Silly in Frankfurt (Oder) 2024: Uwe Hassbecker und Julia Neigel über elektroAkustik-Tour

Doppelte Gesangs-Power: Auf ihrer elektroAkustik-Tour 2024 sind Silly live mit Julia Neigel (Mitte) und Ex-City-Frontmann Toni Krahl (r.) zu erleben.
Detlev SchneiderDiese Tour wird für musikalische Überraschungen sorgen. ElektroAkustik heißt das Stichwort, unter dem die Band Silly ab November unterwegs ist. Gesanglich begleitet wird sie von Julia Neigel und Ex-City-Frontmann Toni Krahl. Auf den Konzerten wollen die Ostrock-Legenden ihre Hits aus vier Jahrzehnten in neuem Gewand präsentieren.
Warum die Band ihre Klassiker für die Tour neu kennenlernte? Ob Elektro gleich „Mont Klamott“ und Co. mit Techno-Beats bedeutet? Und weshalb die Konzerte fast ausschließlich im Osten Deutschlands stattfinden? Das verraten Julia Neigel und Silly-Gitarrist Uwe Hassbecker im Interview.
Frau Neigel, Herr Hassbecker, elektroAKUSTIK heißt die anstehende Tour von Silly. Auf den Plakaten zur Tour ist Elektro klein-, Akustik großgeschrieben. Darf man das als stilistische Einordnung verstehen?
Uwe Hassbecker: Der Name ist Programm, genau. Wir wollten ganz ehrlich sein und den Leuten nichts vormachen. Im Prinzip ist es ein Art Unplugged-Programm. Die Songs sind auf ihr Wesentliches reduziert. Wir haben ein bisschen die Arrangements verändert und spielen vor allem auf akustischen Instrumenten. Vom Flügel angefangen über Cello, akustische Gitarren, Kontrabass, Perkussionselemente, manchmal auch ein richtiges normales Drumset und Cajon. Aber es gibt auch mal eine Orgel, mal eine elektrische Gitarre bei dem einen oder anderen Lied. Insofern Elektroakustik.
Beim Stichwort Elektro muss also niemand mit Silly-Songs unterlegt von Techno-Beats rechnen?
Uwe Hassbecker (lacht): Nein, im Gegenteil. Wir spielen wahrhaftig live und haben besondere Versionen alter Songs gemacht. „So 'ne kleine Frau“ zum Beispiel, das von Toni [Krahl] gesungen wird. Ein Rock-Song, der ganz zerbrechlich, ganz leise geworden ist. Wunderbare Versionen von Songs also, die eigentlich kräftig sind. Auch „Mont Klamott“ wird so fast ein bisschen bluesig.
Die Songs verändern sich also durch die akustische Neuinterpretation?
Uwe Hassbecker: Wir haben festgestellt, dass durch die sparsamen Instrumentierungen, durch die zerbrechlichen Arrangements, der Kern der Lieder wieder mehr nach vorne rückt. Ihre Inhalte sind deutlicher wahrnehmbar, weil nichts ablenkt. Es ist weniger Lametta als normal. Die Lieder treten so in einem anderen Licht zutage.
Julia Neigel: Silly ist eine Kultband, auch weil so grandiose Instrumentalisten dahinterstecken. Dadurch kriegt man akustische Elemente, die man im Rock und Pop sonst eher selten hört. Es entsteht eine Lieblichkeit, die das eine Lied stark unterstützt. Ein anderes Lied wird noch intensiver, noch tiefgründiger. Zum Beispiel bei „Vaterland“, wo Uwe eine Laute spielt. Es kriegt eine unglaubliche Vielfalt. Und gleichzeitig hat es einen riesigen Rumms. Das steht einem großen Rock-Konzert mit lautem Schlagzeug und elektrischen Instrumenten in nichts nach.
Klingt, als hätten Sie die eigenen Songs nochmal neu entdeckt.
Uwe Hassbecker: Die meisten Lieder werden an den Ursprung zurückgeführt. Meistens beginnt es ja mit Ideen, die man am Klavier oder an der Gitarre entwickelt. Das sind erste Skizzen, aus denen Stück für Stück Lieder werden. An diesen Ursprung geht es ein bisschen zurück. Das ist ein interessanter Aspekt, weil durch nichts abgelenkt wird. Keine Spielereien, keine technischen Loops oder was auch immer.
Julia Neigel: Die Lieder werden nochmal anders veredelt. Sie werden eleganter, ohne dass sie dadurch weicher werden. Also die können wirklich rocken. Ich finde diese musikalische Entwicklung total spannend. Ich bin selbst ein bisschen stiller Beobachter, weil ich relativ spät dazugekommen bin. Viele Lieder kenne ich aus den Endprodukten. Jetzt mitzuerleben, wie sich diese Lieder entwickeln, wie sie wachsen und nochmal eine andere Botschaft kriegen, das finde ich sehr schön. Die Perspektive ändert sich dadurch. Das ist der Hammer.
Wie verändert diese akustische Herangehensweise die Dynamik beim Spielen?
Uwe Hassbecker: Das ist tatsächlich eine ganz andere Dynamik. Wir erleben die Songs gewissermaßen neu in dem Moment.
