Sahra Wagenknecht
: Wie kam es zu BSW? ZDF dokumentiert die Entstehung der Partei

Wie ist das BSW entstanden? Die ZDF-Serie „Inside Bündnis Wagenknecht“ blickt hinter die Kulissen.
Von
Christina Tilmann
Berlin
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Wagenknecht pendelt zwischen ihrem Wohnort im Saarland und Berlin.

Einzelkämpferin - Sahra Wagenknecht pendelt zwischen ihrem Wohnort im Saarland und Berlin. Mit der Bahn kommt sie auch mal zu spät.

ZDF und Thomas Riedel

Dass die Medien an Sahra Wagenknechts Erfolg einen nicht geringen Anteil tragen, ist sicher: Wo immer sie auftritt, sind Kameras und Journalisten. Und wo immer eine Kamera ist, ist Sahra Wagenknecht in ihrem Element. Setzt sich in Pose, stöckelt entschieden über die Bühne, immer hochhackige Schuhe, immer perfekt sitzendes Kostüm, immer die ikonische Hochsteckfrisur.

In einer bezeichnenden Passage der Dokumentation sieht man, wie Wagenknecht morgens vor dem Spiegel routiniert ihre Haare flechtet und hochsteckt, den Sitz überprüft, zum Haarspray greift. „Ich brauche nur zehn Minuten, um mich in die Figur Sahra Wagenknecht zu verwandeln“, sagt sie dazu.

Ein Jahr lang unterwegs mit Sahra Wagenknecht

Ein Jahr lang haben die ZDF-Autorinnen Christiane Hübscher und Andrea Maurer Sahra Wagenknecht beteiligt, von ihrem Parteiausschluss im Herbst 2023 über die Gründung von BSW im Januar bis zu den Europawahlen im Juni und Landtagswahlen im September 2024. Entstanden ist eine fünfteilige Serie mit 30-Minuten-Folgen, die explizit nicht nur die Parteigründerin, sondern auch die Menschen ins Zentrum rückt, die sie um sich herum versammelt.

Das ist, auch das wird in „Inside Bündnis Wagenknecht“ deutlich, eine kleine, eingeschworene Gruppe. Die Zögerlichkeit, Menschen aufzunehmen, wird bei diversen Unterstützertreffen in Sachsen und Thüringen deutlich. Die Säle sind voll, die Aufnahmewilligen stehen Schlange, doch das Aufnahmeverfahren stockt, das Personal kommt mit der Prüfung der Anträge nicht hinterher. Man habe bei einer jungen Partei halt nicht nur solide, ehrliche Menschen, die beitreten wollten, sondern auch andere, die schon mehrere Parteien durchlaufen hätten und das Ganze torpedieren wollten, versucht Sahra Wagenknecht die Enttäuschung im Publikum zu kanalisieren.

Wie nötig solche Vorsicht ist, zeigt eine kuriose Episode: Da bewirbt sich der AfD-Spitzenkandidat aus Bremen, Olaf Kappelt, unter falschem Namen und mit Perücke bei Sabine Zimmermann, der sächsischen Spitzenkandidatin von BSW, um Aufnahme. Er wird in einem WhatsApp-Post erkannt und enttarnt. Wäre er schon in die Partei aufgenommen worden, so Sahra Wagenknecht, wäre man ihn nie wieder losgeworden.

Die Überläufer – Sabine Zimmermann und Katja Wolf

Sabine Zimmermann ist eine der Protagonistinnen der noch jungen Partei - Katja Wolf die andere. Die ehemalige Linken-Politikerin und Oberbürgermeisterin aus Eisenach hat sich den Wechsel nicht leichtgemacht, hat ihre Parteikollegen, darunter Bodo Ramelow, schwer enttäuscht - und ist nun die einzige, die Wagenknecht auch widerspricht und Paroli bietet, etwa als es um den viel kritisierten Boykott von Wolodymyr Selenskyis Rede im Deutschen Bundestag geht. „Ich wäre sitzen geblieben“, sagt Katja Wolf.

Kontrahentin: Die ehemalige Oberbürgermeisterin von Eisenach, Katja Wolf, begrüßt die Parteichefin Sahra Wagenknecht. Katja Wolf wechselte von DIE LINKE zum BSW. Sie führt den Landesverband in Thüringen an - und wagt der Parteichefin auch zu widersprechen.

