiet der Ukraine angegriffen. Bereits in der Nacht zum Freitag gab es immer wieder Hinweise auf den Beschuss Kiews. Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs lieferten sich dessen Truppen in der Nähe der Hauptstadt heftige Gefechte mit russischen Kräften, die mit gepanzerten Fahrzeugen vorrückten. In Kiew heulten erneut die Sirenen, wie ein Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur berichtete. Die U-Bahn-Stationen der Hauptstadt Kiew mit etwa 2,8 Millionen Einwohnern dienten als Schutzräume. Angriffe wurden auch aus anderen Landesteilen gemeldet, auch aus dem Süden.
Nach ukrainischen Angaben erlitten die russischen Truppen ihrerseits schwere Verluste. Das Verteidigungsministerium in Kiew sprach von 30 zerstörten russischen Panzern, 130 Panzerfahrzeugen, 7 Flugzeugen und 6 Hubschraubern. Etwa 800 russische Soldaten seien getötet worden. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen. Die russische Seite äußerte sich dazu nicht. Präsident Selenskyj mutmaßte, dass der russische Angriff dazu dienen soll, ihn zu stürzen. Schon am späten Donnerstagabend hatte Selenskyj daher eine allgemeine Mobilmachung angeordnet, die für 90 Tage gelten soll und die Einberufung von Wehrpflichtigen und Reservisten vorsieht. Wie viele Männer betroffen sein werden, sagte der 44-Jährige nicht.
Russische Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft
Der russische Präsident Wladimir Putin hat die Atomstreitkräfte des Landes in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. „Ich weise den Verteidigungsminister und den Generalstabschef an, die Abschreckungskräfte der russischen Armee in besondere Kampfbereitschaft zu versetzen“, sagte Putin in einem im Fernsehen übertragenen Gespräch mit hochrangigen Militärvertretern am Sonntag. Putin begründete den Schritt mit „aggressiven Äußerungen“ hochrangiger Vertreter von Nato-Staaten.
Er kritisierte zudem die von westlichen Staaten verhängten Wirtschaftssanktionen gegen Russland als „illegitim“. Die russischen 2Abschreckungskräfte“ sind eine Reihe von Einheiten, die einen Angriff auf Russland abschrecken sollen. Sie umfassen neben einem massiven Arsenal ballistischer Raketen auch Atomwaffen.
Die USA haben Putins Ankündigung scharf kritisiert. Der russische Präsident Wladimir Putin beschwöre angebliche Bedrohungen herauf, „um weitere Aggression zu rechtfertigen“, sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sprach von einer „gefährlichen Rhetorik“ Putins. Das Verhalten des russischen Präsidenten sei „verantwortungslos“, sagte Stoltenberg dem Sender CNN. Aus Sicht von Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) sollte die atomare Drohung des russischen Präsidenten Wladimir Putin „sehr ernst genommen werden“. „Wir haben erlebt, wie unberechenbar Putin ist. Und deswegen müssen wir sehr wachsam sein“, sagte Lambrecht am Montag im Deutschlandfunk. Auch China hat zur Zurückhaltung aufgerufen. „Alle Seiten sollten ruhig bleiben, Zurückhaltung zeigen und eine weitere Eskalation vermeiden“, sagte Außenamtssprecher Wang Wenbin am Montag in Peking.
Radiosender in Europa spielen gleichzeitig „Give Peace A Chance“
Als Zeichen gegen den Ukraine-Krieg haben am Freitagmorgen um 8.45 Uhr Radiosender in vielen europäischen Ländern den Friedenssong „Give Peace A Chance“ von John Lennon gespielt. Allein in Deutschland wollten mehr als 200 Hörfunkprogramme mitmachen, darunter viele öffentliche-rechtliche Stationen und Privatsender, wie die ARD mitteilte. Auch der ukrainische Sender Radio Promin sollte bei der beispiellosen Rundfunk-Aktion dabei sein.