Friedrich Merz und die Bildung
: Abi-Note 3,8, kein Bock auf Schule: Vom Sitzenbleiber zum Kanzler

Heute ist Friedrich Merz Bundeskanzler. Höher kann man in Deutschland nicht hinaus. Doch die steile Karriere war dem 70-Jährigen nicht in die Wiege gelegt. Als Schüler war er eine Niete. Sitzengeblieben schaffte er das Abitur nur mit Ach und Krach. Doch für Merz war die seinerseits ungeliebte Bildungsanstalt in Wahrheit eine Schule des Lebens.
Von
Markus Brauer
Berlin/Brilon
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Friedrich Merz (Mi.)  nimmt am 29. September an der Übergabe des Deutschen Schulpreises im Studio Berlin Adlershof teil. Fünfzehn Schulen stehen im Finale des Preises, der von der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung vergeben wird.

Friedrich Merz (Mi.) nimmt am 29. September an der Übergabe des Deutschen Schulpreises im Studio Berlin Adlershof teil. Fünfzehn Schulen stehen im Finale des Preises, der von der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung vergeben wird.

Fabian Sommer/dpa
  • Friedrich Merz war ein schwacher Schüler und bestand 1975 das Abitur nur knapp.
  • Er nannte einen Abi-Schnitt „in der Bandbreite“ von 3,8 – das Zeugnis bleibt im Tresor.
  • Disziplin lernte er nach eigener Aussage erst beim Wehrdienst in der Panzerartillerie.
  • Heute betont er Bildung als Priorität, gründete 2005 mit seiner Frau eine Bildungsstiftung.
  • Merz besucht sein früheres Gymnasium und will wieder häufiger an Schulen gehen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wohl nur wenige würden Friedrich Merz unterstellen, dass er zum erlesenen Kreis menschlicher Genies unterschiedlicher Couleur gehört. Und doch hat er etwas mit so außergewöhnlichen Menschen und Gehirn-Großmeistern wie mit dem britische Premierminister Winston Churchill, dem Schriftsteller  Thomas Mann, dem Physiker Albert Einstein oder dem legendären Erfinder Thomas Alva Edison gemeinsam: Sie alle waren klassische Schulversager, renitente Schüler, totale Nieten oder Sitzenbleiber - wie Friedrich Merz.

Heute ein Großer, früher ein Schulversager

Heute gehört der 70-Jährige auch zu den ganz Großen: Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, erster Mann der drittgrößten Weltwirtschaft der Welt, Nachfolger eines Konrad Adenauer und Helmut Schmidt.

Das beeindruckt auf den ersten Blick. Doch wenn man genauer hinschaut, entpuppt sich die vermeintliche Größe als recht instabil: extrem miese persönliche Umfragewerte; eine Partei, die ihm nur noch widerwillig folgt und die er demoskopisch in den Abgrund treibt; ein Volk, das ihn überwiegend für eine komplette Fehlbesetzung hält; eine Koalition, die ihm nicht Stöcke, sondern ganze Bäume zwischen die Füße wirft.

Der Beginn einer großen Karriere: Friedrich Merz mit 34 Merz als Kandidat der CDU im Europawahlkampf (1989).

Der Beginn einer großen Karriere: Friedrich Merz mit 34 Lenzen als Kandidat der CDU im Europawahlkampf (1989).

Konrad-Adenauer-Stiftung/CC BY-SA 3.0.de/Wikimedia

Déjà-vu für Merz

Bei solchen Sympathiewerten fragt man sich, woher Merz sein ausgeprägtes Ego und sein Durchhaltewillen („Aufgeben ist für mich keine Option“) hat, um gegen all diese Widerstände Kurs zu halten? Für das älteste von vier Kindern einer angesehenen Juristenfamilie aus dem sauerländischen Brilon muss es sich heute wie ein Déjà-vu anfühlen. Der Großvater war Bürgermeister, der Vater Richter. Und Friedrich Merz? Er war ein totaler Versager als Schüler.