Julia Neigel: Es ist ein tolles miteinander Musizieren. Es ist unglaublich inspirierend, was sich da entwickelt. Und auch wenn das Arrangement steht, gibt es einen kleinen, aber extrem wichtigen Interpretationsspielraum. Das Lied lebt anders, weil es mit akustischen Instrumenten gespielt wird. Das hat eine ganz große Kraft.
Neben den Instrumenten ist aber auch Ihre Stimme, Frau Neigel, und die von Toni Krahl kein unwesentlicher Bestandteil der Konzerte. Wie ergänzen Sie sich stimmlich?
Julia Neigel: Als mich Uwe anrief und gefragt hat, ob ich mir das vorstellen kann, war mir vollkommen klar, dass das mit Toni funktionieren wird. Überhaupt keine Frage. Klar, er hat eine andere Stimme, ist ein Mann und hat seinen ganz eigenen Style und Eigentümlichkeiten. Aber es funktioniert, weil er ein geiler Interpret und Entertainer ist. Und genau darauf kommt es an. Es funktioniert sogar sehr gut, auch in Duetten. Das ist echt spannend.

Seit Jahrzehnten musikalisch gemeinsam unterwegs: Hans-Jürgen Reznicek (l.-r.), Uwe Hassbecker und Ritchie Barton von Silly (hier beim Deutschen Musikautorenpreis 2019)
Jörg Carstensen/dpaZusammen präsentieren Sie Silly-Songs aus 40 Jahren Bandgeschichte. Wie destilliert man aus einem solchen Repertoire eine Setlist?
Uwe Hassbecker: Sehr verschieden. Es gibt natürlich Wünsche, zum Beispiel von Toni. Das ist nicht immer einfach, weil wir natürlich die Tonart an eine Männerstimme anpassen müssen. Es muss ja klingen mit seiner Stimme. Aber wir, also die drei Silly-Haudegen (lacht), machen auch Vorschläge. Und man weiß natürlich, was das Publikum von uns erwartet. Songs wie „Bataillon d'amour“, „Verlorene Kinder“ oder „Mont Klamott“ müssen dabei sein. Aber es soll nicht an Kraft verlieren mit akustischen Gitarren. Das probieren wir bei den Proben aus. Das ist ein Prozess.
Silly gilt einigen längst als „gesamtdeutsches Phänomen“. Die Tour findet trotzdem fast ausschließlich im Osten Deutschlands statt. Wie kommt’s?
Uwe Hassbecker: Ja, das frage ich mich auch manchmal. Aber wir kommen eben aus dem Osten. Dort sind wir populärer und dort kommen mehr Leute zu den Konzerten. Und am Ende muss es sich rechnen. Wir hatten mal eine Phase, die Jahre mit Anna Loos bis 2018, wo wir durchaus gleichberechtigt in den neuen und alten Bundesländern gespielt haben. Die Besucherzahlen hatten sich kaum unterschieden. Leider ist das wieder ein bisschen zurückgegangen.
Woran könnte das liegen?
Uwe Hassbecker: Ich glaube, dass es ein bisschen mit medialem Desinteresse zu tun hat. Man braucht eben Unterstützung. Im Osten haben wir da doch noch einen anderen Stellenwert.
Julia Neigel: Wir haben uns eben selbst darüber unterhalten. Ich sehe das etwas anders. Aber das liegt wohl daran, dass ich aus dem Westen komme. Auf unserer Analog-Tour [ab 2019] spielten wir in ost- und westdeutschen Städten Konzerte. Die waren alle ausverkauft. Es mag auch ein bisschen der Corona-Politikzeit geschuldet sein, dass die Veranstalter erstmal kämpfen mussten. Da fehlt Personal, Clubs machen zu. Die Veranstaltungsbranche braucht wohl noch ein, zwei Jahre, bis sie sich wieder voll erholt hat. Aber vielleicht müssen wir auch ein bisschen mutiger sein. Ich bin sicher, wenn Silly nach Köln kommt, ist der Laden voll. Silly ist in der DDR populär geworden. Aber ich glaube auch, dass die Band ein gesamtdeutsches Phänomen ist.
Auf dem Tourplan steht auch Frankfurt (Oder). Was verbinden Sie mit der Stadt?
Uwe Hassbecker: Wir haben oft dort gespielt. Uns gibt es ja schon ein paar Jahre. In der dortigen Messehalle hatten wir schon tolle Konzerte. Das ist halt unser Publikum. Und es ist ja nicht so weit von Berlin.
SILLY elektroAKUSTIK – Tour 2024 (Termine)
● 14. November 2024: Dresden, Kulturpalast
● 23. November 2024: Frankfurt (Oder), Messe
● 27. November 2024: Cottbus, Stadthalle
● 12. Dezember 2024: Leipzig, Gewandhaus
● 13. Dezember 2024: Neubrandenburg, Haus der Kultur und Bildung (hkb)
● 14. Dezember 2024: Schwerin, Sport- und Kongresshalle
● 12. Dezember 2024: Berlin, Philharmonie
● 19. Dezember 2024: Chemnitz, Stadthalle
● 20. Dezember 2024: Rostock, Stadthalle
● 27. Dezember 2024: Hannover, Theater am Aegi
● 28. Dezember 2024: Magdeburg, AMO Kulturhaus
● 29. Dezember 2024: Erfurt, Alte Oper
Tickets für die „elektroAKUSTIK – Tour“ gibt es hier.