Kontrahentin: Die ehemalige Oberbürgermeisterin von Eisenach, Katja Wolf, begrüßt die Parteichefin Sahra Wagenknecht. Katja Wolf wechselte von DIE LINKE zum BSW. Sie führt den Landesverband in Thüringen an - und wagt der Parteichefin auch zu widersprechen.

ZDF und Thomas Riedel

In solchen Momenten ist man tatsächlich „inside“ dabei, erfährt einiges aus dem Inneren dieser seltsamen neuen Partei. Man sitzt mit Sahra Wagenknecht im Hinterzimmer beim Italiener am Brandenburger Tor und sieht, wie sie eine Garnelenpizza bestellt, nachdem sie gerade über die gut situierten Großstadtakademiker gelästert hat.

Man sieht, wie Sabine Zimmermann bei ihrem ersten Parteitreffen an der Zoom-Technik scheitert, wie Katja Wolf mit ihren Kollegen das Spitzenduell zwischen Björn Böcke von der AfD und Mario Voigt von der CDU im Fernsehen verfolgt und wie Jörg Scheibe als Quereinsteiger seine erste Rede übt. Und man erfährt, woher die fünf Millionen-Spende kommt - von dem Unternehmer-Ehepaar Lotte Salingre und Thomas Stanger aus Mecklenburg-Vorpommern.

Frauen und Männer in der Politik

Es gibt auch entlarvende Situationen: Man erlebt, wie der ehemalige Düsseldorfer OB Thomas Geisel Sahra Wagenknecht zum Wahlkampf auf dem Fahrrad überreden will und wie der ehemalige TV-Moderator Steffen Quasebarth als frischgebackener Pressesprecher Journalisten abbügelt. Und man ist bei der Europawahl dabei, wenn Oskar Lafontaine und Klaus Ernst im Auto über Ursula von der Leyen und Annalena Baerbock lästern, während Wagenknecht in die Ecke gequetscht, die Hochrechnungen verfolgt. Es ist auch immer ein Film über Frauen und Männer in der Politik, und als solcher höchst entlarvend im Karneval der Eitelkeiten.

Wer ist hier die Hauptfigur? Oskar Lafontaine (l.), Klaus Ernst (M.) und Sahra Wagenknecht (r.) auf dem Weg zur BSW-Wahlparty bei der Europawahl im Juni 2024.

Wer ist hier die Hauptfigur? Oskar Lafontaine (l.), Klaus Ernst (M.) und Sahra Wagenknecht (r.) auf dem Weg zur BSW-Wahlparty bei der Europawahl im Juni 2024.

ZDF und Thomas Riedel

Kommentiert werden die Passagen von außerhalb von Journalisten wie Melanie Amann vom „Spiegel“, Martin Machowecz von der „ZEIT“, Martin Debes vom „Stern“ oder Paul Ronzheimer von der „Bild“-Zeitung. Und von Wissenschaftlern wie Steffen Mau oder dem Osteuropa-Experten Karl Schlögel, der Wagenknecht bei „Anne Will“ ungewöhnlich aggressiv eine „Bewirtschafterin der Angst“ und „Putins Stimme in Deutschland“ nennt. Kritik wird in diesen Passagen sehr deutlich, oder in eingeblendeten Schlagzeilen. Die beiden ZDF-Autorinnen selbst halten sich zurück.

Denn welche Zugeständnisse sie der kontrollwütigen Wagenknecht, die normalerweise jeden Kamerawinkel überprüft, machen mussten, bleibt offen. Irgendwann, als Wagenknecht sich mit ihren Getreuen in Widersprüche verstrickt, zuckt jemand zusammen: „Da ist ja eine Kamera dabei“ - um dann beruhigt festzustellen: „Ach, das sind ja nur die, die uns die ganze Zeit begleiten.“ Sie haben das Phänomen Sahra Wagenknecht bei aller Nähe nicht ergründet - aber eine Momentaufnahme einer Zeit geliefert, die nicht nur Wagenknecht selbst als Zeitenwende sieht.

„Inside Bündnis Wagenknecht“, 5 Folgen in der ZDF-Mediathek, im ZDF am 9. Oktober, 20.15 Uhr, in gekürzter Version