Im Spielfilmwettbewerb des aktuellen Festival-Jahrgangs sehen wir nicht wenige Menschen, die den Kanal voll haben, die aufbegehren. Es sind Einzelkämpfer aller Altersklassen – gegen Konventionen und Gentrifizierung, Korruption und rechtsextreme Netzwerke, die eigene Familie und den Staat. Und dabei auch immer wieder auch gegen sich selbst.

Anders gesagt: „2019 prägen die Arbeiten vieler junger Regisseure den Wettbewerb des Filmfestivals Cottbus. Die gehen ihre Themen ohne Umwege an, bisweilen genauso direkt wie ihre Protagonisten, die sich gegen den Stress wehren, der auf ihnen lastet“, erklärt Festival-Programmdirektor Bernd Buder. „Zwischen Polit-Thriller und ironischen Untertönen kommen Biografien von Menschen auf die Leinwand, die zuweilen sehr stürmisch auf Gerechtigkeit drängen. Doch die hat viele Seiten – und so ist es mit einem einfachen Dagegensein nicht getan. Das osteuropäische Kino bleibt seiner Tradition treu, besonders genau hinter die Kulissen zu blicken, Widersprüche zu verhandeln und dabei auch mal schnell die Tonlage zu wechseln.“

Full Moon

Seine Weltpremiere feiert in Cottbus „Full Moon“, das Spielfilmdebüt des bosnischen Regisseurs Nermin Hamzagic. Sein Held: der junge Polizist Hamza. Auf dem Revier warten die üblichen Problemfälle auf ihn. Während seine Kollegen diese meist mit Bestechungsgeldern lösen, entscheidet sich Hamza, aus dem korrupten Zirkel auszusteigen.

Nationalstraße

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Mit der Internationalen Premiere von „Nationalstraße“ kehrt der Tscheche Stepán Altrichter („Schmidke“) nach Cottbus zurück. Altrichters zweiter Spielfilm ist eine Mentalitätsstudie über Befindlichkeiten im 30. Jahr nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Sein Protagonist, der Wutbürger Vandam, lebt in einer Plattenbausiedlung am Rande von Prag. Hier hat er seine Kindheit verbracht, hier ist er zu Hause. Als seine Stammkneipe der Gentrifizierung zum Opfer fallen soll, handelt er.

Mit einem scharfen Messer

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Teodor Kuhns Spielfilmdebüt „Mit einem scharfen Messer“ (Slowakei, Tschechien) ist von einem bis heute unaufgeklärten Mord im Jahre 2005 inspiriert. In dem Polit-Thriller verrennt sich ein Vater, der Gerechtigkeit für seinen von Neonazis erstochenen Sohn will, in einem ungleichen Kampf mit dem undurchsichtigen Justizapparat.

Die Stimme

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Im Zentrum von Ognjen Svilicics viertem Spielfilm „Die Stimme“ (Kroatien, Serbien, Nordmazedonien) steht der 17-jährige Goran. Er wird von seiner Mutter in ein katholisches Internat geschickt. Dort wird er zum Außenseiter, denn er ist nicht gläubig.

Schwester

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„Schwester“ (Bulgarien, Katar) ist der zweite Spielfilm von Svetla Tsotsorkova: Um ihrem langweiligen Alltag zu entfliehen, erzählt die junge Rayna vorbeikommenden Touristen, ihre Familie wäre brutal von der Mafia ermordet worden – und andere abenteuerliche Lügenmärchen. Bis der Freund ihrer großen Schwester eingesperrt wird. Rayna eilt ihm zu Hilfe . . .

Love Cuts

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In „Love Cuts“ (Serbien, Kroatien) von Kosta Dordevics wütet sich das Mädchen Aja durch Belgrad. Die Mutter nervt, ihr Freund hat keine Lust mehr auf sie, man schreit sich an, man trennt sich. Aggressionen liegen in der Luft.

Die Abenteuer von Sukran der Lahmen

Noch extremer geht’s in „Die Abenteuer von Sukran der Lahmen“ des Türken Onur Ünlü zu. Hier geht eine Menge schief, und es wird schnell mal gestorben. Aber alles ohne Worte.

Die Sonne geht über mir nie unter

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Es geht auch anders: „Die Sonne geht über mir nie unter“ von Lyubov Borisova aus Russland könnte ein Publikumsliebling werden. Der junge YouTuber Altan wird auf eine jakutische Insel geschickt und trifft auf den Einsiedler Baibal, der glaubt, bald sterben zu müssen. Da entwickelt sich was!

Bleibt alles anders?

Anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls spürt das Festival in der Sektion „Bleibt alles anders?“ dem Filmschaffen der 1990er-Jahre in (Ost-)Deutschland, der Slowakei und Tschechien nach. Die Reihe „erzählt die Geschichten von Menschen und ergründet Identitätsfragen, die heute neu verhandelt werden müssen“, sagt Kuratorin Cornelia Reichel. „Die Erfolge rechtspopulistischer Parteien und ein allgemeines Protestverhalten stellen gerade in Ostdeutschland eine immer größere Herausforderung für die liberale Demokratie dar.“

Runde Tische – Die Gremien der friedlichen Revolution

Michael Erlers Film „Runde Tische – Die Gremien der friedlichen Revolution“ erlebt am 9. November um 14 Uhr im Obenkino seine Weltpremiere in Cottbus. Der Streifen ruft ein einzigartiges politisches Experiment in Erinnerung: Nach dem Ende der DDR kamen Bürgerrechtler, Politiker, Theologen und Oppositionelle am Runden Tisch zusammen, um den gesellschaftlichen Wandel zu moderieren. Damals beteiligte Akteure wie Rainer Eppelmann, Wolfgang Tiefensee und Gregor Gysi reflektieren ihre Erfahrungen.

Gundermann Revier

Extra-Tipp: Grit Lemkes Porträt „Gundermann Revier“ am Freitag, 13 Uhr im Obenkino und am Sonntag, 12 Uhr, in der Stadthalle.