Von Irene Constantin

Am Staatstheater Cottbus feierte am Sonnabend die anlässlich des Fontane-Jahres entstandene Oper „Effi Briest“ von Siegfried Matthus ihre Uraufführungs-Premiere. Alexander Merzyn dirigierte das von Jakob Peters-Messer inszenierte Werk. Liudmila Lokaichuk war eine Idealbesetzung der Effi.

Siegfried Matthus komponierte eine Oper, ein Alterswerk, der Komponist ist über 80. Gab es schon. Als der „Falstaff“ uraufgeführt wurde, war Verdi ebenfalls 80 Jahre alt. Der „Falstaff“ ist ein heiteres Alterswerk, hurtiges Parlando, voller Anklänge an die vielen früheren Opern des Komponisten. Wie steht es nun mit „Effi Briest“? Eine Elegie. Wir kennen ja unseren Fontane, der seiner literarischen Heldin einen frühen Tod aus Einsamkeit und Lebensleere erdichtete. Siegfried Matthus und sein Librettist Frank Matthus, Sohn des Komponisten, folgten dem Dichter ziemlich genau. In etwa 50 kurzen Szenen wird Effis Romanleben musikalisch lebendig. Und natürlich herrscht auch hier der elegische Grundton. Effis Tod umklammert als Prolog und Epilog das Werk. Wer war Schuld? – das ist „ein zu weites Feld“, wir wissen es.

Aber, siehe „Falstaff“, Alterswerke sind unbedingt heiter. Matthus‘ Heiterkeit liegt im außerordentlich aufgelichteten Klang fast des gesamten Werkes. Das Vorspiel schon ist zarte Kammermusik, Holzbläser, Solo-Violine. Wie Verdi im „Falstaff“ auf seine früheren melodischen Erfindungen verweist, so tut es Matthus mit seinen Lieblings-Klangmischungen. Zuallererst ist da der lebendig klare Ton hoher Frauenstimmen, wenn möglich im Ensemble. Effis Freundinnen Bertha, Hertha und Hulda sind die idealen Verkörperungen dieses speziellen Sounds. Sie singen ein für junge Mädchen im 19. Jahrhundert ziemlich freches Liedchen.

Die eigentliche hohe Frauenstimme gehört natürlich Effi selbst. Liumila Lokaichuk, der die Partie vermutlich in die Kehle komponiert wurde – alter Opernbrauch seit Händels Zeiten – ist sängerisch, spielerisch, figürlich eine Effi wie aus dem Bilderbuch. Wer noch den DDR-Fernsehfilm gesehen hat, muss sich an Angelica Domröse erinnert fühlen.

Lokaichuk trifft stimmlich und spielerisch immer genau den schmalen Grat zwischen jugendlicher Naivität und Unbefangenheit des jungen Mädchens und ihrer Ängstlichkeit und Abhängigkeit als Gattin. Effi idealisiert sich ihre Ehe zurecht und spürt doch mehr und mehr deren Hohlheit. Matthus unterstreicht das alles mit ausgedünnter Klanglichkeit, hoch und hell, aber irgendwie hohl, zum Beispiel beim Toast auf das familiäre „Du“ zwischen Briest und Instetten. Auf Effis substanzloses Leben verweisen auch die kurzen Zwischenspiele, sehr dezente Musik, ein Harfensolo – ebenfalls ein Matthus-Lieblingsklang – und auch ein Orgelsolo gibt es.

Der andere Matthus, donnernde Paukenwirbel, aufschreiendes Blech, ist selbstverständlich auch zu hören. Nach dem effektvoll stummen Duell zwischen Innstetten und Crampas knallt es förmlich durch den Saal. Auch Effis endliches Erwachen, die Erkenntnis der ihr angetanen seelischen Schändlichkeiten durch Instetten und ihre Mutter untermalt eine aufgewühlte, dröhnend wahrhaftige Musik. Man hört hier einen Verweis auf das Vorbild der Effi-Figur, Baronin Elisabeth von Ardenne, die ein tätiges Leben führte und 98 Jahre alt wurde. Musikalisch klingt die Erinnerung an Matthus‘ frühen Opernerfolg mit Rilkes „Cornet“ an. Zum Schluss noch einmal, traumzart wiederholt, die lichten Frauenstimmen. Lebensleichte musikalische Versöhnlichkeit.

Liudmila Lokaichuk als Effi ist nicht genug zu preisen! Andreas Jäpel als Innstetten. Anfangs fällt es ihm gar nicht so leicht, seinen sympathisch lebendigen Bariton in das Korsett eines oberlehrerhaften Bürokraten zu pressen. Die abgefeimte Freundlichkeit gegen seine junge Frau gelingt schon besser und die nur einen Moment lang schwankende Ehren-Härte gegen Frau und Tochter ist absolut eindringlich.

Der Figur des Crampas allerdings misslang die Aufführung gründlich, was nicht an dem innigen Liebesduett lag, das Librettist und Komponist dem Paar Crampas, Effi spendierten, was auch nicht an Jens Klaus Wilde lag, der die Partie von der Seitenbühne sang, sondern an Martin Shalita, der stocksteif und von aller Regie verlassen hilflos auf der Bühne herumstand.

Die vielen weiteren Figuren dieser Roman-Oper führte Jakob Peters-Messer solide durch die Handlung. Alexander Merzyn hatte ein in ständiger Verwandlung begriffenes Kammerensemble zu leiten. Er hielt das vorherrschende langsame Tempo am Laufen und ziselierte die mannigfachen feinen Tonmischungen mit aller Delikatesse heraus. Eine Uraufführung, ganz für das geneigte Publikum.