Dass es so schwierig werden würde, hatten sich alle Beteiligten wohl nicht gedacht: Als im vorigen Herbst die Entscheidung fiel, statt des inzwischen in private Hände verkauften Schlosses Lieberose nun Schloss Altdöbern für die internationale Kunstausstellung Rohkunstbau zu nutzen, schien dies eine ideale Lösung. Das Schloss mit interessanter Geschichte und bedeutender Ausstattung war von der Brandenburgischen Schlösser GmbH zu großen Teilen saniert worden. Berliner Kunstfreunde und Anwohner, die sich an frühere Nutzungen erinnern, könnten gleichermaßen angesprochen werden.

Kein Bild darf an die Wand gehängt werden

Allein, teilsaniert heißt eben auch: Es gibt jede Menge Vorgaben. Nichts an die sorgsam rekonstruierten Barockwände mit ihren Bildmedaillions, Tapeten und Stuckmarmorflächen hängen, manche Räume aus statischen Gründen nur mit maximal zehn Personen betreten, dulden, dass das Haus während der Laufzeit der Ausstellung auch von anderen für Veranstaltungen genutzt wird und ein maximaler Ausstellungsbesuch von 60 Minuten. „Eigentlich geht das so überhaupt nicht“, sagt Arvid Boellert, Mitbegründer des seit 1994 stattfindenden Kunstspektakels. Und das, obwohl sie doch schon einige sanierungsbedürftige Häuser im Laufe der Jahre zum Leben erweckt und Erfahrung mit schwierigen Locations haben.
Dialog zwischen Barock und Moderne: Katja Strunz’ "Ausdehnung" (vorn) und "Pharaoh’s Dance", beide 2022
Dialog zwischen Barock und Moderne: Katja Strunz’ „Ausdehnung“ (vorn) und „Pharaoh’s Dance“, beide 2022
© Foto: Roland Horn, Courtesy: Galerie CFA Berlin
Kuratorin Heike Fuhlbrügge spricht demnach auch von einer „Housewarming Party“ und einer Geisteraustreibung, wenn sie die diesjährige Konstellation beschreibt. Und die Künstler nehmen es ohnehin gelassen: Katja Strunz, die im Marmorsaal mit seinem schönen Himmelsfresko zwei Stahlskulpturen aufgestellt hat und sich damit Gedanken über die Öffnung und Verschließung des Raumes macht, sieht es mit Humor, dass zum Schutz von Wänden und Böden kurzfristig Bodenplatten und Absperrbänder eingerichtet wurden.

Viele Arbeiten reflektieren noch die Corona-Zeit

„Zukunft. Ins Offene“ hat sich die diesjährige Ausstellung als Motto gewählt, und ins Offene, auch Ungewisse, geht es in mehrerlei Hinsicht. Nicht nur reflektieren mehrere Künstlerinnen und Künstler die zurückliegenden Corona-Jahre, wenn sie wie Ahmet Ögüt „Artworks made at home“, Kunstwerke, die zu Hause entstanden, präsentieren. Es geht mit Blick in die Zukunft auch um Elementares, etwa wenn Markus Schaller auf seiner dreiteiligen Videoarbeit Kohlestaub wie Nebel vorbeiwirbeln lässt, Patricia Detmering sich in ihrer Augmented-Reality-Installation mit dem Feuersalamander und der DDR-Umweltschutzbewegung auseinandersetzt oder Simryn Gill aus vielen kleinen Schwüngen eine große Welle auf altes Rechenpapier zeichnet.
Am spürbarsten jedoch ist, wie sehr der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen ist – wenn die Spanierin Francesca Martí einen „Träumer“ in Denkerpose in den großen Lichthof setzt oder Rainer Fetting, Cindy Sherman, Thorsten Brinkmann und Brett Charles Seiler mit Geschlechtszuschreibungen und Identitäten spielen. Den frechsten Kommentar hat Anna K.E. aus Georgien in die Prachträume des Schlosses gesetzt: Sie posiert sich vor der Kamera und spuckt so lange auf das Objektiv, bis alles im feuchten Nebel verschwindet.
Doch so anregend die 16 künstlerischen Positionen sind – gut möglich, dass ihnen der Ort am Ende doch die Schau stiehlt. Noch ist das Gebäude im seltsamen Zwischenstand, mit schon rekonstruierten Prachtgemächern und einem im Rohbau befindlichen „Backstage“-Bereich. Die Chance, in die sonst nicht zugänglichen Innenräume zu gelangen, sollte man sich nicht entgehen lassen. Die frisch restaurierten barocken Putten des sächsischen Hofbildhauers Christian Kirchner im Lichthof kann man auch bewundern. Man wolle im kommenden Jahr unbedingt wiederkommen, am liebsten für immer, erklärt Arvid Boellert für den Verein der Freunde des Rohkunstbaus. Wer weiß, vielleicht schaut der Landrat ja auch einmal vorbei, wünscht sich der Organisator.

„Rohkunstbau 27“, Schloss Altdöbern, bis 30. Oktober, Sa/So 12–18 Uhr, Tickets unter www.rohkunstbau.net

Seit 1994 – die Ausstellung Rohkunstbau

Die Kunstausstellung Rohkunstbau fand erstmals 1994 in einer nie fertiggestellten Betonhalle in Groß Leuthen statt – daher der Name Rohkunstbau. Nach wechselnden Stationen wie dem Wasserschloss Groß Leuthen, der Villa Kellermann in Potsdam sowie den Schlössern Sacrow und Marquardt fand sie 2017 bis 2020 im Schloss Lieberose statt. Konzept ist jeweils, dass sich internationale Künstler unter einem Generalthema mit Ort und Region, aber auch mit allgemeineren Themen der Zeit befassen. In diesem Jahr steht die von Heike Fuhlbrügge kuratierte Ausstellung in Schloss Altdöbern unter dem Motto „Zukunft. Ins Offene“. Sie läuft bis 30. Oktober.