Hohe Spritpreise: Werden Benzin und Diesel 2027 wieder günstiger?

Wird das Tanken immer teurer?
Marcus Brandt/dpaBenzin und Diesel sind in Deutschland zuletzt erneut deutlich teurer geworden. Nach Angaben des ADAC kostete Super E10 Anfang September bundesweit durchschnittlich 2,259 Euro je Liter, Diesel sogar 2,321 Euro. Innerhalb nur einer Woche verteuerte sich Benzin damit um 7,6 Cent und Diesel um 8,9 Cent.
Viele Autofahrer dürften sich deshalb vor allem eine Frage stellen: Wann wird Tanken endlich wieder billiger?
Die derzeitigen Prognosen geben zumindest etwas Hoffnung. Mit einer deutlichen und dauerhaften Entspannung ist wahrscheinlich nicht mehr 2026 zu rechnen. Im Laufe des Jahres 2027 könnten die Preise aber spürbar zurückgehen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich die Lage im Nahen Osten beruhigt und wieder deutlich mehr Öl auf den Weltmarkt kommt.
Vor allem bei Diesel könnte es länger dauern.
Kaum Entlastung in den kommenden Wochen
Wer darauf hofft, dass Benzin und Diesel schon bald wieder deutlich unter zwei Euro fallen, dürfte zunächst enttäuscht werden.
Die US-Energiebehörde EIA geht davon aus, dass Öl bis Ende 2026 teuer bleibt. Sie erwartet für die zweite Jahreshälfte einen durchschnittlichen Preis von rund 90 Dollar je Barrel. Ein Barrel entspricht knapp 159 Litern.
Der Grund: Durch den Krieg im Nahen Osten kommt weniger Öl auf den Weltmarkt. Gleichzeitig werden die weltweiten Vorräte kleiner. Nach Berechnungen der EIA sind sie allein in diesem Jahr bereits um rund 400 Millionen Barrel geschrumpft. Bis Ende 2026 sollen die Reserven weiter zurückgehen.
Auch die Internationale Energieagentur IEA sieht derzeit noch keinen entspannten Ölmarkt. Die beobachteten weltweiten Vorräte sind seit Februar um insgesamt 507 Millionen Barrel gesunken. Gleichzeitig erwartet die Organisation, dass das weltweite Ölangebot 2026 deutlich niedriger ausfällt als zuvor angenommen.
Vereinfacht gesagt: Solange weniger Öl geliefert wird und gleichzeitig die Reserven schrumpfen, gibt es wenig Spielraum für deutlich niedrigere Preise.
Für Autofahrer in Deutschland bedeutet das: In den kommenden Wochen können die Spritpreise zwar zwischenzeitlich wieder etwas sinken. Eine größere und dauerhafte Entlastung ist nach den aktuellen Prognosen aber noch nicht zu erwarten.
Der Wendepunkt könnte im Frühjahr 2027 kommen
Interessanter wird der Blick auf das kommende Jahr.
Die EIA erwartet, dass sich die Ölversorgung ab Anfang 2027 schrittweise verbessert. Mehr Öl soll wieder aus dem Nahen Osten exportiert werden können und ein Teil der ausgefallenen Förderung zurückkehren.
Sollte das tatsächlich passieren, könnte der Ölpreis deutlich fallen.
Die Behörde rechnet damit, dass ein Barrel der wichtigen Ölsorte Brent im zweiten Quartal 2027 nur noch rund 77 Dollar kostet. In der zweiten Hälfte des Jahres sollen es durchschnittlich sogar nur noch etwa 67 Dollar sein.
Zum Vergleich: Im August 2026 kostete Brent im Durchschnitt noch rund 91 Dollar.
Das wäre ein erheblicher Rückgang.
Nach dieser Prognose könnte also ab Frühjahr 2027 eine deutlichere Entspannung einsetzen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Benzin und Diesel an deutschen Tankstellen am selben Tag plötzlich 20 oder 30 Cent günstiger werden. Sinkende Ölpreise wirken sich meist mit Verzögerung aus. Außerdem besteht der Preis an der Tankstelle nicht nur aus den Kosten für Rohöl.
Auch die EZB erwartet 2027 sinkende Energiepreise
Die Europäische Zentralbank kommt zu einer ähnlichen Einschätzung.
Für 2026 rechnet die EZB mit einem durchschnittlichen Ölpreis von 89,50 Dollar je Barrel. Im Jahr 2027 sollen es nur noch 78 Dollar sein, 2028 rund 73,60 Dollar.
Die EZB geht außerdem davon aus, dass der derzeitige starke Anstieg der Energiepreise nach und nach ausläuft. Die Energiepreise für Verbraucher sollen im Laufe von 2027 sogar wieder sinken.
Auch hier hängt die Prognose aber an einer entscheidenden Voraussetzung: Der Konflikt im Nahen Osten darf sich nicht weiter verschärfen.
Die EZB schreibt selbst, dass ihre Annahme einer allmählichen Entspannung mit großer Unsicherheit verbunden ist. Sollte der Krieg länger dauern oder sollten weitere Öl-Lieferungen ausfallen, könnten Energiepreise wesentlich länger hoch bleiben.
