Von Ida Kretzschmar

Andreas Jäpel muss am Staatstheater Cottbus oft den Helden spielen. Nicht nur, weil in ihm so ein freier und kritischer Geist steckt. Ob als Macbeth, Wozzeck oder Leporello in Mozarts „Don Giovanni“ – die Sympathien der Zuschauer fliegen dem Heldenbariton zu, selbst wenn er als Antiheld daherkommt. „Ich liebe diese Rollen. Als Bösewicht am Ende Beifall zu bekommen, das ist es, was wirklich Spaß macht“, gesteht er.

Seit 1999 gehört der Sänger zum Cottbuser Opernensemble. Er besticht sowohl durch sängerische Brillanz als auch durch intensives szenisches Darstellungsvermögen. Das wurde ihm bereits 2017 bescheinigt, als er den Max-Grünebaum-Preis erhielt. Der Heldenbariton ist stimmlich schwerer und voluminöser als seine lyrischen Registerverwandten, er singt im dramatischen Fach. Das erschien ihm vor Jahren noch „so verschlossen wie die berühmte 13. Tür“. Das änderte sich erst 2009, als er in Verdis „Troubadour“ Graf Luna wurde, erzählt er. Und als er zwei Jahre darauf als Alberich in der „Siegfried“-Oper unter überwältigenden Orchesterklängen seinen Arm reckte und rief: „Der Welt walte dann ich!“ war es um Andreas Jäpel geschehen: „Seitdem bin ich Wagner-verrückt“, erklärt er.

Am 4. Mai verkörpert er in einer Wagner-Oper die Titelpartie. „Den Holländer würde ich liebend gern singen, irgendwann, wenn es dazu langen sollte“, hat er im RUNDSCHAU-Interview vor zwei Jahren gesagt.

Nun langt es dazu. „Man darf sich und der Stimme nicht zu zeitig zu viel zumuten. Das ist das Schöne in einem Ensemble. Man kann sich als lyrischer und Kavaliers-Bariton entwickeln, um dann, wenn man soweit ist, ins Helden-Fach zu wechseln“, macht Jäpel die Mitverantwortung des Sängers deutlich, sich zur richtigen Zeit auch für das Miteinstudieren von Rollen zu bewerben. „Der Macbeth gilt als eine der schwierigsten Verdi-Partien. Aber natürlich ist auch der Holländer eine Herausforderung. Sein Auftritt muss herausragend sein, so hat es Wagner vorgesehen. Davon hängt die ganze Oper ab“, weiß Jäpel: „Zumal noch ein ,hammerharter Schluss’ kommt, da darf man sich stimmlich nicht vorher verausgaben.“ Der Sänger vergleicht es mit einer glatten Eisfläche, auf der man sanft dahingleiten kann, solange man keine Kerbe ins Eis ritzt. „Ähnlich ist es mit der Stimme, die Kratzer davontragen kann, wenn einem vor der Zeit die Pferde durchgehen.“

Dennoch ist Jäpel kein Sänger, der immer nur mit dickem Schal herumläuft und jedes Frühlingslüftchen fürchtet. „Das muss man schon ertragen, was bin ich sonst für ein Held?“, sagt er augenzwinkernd, womit er gleich beim weiblichen Regieteam ist. Regie führt – erstmals in Cottbus – Jasmina Had­žiahmetovic. Bühne und Kostüme entwirft Natascha Maraval, die auch schon für die Ausstattung von Alban Bergs Oper „Wozzeck“ verantwortlich zeichnete.

Die aus Sarajevo stammende Jasmina Hadžiahmetovic aber inszeniere genau mit jenem Augenzwinkern, das diese düstere Männerwelt braucht, meint Jäpel. „Während ich bei Macbeth bei aller Schwere der Partie wie auf Wellen dahinschweben kann, fühle ich mich als Holländer wie in einem Stahlwerk, in dem ich monströs den Hammer schwinge. Die Regisseurin aber will hinter dem Monster den Menschen sichtbar machen.“ Ein spielerischer Anspruch, der ganz nach seinem Geschmack ist.

Ihm gefällt, wie intensiv über die Charaktere gesprochen wurde, wie tief sie gemeinsam eintauchten in ihre Psyche. „Diese weibliche Sicht, die eine Möglichkeit der Erlösung aus der Einsamkeit aufzeigt, finde ich interessant, zumal sie auch Pathos zulässt, volles Rohr: Gefühl ohne Ende“, macht er neugierig – auch auf die Bühnenausstattung, die wie aus der Zeit gefallen scheint. Entfaltungsspielraum genug für die großen Arien, düsteren Balladen, markanten Chöre und diese packenden dramatischen Klänge.

Richard Wagner griff für seine Oper auf eine alte Legende zurück: Ein Kapitän will unbedingt ein Kap umsegeln, das als unbezwingbar gilt – und wenn er es bis in alle Ewigkeit versuchen müsste. Und so werden der Holländer und seine Mannschaft dazu verflucht, unsterblich auf den Weltmeeren umherzuirren. „Vergeblich suchen wir den Tod. Nur die unbedingte Treue einer Frau kann unser Schicksal wenden“, fühlt sich Jäpel in die Rolle ein. So geht der Holländer alle sieben Jahre an Land, um diese Frau zu finden. Diesmal trifft er die Kapitänstochter Senta, die davon träumt, ihn zu erlösen.

„Ohne Hoffnung, wie ich bin, geb‘ ich mich doch der Hoffnung hin!“ wird von Andreas Jäpel im ersten Aufzug zu hören sein. Wie diese Hoffnung aufgeht, sei noch nicht verraten.

20 Jahre ist der Sänger nun schon am Staatstheater Cottbus, und er freut sich, dass nun nach den heftigen Stürmen mit Stephan Märki ein neuer Intendant gefunden ist, „der frischen Wind von draußen mitbringt. Und hoffentlich das Gefühl aufleben lässt, das Christoph Schroth schon in Cottbus mit seinem legendären Satz vermittelt hat: ,Wo ich bin, ist keine Provinz.“

Für Andreas Jäpel sind am Staatstheater schon viele Träume in Erfüllung gegangen. Gleich im ersten Jahr lernte er hier die Tänzerin Eva kennen. Gemeinsam haben sie inzwischen den zehnjährigen Sohn Anton. Auch weiß der Sänger es sehr zu schätzen, dass er sich hier an so vielen großen Rollen ausprobieren kann. In der nächsten Spielzeit kommt erneut eine Partie aus seiner Wunschliste auf ihn zu – der Jago in Verdis „Othello“. Der Hans Sachs in Wagners „Meistersinger“ steht aber noch auf der Liste. „Natürlich würde ich den liebend gern singen. Aber darauf muss man sich intensiv vorbereiten, vielleicht zwei bis drei Jahre, um sich selbst die Frage zu beantworten: Traue ich mir das zu?“

So bleibt der 51-jährige Sänger bei allem Heldenmut immer schön auf dem Boden. Mit einer Ausnahme, auf die die Zuschauer durchaus gespannt sein dürfen: In Cottbus wird Wagners Holländer tatsächlich fliegen.

Für die Premiere und die Vorstellung am 26. Mai, 16 Uhr, gibt es derzeit noch Restkarten. Karten sind erhältlich für die Vorstellungen am 15. Juni, 19.30 Uhr und am 30. Juni 2019, 19 Uhr bei der RUNDSCHAU; im Besucherservice; Ticket-Telefon. 0355/7824242; sowie online über www.staatstheater-cottbus.de,