Beim Verleihen des Preises und der freudigen Reaktion der Schüler kommen Merz die Tränen.

Beim Verleihen des Preises und der freudigen Reaktion der Schüler kommen Merz die Tränen.

Fabian Sommer/dpa

Von 1966 bis 1971 besuchte Klein-Friedrich das angesehene Gymnasium Petrinum Brilon, eines der ältesten Bildungseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen. Ein Spross aus der sauerländischen Hautevolaute musste natürlich auf die beste Kaderschmiede für künftige Führungspersönlichkeiten. Nur schade, dass Jung-Merz so gar nichts mit Schule und Lernen am Hut hatte.

Ausgerechnet er, der heute die Bundesbürger gerne mal ermahnt, dass es ohne Fleiß keinen Preis gibt und sie zu faul und träge seien, musste wegen unzureichenden schulischen Leistungen, verbunden mit mangelnder Disziplin die Schule wechseln, um einem Verweis zuvorzukommen. 1975 bestand er das Abitur dann doch noch, nachdem er sitzengeblieben war, am Städtischen Gymnasium in Rüthen.

Friedrich Merz im Jahr 2004 bei einem Vortrag von Fritz Bolkestein, Mitglied der Europäischen Kommission, zuständig für Binnenmarkt, Steuern und Zollunion an der Humboldt Universität zu Berlin

Friedrich Merz im Jahr 2004 bei einem Vortrag von Fritz Bolkestein, Mitglied der Europäischen Kommission, zuständig für Binnenmarkt, Steuern und Zollunion an der Humboldt Universität zu Berlin

Imago/serienlicht

3,8? Wirklich? Ja, wirklich!

Es ist eines der bestgehüteten Geheimnisse im Hause Merz: „Mein Abiturzeugnis liegt bei mir zu Hause im Tresor und kommt auch nicht raus“, antwortete der Sauerländer Anfang vergangenen Jahres im „Zeit“-Podcast „Alles gesagt?“ scherzhaft (oder eher schmerzhaft?) auf die Frage nach seiner Abiturnote.

Er lieferte dafür auch eine Begründung: „Ich habe mittlerweile Enkelkinder, die auf die Schule gehen, und ich möchte, dass denen die Motivation erhalten bleibt.“

Auf Nachhaken verriet der 70-jährige Großvater von sieben Enkeln dann aber doch noch, wo ungefähr sein Abi-Schnitt liegt - nämlich ganz unten. Als die Zahl 3,8 fällt, antwortet: „Gehen Sie mal davon aus, dass es in dieser Bandbreite war.“ Auf die ungläubige Nachfrage „3,8?“, antwortet er dann nur noch: „So, lassen wir es dabei.“

3,8 ist so ziemlich die schlechteste Note, die man beim Abitur erreichen kann, ohne durchzufallen. Und Merz' Heimatland Nordrhein-Westfalen war schon damals dafür bekannt, nicht gerade die härtesten Abi-Standards zu haben. In Bayern oder Baden-Württemberg hätten sie ihn zu dieser Zeit wohl geteert und gefedert hochkant rausgeworfen.

Das Abitur blieb Friedrich Merz zwar nicht verwehrt, aber er bestand die Höhere Reife nur mit Ach und Krach.

Das Abitur blieb Friedrich Merz zwar nicht verwehrt, aber er bestand die Höhere Reife nur mit Ach und Krach.

Imago/Noah Wedel

Merz hatte einfach „keinen Bock“ auf Schule

Jetzt kehrt der Kanzler an die Schule zurück, an der er nach einmal Sitzenbleiben und einem Schulwechsel wegen Disziplinlosigkeit mit 19 dann doch noch die allgemeine Hochschulreife erreicht hat: an das Friedrich-Spee-Gymnasium in Rüthen im Sauerland.

