Von Daniel Schauff

Allein der Name klingt wie Musik. Liudmila Lokaichuk. Am regnerischen, windigen Mittwoch hat sie auf ihrem Lieblingsplatz im Tellheim Platz genommen.

Das rote Sofa kennt sie. Die Sopranistin gehörte zum Opernensemble am Staatstheater Cottbus. „Sie schafft stimmlich betrachtet die Balance zwischen knisternder Erotik, schmachtend, fordernd, zuweilen auch flehend und zu Tode betrübt“, schrieb RUNDSCHAU-Redakteur Rüdiger Hoffmann damals über einen ihrer Auftritte. Welch große Worte für eine so zierliche Frau.

Seit 2012 steht die Russin aus Angarsk auf internationalen Opernbühnen. Die Anspannung vor einer Premiere scheint ihr bisher nicht abhanden gekommen zu sein. „Das ist die schönste Zeit“, sagt sie über die letzten Tage vor der Premiere. Am Sonntag steht sie als Effi Briest auf der Bühne im Staatstheater. Für die Inszenierung kehrt sie an ihre alte Wirkungsstätte zurück. 2018 hatte sie Cottbus verlassen und ist seitdem festes Ensemblemitglied an der Oper Halle.

„Jede Sängerin träumt von so einer Rolle“, sagt Liudmila Lokaichuk über Effi Briest. Die Entwicklung der Figur während der zwei Stunden auf der Bühne sei es, die sie so reizt. In Effi, sagt sie, erkenne sie auch sich selbst. Theodor Fontanes berühmteste Figur sei eine sehr starke Persönlichkeit, die ihrem Charakter und ihrem Willen treu bleibe.

Wenn Liudmila Lokaichuk über ihre Zeit in Russland erzählt, wird deutlich, was sie meint. Für ihre Ausbildung als Sängerin am Konservatorium in Jekaterinburg musste sie ihre Heimatstadt Angarsk verlassen. 42 Autostunden lagen zwischen ihr und ihrem Zuhause. Der Wille, Sängerin zu werden, war stärker als die Sehnsucht nach der Heimat.

Vor drei Jahren hat sie sich entschieden, nach Deutschland zu ziehen. „Ich habe meine Familie seit zweieinhalb Jahren nicht gesehen“, erzählt sie. Das sei eben der Preis für ihren Traum. Und den träumt sie immer noch.

Wenn sie über ihren bevorstehenden Auftritt als Effi Briest spricht, glänzen ihre Augen. Es sei ein bisschen so, als entstehe ein Stück Geschichte. „Effi Briest“ ist eine Erstaufführung. Siegfried Matthus hat sie im Auftrag des Staatstheaters im Fontanejahr geschrieben – und ­Liudmila Lokaichuk auf den Leib.

Die beiden kennen sich. 2014 und 2016 trat Liudmila Lokaichuk bei den Fontane-Festspielen in Neuruppin auf, sang die Grete Minde, in Matthus’ gleichnamiger Oper die Hauptrolle. Bereits 2013 bei ihrem Debüt in Deutschland war sie Rosina in „Der Barbier von Sevilla“, inszeniert von Frank Matthus. Letzterer, Sohn von Siegfried Matthus, schrieb das Libretto zu „Effi Briest“.

„Das ist kein Mozart“, sagt Liudmila Lokaichuk über die Musik von Matthus. Der breche mit Konventionen, es brauche ein wenig, bis die Musik beim Hörer ankommt. Dann aber, sagt die Sängerin, sei sie wunderbar, modern, so wie Oper sein darf.

Die Geschichte um die junge Effi ist eine der bekanntesten der deutschen Literaturgeschichte. Zahllose Schüler haben sich durch den Stoff gequält. In Russland, sagt Liudmila Lokaichuk, sei die Geschichte von Fontane zwar bekannt, es gebe auch russische Übersetzungen, den Stellenwert, den „Effi Briest“ in Deutschland aber habe, habe Fontanes Werk in ihrem Heimatland nicht. Effi ist 17, als sie den doppelt so alten Baron von Innstetten nach dem Willen ihrer Mutter heiratet. Der aber kümmert sich nicht um seine Ehefrau, sie lässt sich auf eine Liebschaft mit einem Offizier ein. Als von Instetten Jahre später davon erfährt, verstößt er seine Frau, tötet den Offizier im Duell. Auch Effis Eltern verstoßen sie.

„Man muss sich vorstellen, man würde uns die heutige Freiheit wegnehmen“, sagt Liudmila Lokaichuk. Allein dieser Gedanke mache die Vorlage auch heute noch so aktuell. Effi nimmt sich Freiheiten, der Preis dafür aber ist hoch. Damit rückt die Oper auch das Bild der Frau in den Fokus, nicht nur in Zeiten Fontanes.

„Effi Briest“ feiert am Samstag um 19.30 Uhr Premiere am Staatstheater. Weitere Vorstellungen: Donnerstag, 24. Oktober, 19.30 Uhr; Donnerstag, 31. Oktober, 19 Uhr; Freitag 22. November, 19.30 Uhr; Sa 21. Dezember, 19.30 Uhr. Karten gibt es beim Besucherservice des Staatstheaters, unter www.staatstheater-cottbus.de, unter Telefon 0355 7824242 und in den Ticketshops der LAUSITZER RUNDSCHAU.