De Hauptsach is, et Hätz is joot

Bodo Baumert liebt den Karneval, selbst 700 Kilometer von seinem Heimatkosmos entfernt. Prägendes Erlebnis: Forst.

Klar, Karneval kann man doof finden. Kotzende Suffköppe. Deppen, die selbst schon nicht mehr wissen, was sie da grölen. Schlechte, gerne auch mal niveaulose Witze. Alles nichts, worauf man stolz sein muss.

Mit der gleichen Begründung kann man aber auch Fußballspiele, Mallorca-Urlaube und Halloween doof finden. Der Karneval – so wie ich ihn verstehe – ist aber doch was anderes. Ich hab ihn so zu sagen mit der Muttermilch aufgesogen. Zülpich, mein Heimatstädtchen, hält sich selbst für die Kompaktausgabe Kölns.

Der kleine Unterschied von 980 000 Einwohnern ist zu vernachlässigen. Wir sind die wahre Karnevalshochburg. Jeder war und ist hier in einem Karnevalsverein. Nur mein Opa nicht, der war in allen. Jeder ist von Weiberfastnacht bis Veilchendienstag auf den Beinen.

Seit ich laufen konnte, steckte ich in einer Uniform, rannte mit der Prinzengarde durch die Straßen. Sang Lieder der Bläck Fööss, Höhner und Paveier mit.

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Karneval, der richtig echte, das waren für mich Hans Süper, Gerd Rück oder Willibert Pauels. Bekloppte, die mit Witz und Humor andere zum Lachen bringen. Das waren Eltern meiner Freunde, die das ganze Jahr mit uns Kleinen Tänze und Auftritte probten. Das waren Freunde, mit denen ich später selbst im Rosenmontagszug durch die Straßen zog.

Und dann Lausitz. 2002 bin ich hierhergekommen. Meine ersten Karnevalsversuche – kostümiert an Weiberfastnacht durch Luckau laufen – riefen noch Reaktionen wie bei der Landung Außerirdischer hervor. Doch dann entdeckte ich Forst. Und den Forschter Karneval.

Hier begegnete ich wieder dem, was ich mit dem Karneval verband. Narren, positiv Bekloppte, ehrenamtlich Engagierte, die einfach Spaß an dem haben, was sie tun. Die den Karneval leben. Die Uniform oder Kostüm anziehen und einfach durch die Straßen ihrer Stadt laufen.

Denn das ist Karneval. Nicht Klamauk, Kommerz und dicke Hose. De Hauptsach is, et Hätz ist joot – so sagt der Kölner. Sehr frei mit  dem Kleinen Prinzen übersetzt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Wer den wahren Karneval sehen will, sieht ihn dort, wo die Menschen ihn im Herzen tragen.

Dann ist er auch ein Stück unserer Kultur, den es zu bewahren lohnt. Einmal im Jahr, bewusst dem Lachen den Raum geben, den es braucht. Nicht darauf schauen, selbst auf die eigenen Kosten zu kommen, sondern anderen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Den Winter und seine Depressionen austreiben, bunte Kostüme am Leib und ein Lachen im Gesicht tragen.

Und dann genau so konsequent Aschermittwoch, Fastenzeit und Ostern durchleben.

Dann hat der Karneval auch heute noch einen Sinn – ob mit oder ohne Alkohol.

Dann sag ich sogar Helau statt Alaaf – wenn ich muss. Und nur in der Lausitz.

Der Zug der fröhlichen Leute durch die Cottbuser Innenstadt. Hier Schorbuser Karneval Club. Es ist wieder soweit, die Narren übernehmen am 11.11. das Ruder. Das finden aber nicht alle super.
© Foto: Michael Helbig

Bodo Baumert
© Foto: Sebastian Schubert

Albernes Trinkgelage

Daniel Schauff mag den Karneval nicht. Und das, obwohl er ihn mehrfach zu feiern versuchte. Prägendes Erlebnis: das Klopapier am Kopf.

Damals, auf dem Weg von der Uni nach Hause, haben betrunkene Jugendliche die Bahn, in der ich saß, mit Steinen beworfen. Großen Steinen. Gut, die Polizei kam, gefährlich war’s dann nicht mehr. Aber diese Steinwürfe sind mir im Gedächtnis geblieben.

Es war Weiberfastnacht, der Donnerstag vor dem großen Rosenmontag. Für den hatte ich mir vorgenommen, raus aufs Land zu meinen Eltern zu fahren. Ich habe damals mitten in der Kölner Innenstadt gewohnt. Um die Ecke: Kneipen, Clubs, Brauhäuser – Karneval dort? Für kein Geld der Welt.

Als Kind fand ich die paar Tage des Straßenkarnevals nett. Es war nicht so, als wäre ich aufgeregt wie ein Titschball durch Kostümläden gelaufen, um die möglichst ausgefallenste Verkleidung in meiner Schulklasse zu haben. Ich war in der Regel der Durchschnittskostümierte. Mal ein Musketier, mal ein Cowboy, auch mal ein Indianer für die politische Korrektheit, mal Michael Jackson, mal Robin Hood.

Als es für mich noch das Größte war, mit riesigen Tüten voll von Kamelle nach Hause zu kommen, mit meinem besten Freund Nico unsere Beute vom Karnevalszug im Dorf zu teilen, so dass er sich an sein Puffreis-Gelage machen konnte und ich ausreichend Fruchtbonbons hatte, fand ich Karneval toll.

Manchmal haben sie sogar Plastik-Fußbälle vom Zug geschmissen, einmal habe ich eine Rolle Toilettenpapier an den Kopf bekommen. Tat nicht weh, habe ich trotzdem persönlich genommen.

Irgendwann waren es dann nicht mehr meine Eltern, die den Rosenmontag in der Kneipe verbracht haben und das eine oder andere Kölsch getrunken haben. Irgendwann waren es meine Freunde. Ich glaube es war zu Karneval (an Karneval im Rheinland), als ich meine besten Freunde erstmals so richtig blau erlebt habe.

Ich mochte damals schlichtweg keinen Alkohol, und der einzige in der Clique zu sein, der noch geradeaus gehen und denken kann, ist spaßfrei.

Mittlerweile schmeckt auch mir das eine oder andere alkoholische Getränk. Aber der Karneval nicht. Da kann er machen, was er will. Ich dachte ja, dass ich in Cottbus einen Ort finde, an dem ich mit der ach so lustigen fünften Jahreszeit nichts zu tun haben würde. Pustekuchen, musste ich an meinem ersten Rosenmontag in der Lausitz feststellen. Da feiern sie auch.

Nee, Karneval finde ich schlicht und einfach witzfrei. Ich kann auch nicht mehr darüber lachen, dass irgendwer Witze über die preußische Hoheit macht. Schließlich kenne ich die preußische Hoheit nicht mehr. Nur einmal, da fand ich Karneval nett. Das war in Cottbus. Laut über die Straße schallte das Lied „Heute fährt die 18 bis nach Istanbul“.

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Das Lied ist von der Kölner Band „Die Höhner“. Die 18 ist eine Straßenbahnlinie, die ich sowohl für den Weg zur Uni als auch für den Weg zur Arbeit genutzt habe. Da war dann doch ein bisschen Melancholie im Herzen. Allerdings nicht, weil ich den Karneval in Köln vermisst hätte. Nein, weil ich Köln vermisst habe. In diesem Sinne: Alaaf.

Daniel Schauff Foto: tian
© Foto: Foto: tian