Am Friedrich Spee von Langenfeld, 25. Februar 1591 - 7. August 1635, war ein deutscher Jesuit. Er wurde berühmt als Kritiker der Hexenprozesse / Friedrich Spee also Friedrich Spee von Langenfeld, 1591-1635, a German Jesuit and poet, historical, digital improved reproduction of an original from the 19th century / digitale Reproduktion einer Originalvorlage aus dem 19. Jahrhundert, Originaldatum nicht bekannt

Am Friedrich-Spee-Gymnasium in Rüthen, benannt nach dem dem Jesuiten und berühmten Kritiker der Hexenprozesse, Friedrich Spee von Langenfeld (1591-1635) überstand  Merz 1975 die Abiturprüfungen.

Imago/H. Tschanz-Hofmann

Die Schule wird 100 Jahre alt, und der Kanzler tritt aus diesem Anlass in der Reihe „Ehemalige erzählen“ auf. Das Gespräch mit Schülern findet hinter verschlossenen Türen statt, es kann also offen geredet werden. Und es ist gut möglich, dass er dann noch einmal gefragt wird, warum er eigentlich so ein schlechter Schüler war.

In dem Podcast sprach er darüber, dass er damals keine Disziplin und „echte Motivationsprobleme“ gehabt habe - und einen Freundeskreis, „der mich da eher zusätzlich demotiviert hat“. Er habe ganz einfach „keinen Bock“ auf Schule gehabt. So wie die meisten Bundesbürger heute „keinen Bock“ auf Merz als Kanzler haben.

Schulstreik gegen Wehrpflicht in Frankfurt am 25. September 2026: Teilnehmer der Demonstration machen ihrem Unmut gegen Friedrich Merz Luft.

Schulstreik gegen Wehrpflicht in Frankfurt am 25. September 2026: Teilnehmer der Demonstration machen ihrem Unmut gegen Friedrich Merz Luft.

Imago/Richie Sanders Presse

Mit dem „Stöckchen“ vom Lehrer verprügelt

Auch die Lehrer hätten nicht gerade zur Motivation beigetragen - im Gegenteil. „Wir hatten noch Lehrer, die Weltkriegsteilnehmer waren. Einer der Lehrer warf beständig mit seinem schweren Schlüsselbund durch die Klasse“, erzählt Merz über seine Grundschulzeit in den 1960er Jahren.

Es habe damals noch die Prügelstrafe gegeben. Er selbst sei „mit dem Stöckchen auf die Finger und auf den Hintern“ geschlagen worden. Das sei in der dritten Klasse gewesen. „Ich kann mich an den damaligen Lehrer erinnern, eigentlich ein Pfundskerl, aber jemand, der auch zum Stöckchen griff.“ Erst 1973 wurde die Prügelstrafe in fast allen Bundesländern verboten, nur in Bayern gab es sie noch ein paar Jahre länger.

Auch Friedrich Merz bekam sie noch zu spüren - die Prügelstrafe für unartige Pennäler (französische Karikatur von 1845).

Auch Friedrich Merz bekam sie noch zu spüren - die Prügelstrafe für unartige Pennäler (französische Karikatur von 1845).

Imago/Heritage Images

Bundeswehr - Merz' Schule des Lebens

Erst beim Militär lernte der aufsässige Sauerländer Disziplin. Vom 1. Juli 1975 bis zum 30. September 197 leistete Merz Wehrdienst bei der Bundeswehr in Clausthal-Zellerfeld, Warendorf, Kusel und Dülmen. Er wurde in der Panzerartillerie an der Panzerhaubitze M109 ausgebildet.

Ein echter Kanonier also. Wie übrigens auch ein anderes (militärisches) Genie: Napoleon Bonaparte, der seine militärische Laufbahn als Artillerieoffizier begann. Merz' letzter Dienstgrad war Fahnenjunker. Seine Ausbildung als Reserveoffizier-Anwärter konnte er aufgrund einer Knieverletzung nicht beenden.

Auf der Panzerhaubitze M109 (hier im Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden) lernte Merz erstmals Disziplin kennen.

