Von Heidrun Seidel

6 Uhr morgens. Erst langsam erwacht die Stadt am See. Doch im ozeanblauen Zug in der Güterbahnhofstraße ist schon Leben. „Wir müssen uns mit den Proben an der Witterung orientieren. Schließlich arbeiten wir im Freien“, erklärt Jens-Erwin Siemssen. Während der erneuten Hitzewelle hat der Regisseur deshalb die Proben in die zeitigen Morgen- und späten Abendstunden verlegt. Doch das ist nicht das einzig Ungewöhnliche an der Arbeit im Theaterprojekt „Das letzte Kleinod“.

Es hat weder Haus noch Bühne. Die Geschichten, die es erzählt, werden an Originalschauplätzen ausgegraben und dort auch von den Schauspielern nacherlebt.

Sein Gründer, der Regisseur und Autor Jens-Erwin Siemssen, will abseits des Weges Dinge auf- und ihnen nachspüren, letzte Kleinode finden, die erzählt werden müssen. „Der Name ist Programm“, sagt Jens-Erwin Siemssen. 1991 hat er das Projekt ins Leben gerufen und im Laufe der Jahre einen Theaterzug auf die Schienen gebracht, der zur Produktionsstätte zahlreicher Geschichten geworden ist. So hat das Eisenbahntheater noch bis Ende Juni auf der steilsten Bahnstrecke Deutschlands in Thüringen mit den Vorstellungen der „Spitzkehre“ die Geschichte einer Landschaft erzählt, in der einst viele Menschen in der Glasindustrie arbeiteten, Karnevalsmasken für Übersee produzierten und zahlreiche Urlauber aus der Hauptstadt zum Rennsteig gefahren wurden. Auf der Strecke gab es dafür mehrere Haltepunkte auf Bahnhöfen, im Wald oder am Bach, an denen Theater gespielt wurde.

Zuvor brachte „das letzte Kleinod Leben in ein brachliegendes, monumentales Industriegebäude in Weißenfels. Auch die Schicksale der Menschen bei Flucht, Vertreibung, Krieg, der Flutkatastrophe von 1962 oder beim Kabeljaustreit zwischen Großbritannien und Island hat das Theater wie viele andere Themen, oft auch aus der Kulturlandschaft der Nordseeküste, inszeniert. So wurde in einem Kühlhaus gespielt, an Deichen oder in verlassenen Kasernen. Unterwegs ist das Theater von Tansania bis Kanada, von Island bis Kasachstan und es gräbt Geschichten aus, über die längst schon Gras gewachsen war. Dafür geht Jens-Uwe Siemssen zunächst auf Spurensuche in den jeweiligen Regionen, spürt Zeitzeugen oder ihre Nachfahren auf, Lebensweisen, Gegenstände und andere Materialien, die als einzige Requisiten oder Kulissen in das von ihm geschriebene Skript einfließen.

Nun also Fontane, dem Wanderer durch Brandenburg, für das man „zunächst Liebe zu ‚Land und Leuten‘ mitbringen (muss), mindestens keine Voreingenommenheit. Er muß den guten Willen haben, das Gute gut zu finden, anstatt es durch krittliche Vergleiche totzumachen“, wie es Fontane sagt.

Siemssen ist ehrlich: „Als ich gefragt wurde, ob ich mich mit dem Kleinod am Fontane200-Jahr beteiligen würde, fand ich das zunächst nicht so spannend.“ Seine Themen sind kritische Auseinandersetzungen mit Ereignissen, internationale Themen, die in Bezug zu regionalen stehen – auch in anderen Teilen der Welt. „Doch dann bin ich auf seine Arbeiten als Kriegsberichterstatter gestoßen – und da wurde es doch spannend.“

Aus „Kriegsgefangen. Erlebtes 1870“ ist nun das Stück „Souvenir 1870“ geworden. Es erzählt, wie Theodor Fontane als Berichterstatter im Deutsch-Französischen Krieg für die Vossische Zeitung in Gefangenschaft geraten ist und sogar um sein Leben fürchten musste. Er war den deutschen Truppen nach Frankreich gefolgt und wollte auf dem Wege unbedingt das Geburtshaus der französischen Nationalheldin Jeanne d’Arc in Domrémy sehen. Da wurde der aus einer Hugenottenfamilie stammende Dichter festgenommen. Seine vielen Aufzeichnungen über die militärischen Bewegungen und sogar ein Revolver in der Tasche hatten ihn verdächtig gemacht. So kam er schließlich auf die Île d'Oléron, einer Atlantikinsel vor Rochefort. Dort lebte er für kurze Zeit, bis er freigelassen wurde, weil sich Freunde und sogar Bismark für ihn eingesetzt hatten. Während seines kurzen Aufenthaltes beschrieb er detailreich das Leben auf der Insel, die Arbeit der Austernfischer, die Salzgewinnung, aber auch den Beginn des Ausbruchs einer Typhusepidemie ebenso wie die erlebte Menschlichkeit auf der Insel.

Seit Anfang Juli hat Siemssen nun mit den Schauspielern und der Senftenberger Dramaturgin Katja Stoppa diesen Erlebnissen auf Oleron nachgespürt. Alrun Herbing und Robert Eder von der Neuen Bühne Senftenberg, Michaela Winterstein vom Staatstheater Cottbus, Andreas Schulz vom Theater der Altmark

Stendal, Bo-Phyllis Strube vom Hans-Otto-Theater Potsdam und Margarita Wiesner und Richard Gonlag vom Theater „Das letzte Kleinod“ haben mit Einheimischen gesprochen, die schwere Arbeit der Austernfischer ausgeübt, Fleur de Sel in den Salzgärten der Atlantik-Salinen geerntet und auch die Emotionen gespürt, die wach werden, wenn Kameraden einen an Typhus Gestorbenen zu Grabe tragen. Das alles haben sie jetzt mitgebracht nach Senftenberg und werden es den Zuschauern nahebringen. Dabei helfen auch echte Oleroner Austernkörbe und ein Leiterwagen oder Forken. Zur Bühne wird ein doppelstöckiger Waggon, auf dem sonst Autos transportiert werden – und „wenn wir in die Ferne gucken, schauen wir nicht auf eine Bahnbrache, sondern in das Watt von Oleron“, baut Jens-Erwin Siemssen auch auf die angeregte Fantasie der Zuschauer.