Armutsquote in Deutschland: Forschende werfen Bundesamt Verharmlosung vor

Wie hoch ist die Armutsquote in Deutschland? Je nach Datenlage und Methodik kommt man zu unterschiedlichen Ergebnissen. Der Plan des Statistischen Bundesamtes, bei der Berechnung in Zukunft anders vorgehen zu wollen, ruft aktuell zahlreiche Kritiker auf den Plan.
Lizenz: Clipdealer/Interessenverband Unterhalt und Familienrecht - ISUV e. V./obs/dpaIn Deutschland ist ein Streit um die offizielle Erfassung der Armutsquote entbrannt. 30 Armutsforscherinnen und -forscher werfen dem Statistischen Bundesamt vor, die tatsächliche Armutsbelastung kleinzurechnen. Das berichtete die Nachrichtenagentur AFP am 14. August 2025.
Armut in Deutschland: Kritik an Berechnungsmethodik
Hintergrund ist eine Änderung in der Berechnungsmethode, die nach Ansicht der Fachleute zu einer deutlich niedrigeren Quote führt und damit das Ausmaß sozialer Probleme verharmlose. Bisher wurden die Armutsquoten in Deutschland anhand zweier Methoden ermittelt: dem Mikrozensus-Kern (MZ-Kern), der auf Deutschlands größter jährlicher Haushaltsbefragung basiert, und EU-/MZ-SILC, das auf einer EU-weiten Datenerhebung beruht. Künftig will das Bundesamt jedoch ausschließlich die EU-/MZ-SILC-Methode verwenden. Zudem wurden die bereits veröffentlichten Ergebnisse der anderen Methode rückwirkend von der Homepage gelöscht.
Das hat spürbare Folgen: Für 2023 ergibt die verbliebene EU-/MZ-SILC-Berechnung eine Armutsquote von 15,5 Prozent. Die gelöschten MZ-Kern-Daten hingegen wiesen 16,6 Prozent aus, was nach Einschätzung der Kritikerinnen und Kritiker eine Differenz von mehr als einer Million Menschen darstellt.
Forderung nach Rückkehr zu alter Methodik
Ulrich Schneider, Mitunterzeichner des Protestbriefs und langjähriger Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, spricht von einem „brisanten“ Vorgang. Er stellt die Frage, ob hier eine gezielte Manipulation oder zumindest ein interessengeleitetes Vorgehen vorliege.
Auch der Kölner Sozialwissenschaftler Christoph Butterwegge und der Kasseler Soziologe Klaus Dörre zählen zu den Unterzeichnern. Gemeinsam kritisieren sie, dass die MZ-Kern-Methode wichtige Vorteile biete: höhere Fallzahlen, detaillierte Auswertungen nach soziodemografischen Merkmalen und eine differenzierte Darstellung auf Bundeslandebene.
Die Forschenden bezeichnen das Vorgehen des Bundesamts als „nicht akzeptablen Eingriff in die wissenschaftliche Freiheit“. Sie fordern Behördenpräsidentin Ruth Brand auf, zur alten Praxis zurückzukehren.
Das Statistische Bundesamt begründe die Entscheidung laut dem Brief mit einer höheren EU-weiten Vergleichbarkeit und einer verlässlicheren Erfassung von Einkommen in der EU-/MZ-SILC-Methode. Die Kritiker halten dagegen, dass beide Berechnungsarten ihre Berechtigung hätten und gemeinsam ein realistischeres Bild der sozialen Lage in Deutschland zeichnen.