Benzin könnte früher billiger werden als Diesel
Für Dieselfahrer gibt es noch einen zusätzlichen Haken.
Diesel ist momentan nicht nur deshalb teuer, weil Rohöl teuer ist. Es fehlt auch an fertigem Diesel auf dem Weltmarkt.
Die IEA berichtet, dass die Diesellieferungen aus den Golfstaaten stark zurückgegangen sind. Im August lagen die Exporte nur noch bei gut einem Viertel des Niveaus vor dem Krieg. Gleichzeitig sind auch russische Raffinerien und Exporte beeinträchtigt.
Deshalb kann Diesel teuer bleiben, selbst wenn Rohöl bereits wieder günstiger wird.
Auch die EIA erwartet, dass die Dieselvorräte noch längere Zeit ungewöhnlich niedrig bleiben. In den USA sollen sie nach der aktuellen Prognose bis Ende 2026 und über weite Teile des Jahres 2027 unter den üblichen Werten der vergangenen Jahre liegen. Die Behörde rechnet deshalb weiterhin mit hohen Dieselpreisen.
Für Deutschland lässt sich daraus zwar kein genauer Literpreis ableiten. Die Entwicklung auf dem internationalen Dieselmarkt wirkt sich aber auch auf Europa aus.
Die Entlastung könnte bei Benzin deshalb früher und deutlicher ankommen als bei Diesel.
Warum sinkendes Öl nicht sofort günstiges Tanken bedeutet
Hinzu kommt: Der Ölpreis ist nur ein Teil des deutschen Spritpreises.
Steuern machen einen erheblichen Teil aus. Dazu kommen die Kosten für Verarbeitung, Transport und Verkauf. Auch der Wechselkurs zwischen Euro und Dollar spielt eine Rolle, weil Öl international überwiegend in Dollar gehandelt wird.
Der ADAC weist derzeit sogar darauf hin, dass der hohe Preis an deutschen Tankstellen durch Ölpreis und Wechselkurs allein nicht vollständig zu erklären sei. Vor allem bei den Preisen auf Raffinerie- und Großhandelsebene fordert der Verband mehr Transparenz.
Selbst wenn der Ölpreis beispielsweise von 100 auf 80 Dollar fällt, bedeutet das deshalb nicht automatisch, dass Benzin oder Diesel im gleichen Verhältnis günstiger werden.
Umgekehrt kann ein fallender Ölpreis aber zumindest einen wichtigen Teil des derzeitigen Preisdrucks beseitigen.
Wann wird Tanken also wieder günstiger?
Aus den aktuellen Prognosen ergibt sich derzeit ungefähr folgendes Bild:
Bis Ende 2026: Mit deutlich niedrigeren Spritpreisen sollte man nicht fest rechnen. Öl bleibt knapp und die weltweiten Vorräte sinken. Kurzfristige Preisrückgänge sind möglich, die Gefahr neuer Preissprünge besteht aber ebenfalls.
Anfang bis Mitte 2027: Hier könnte der Wendepunkt kommen. Die EIA erwartet, dass mehr Öl auf den Markt zurückkehrt und der Ölpreis im zweiten Quartal auf rund 77 Dollar fällt. Das könnte nach und nach auch Benzin in Deutschland günstiger machen.
Zweite Hälfte 2027: Wenn sich die Lage tatsächlich normalisiert, könnte die Entlastung deutlicher werden. Die EIA erwartet dann Ölpreise von durchschnittlich rund 67 Dollar. Auch die EZB rechnet für das Gesamtjahr 2027 mit deutlich günstigeren Ölpreisen als 2026.
Bei Diesel könnte die Entspannung allerdings später kommen, weil nicht nur Rohöl, sondern auch fertiger Diesel knapp ist.
Der größte Unsicherheitsfaktor bleibt der Krieg
Alle diese Prognosen haben einen entscheidenden Haken: Sie gehen davon aus, dass sich die Ölversorgung aus dem Nahen Osten wieder verbessert.
Genau das lässt sich derzeit nicht sicher vorhersagen.
Die EIA erwartet beispielsweise, dass die meisten wichtigen Ölströme bis zum zweiten Quartal 2027 wieder ungefähr das Niveau vor dem Konflikt erreichen. Gleichzeitig warnt die Behörde ausdrücklich davor, dass die Entwicklung stark vom weiteren Verlauf des Krieges abhängt und die Preise deshalb erheblich schwanken können.
Sollten weitere Förderanlagen ausfallen oder wichtige Transportwege länger beeinträchtigt bleiben, würde sich auch die erhoffte Entlastung an deutschen Tankstellen nach hinten verschieben.
Die derzeit wahrscheinlichste Antwort lautet deshalb: Eine deutliche Entspannung bei Benzin ist eher 2027 als noch 2026 zu erwarten. Bei Diesel kann es länger dauern.
Für Autofahrer gibt es damit zwar Grund zur Hoffnung auf wieder niedrigere Preise. Mit einem schnellen Rückgang auf das Preisniveau vor dem Krieg sollte derzeit aber niemand rechnen.