Auf der Panzerhaubitze M109 (hier im Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden) lernte Merz erstmals Disziplin kennen.

Imago/Olaf Döring

Merz gründete 2005 eigene Stiftung für Bildung

Vielleicht sind es die eigenen Erfahrungen als Schüler, die Merz 2005 nach seinem zwischenzeitlichen Ausscheiden aus der Politik dazu brachten, zusammen mit seiner Frau Charlotte (einer Richterin und Direktorin des Amtsgerichts Arnsberg) eine eigene Stiftung für Bildung und Ausbildung zu gründen - die Friedrich und Charlotte Merz-Stiftung. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, jungen Menschen aus sozial schwachen Familien mit besonderen Projekten Hilfestellung in Schule und Ausbildung zu geben.

Merz selbst stammte bekanntlich nicht aus sozialschwachen Verhältnissen. Er war, wie er einmal in einem Interview bekundete, von Geburt an „privatversichert“. Als Kanzler hat er sich nun vorgenommen, sich auch ganz persönlich mehr in der Bildungspolitik zu engagieren. Er sehe es als „eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Aufgabe unserer Gesellschaft“ an, dass Kinder und Jugendliche eine gute Ausbildung bekommen, sagt er vergangene Woche bei der Verleihung des Deutschen Schulpreises in Berlin.

Offenbar hat er sein Losertum als Pennäler nicht an seine beiden Töchter weitervererbt: Constanze Merz ist Chirurgin, Carola Clüsener (geborene Merz) arbeitet als Anwältin und ist damit wie ihre Mutter im juristischen Bereich aktiv.

Charlotte Merz mit ihrem Ehemann am 12. Juli 2026 während eines Tennis-Match in Wimbledon.

Charlotte Merz mit ihrem Ehemann am 12. Juli 2026 während eines Tennis-Match in Wimbledon.

Imago/i Images

Kanzler will jetzt wieder mehr in die Schulen gehen

Merz wirkt bei der Veranstaltung aufgekratzt. Man merkt ihm an, dass es hier um etwas geht, das ihm ganz persönlich wichtig ist. Lehrer bezeichnet er - vielleicht auch vor dem Hintergrund eigener schlechter Erfahrungen - als „die wichtigste Berufsgruppe“ des Landes.

„Wir vertrauen Ihnen das Wertvollste an, was wir haben. Das sind unsere Kinder“, erzählt der Vater und Großvater. Und er würdigt den Enthusiasmus der anwesenden Schüler, der ihm selbst nicht gegeben war. „Ich freue mich, wenn ich diese strahlenden, optimistischen Gesichter von Euch sehe.“

Bundeskanzler Friedrich Merz am 28. September während der Einweihungsfeier auf der Gustav-Heinemann-Brücke in Saarlouis: Unter wohlerzogenen jungen Menschen fühlt sich Merz offenkundig wohl.

Bundeskanzler Friedrich Merz am 28. September während der Einweihungsfeier auf der Gustav-Heinemann-Brücke in Saarlouis: Unter wohlerzogenen jungen Menschen fühlt sich Merz offenkundig wohl.

Imago/Chris Emil Janßen

Nach seiner Rede fragt ihn die Moderation, ob er angesichts dieser ganzen positiven Impulse nicht selbst noch einmal Lust bekomme, in die Schule zu gehen. Da verschränkt der Kanzler die Arme und erklärt: „Ehrlich gesagt, ich hatte dazu selten Lust“ - als Schüler. Aber als Kanzler werde er nun wieder mehr in die Schulen gehen. Was er beim Schulpreis gesehen habe, sei für ihn „eine großartige Motivation“.

Als er dann den Preis an die Bertha-von-Suttner-Gesamtschule aus Mörfelden-Walldorf in Hessen übergibt und ihm gleich mehrere Lehrerinnen der Schule dafür um den Hals fallen, kommen ihm, dem Sitzenbleiber, sogar ganz kurz die Tränen.