NS-Raubkunst in Berlin: Berühmter Brunnen wird für Millionensumme versteigert

Kurzzeitig im Garten der Villa Grisebach in Berlin aufgestellt: der Tänzerinnen-Brunnen von Georg Kolbe
Christina Tilmann- Kolbes Tänzerinnen-Brunnen wird in Berlin versteigert – Schätzung 1 bis 1,5 Mio. Euro.
- Der Brunnen krönt eine Tänzerin; drei Atlanten tragen die Schale, Gesamthöhe über drei Meter.
- Auftraggeber waren Heinrich und Jenny Stahl, deren Villa 1941 unter Druck verkauft wurde.
- Die Erben ließen das Werk nach Restitution im Frühjahr versteigern; Auktion in der Villa Grisebach.
- Nach Kriegswirren vereinte das Kolbe-Museum ab 1978 Figur und Becken wieder im Garten.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
In der Alten Nationalgalerie empfängt sie die Besucher mit ausgebreiteten Armen - die Skulptur einer Tänzerin des Berliner Bildhauers Georg Kolbe von 1911/12. Fast lebensgroß, der üppige Haarschopf zurückgeworfen, der schlanke Körper ist Eleganz pur. Vermutlich diente die Tänzerin Charlotte Kaprolat, spätere Ehefrau des Malers Max Pechstein, als Inspiration. Wer aktuell zur großen Paul Cassirer-Ausstellung die Treppe der Nationalgalerie emporschreitet, kommt an ihr vorbei.
Eine Schwester dieser Tänzerin-Skulptur hat eine dramatischere Geschichte hinter sich. Der Brunnen, den Georg Kolbe 1922 für das Berliner Industriellen- und Kunstmäzenpaar Heinrich und Jenny Stahl entwarf, wird ebenfalls von einer Tänzerin bekrönt: noch etwas expressiver, die Arme weit auseinandergespannt, der ganze Körper in S-Form geschlungen, balanciert sie graziös auf einem Fuß über einer Brunnenschale, die von drei Atlanten getragen wird.
Aktuell steht dieser Brunnen im Garten der Villa Grisebach in der noblen Fasanenstraße unweit des Kurfürstendamms. Immer wieder kommen in den Tagen der Vorbesichtigung neugierige Passanten herein.
Schätzpreis bei der Versteigerung ist 1 bis 1,5 Millionen Euro
In der Villa Grisebach wird das Werk von Georg Kolbe am Donnerstag (4.6.) Abend versteigert. Der Schätzpreis liegt bei 1 bis 1,5 Millionen Euro. Eine Statue von Georg Kolbe hatte im vergangenen Jahr einen Rekord von 1,42 Millionen Euro erbracht. Es darf also vermutet werden, dass auch der Brunnen im siebenstelligen Bereich landen wird.
„Es hat uns wahrscheinlich geholfen, dass die Kolbe-Versteigerung 2025 so ein Erfolg war“, bestätigt Markus Krause vom Auktionshaus Villa Grisebach. Mehrere Häuser hatten sich um das Werk beworben, nachdem die Erben von Heinrich und Jenny Stahl sich im Frühjahr entschlossen hatten, den Brunnen versteigern zu lassen. Erst im März 2026 war er, nach längeren Debatten und Gesprächen durch die Georg Kolbe Stiftung an die Erben restituiert worden.
Doch nicht nur um ein herausragendes Kunstwerk geht es, sondern auch um einen bedeutenden Menschen. Daran erinnert Hermann Simon, der langjährige Direktor des Centrum Judaicum in Berlin, der seit 1993 zum Thema forscht. Denn Heinrich Stahl (1868 - 1942), der den Brunnen in Auftrag gab, war Direktor der Victoria-Versicherung, Kunstsammler, ab 1933 Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Vom Architekt Paul Baumgarten, der auch Max Liebermanns Haus am Wannsee erbaute, ließ er sich in Dahlem eine luxuriöse Villa erbauen - im Garten stand der Kolbe-Brunnen.

Die Villa von Heinrich Stahl in Berlin-Dahlem. Im Garten war der Kolbe-Brunnen der Blickfang.
Gaby Lansing/Los Angeles/Villa Grisebach1941 musste er die Villa unter Druck der nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen an den bulgarischen Konsul Theodor Dimanow verkaufen. 1942 werden Heinrich und Jenny Stahl nach Theresienstadt deportiert, Heinrich starb dort am 4. November 1942 an einer Lungenentzündung. Seine Frau Jenny emigrierte nach dem Krieg in die USA und starb 1967 97-jährig dort.

Heinrich und Jenny Stahl bei der Bat Mizwa ihrer Enkelin 1938 in Brüssel
Gaby Lansing/Los Angeles/Villa GrisebachDer Katalog, den die Villa Grisebach zur Versteigerung herausgebracht hat, zitiert Heinrichs Abschiedsbrief, den er an seine Kinder und Enkelkinder schrieb. „Wir gehen ohne Hass in die Verbannung & werden trotz allem versuchen am Leben zu bleiben um Euch - wenn es der Himmel so fügen wird - wiederzusehen“, heißt es dort. Der Wunsch ging nicht in Erfüllung. Die Erben, die das Werk jetzt versteigern lassen, schrieben im Katalog, dass sie dem Brunnen ein neues Heim wünschen, wo er genauso geschätzt und geliebt wird wie von ihrer Familie.
Schwierige Restitutionsdebatte und „gruseliger Ton“
Das klingt nach einem Happy End einer schmerzlichen Geschichte. Denn der Streit um Kolbes Tänzerinnen-Brunnen ist, wie einst der Streit um Ernst Ludwig Kirchners „Berliner Straßenszene“ oder Gustav Klimts Porträt der Adele Bloch-Bauer, auch ein Lehrstück der viel zu lange verschleppten Wiedergutmachung.
Nadine Bauer, die mit ihren Kolleginnen Isabel von Klitzing und Susanne Baunach die Geschichte des Brunnens recherchiert hat, ist noch immer geschockt vom „gruseligen Ton“ des Briefwechsels, den der damalige Eigentümer Theodor Dimanov gegenüber der Witwe Jenny Stahl anschlug. Nicht nur, dass er verschwieg, dass er die Tänzerin-Skulptur mit nach Spanien genommen hatte - er behauptete auch, alle auf dem Grundstück verbliebenen Gegenstände seien durch Luftangriffe zerstört worden.

Ist entsetzt vom „gruseligen Ton“ der Nachkriegs-Korrespondenz: Provenienz-Rechercheurin Nadine Bauer von der Villa Grisebach
Christina TilmannEs war das Kolbe-Museum und seine Direktorinnen Maria von Tiesenhausen und Ursel Berger, die 1973 aktiv nach dem Verbleib der Brunnenbestandteile zu suchen begannen. Die Figur der Tänzerin kauften sie schließlich von den Erben von Thodor Dimanov an, zum Brunnenbecken führte eine Zeitungsannonce, auf die hin sich die Bewohnerin eines Altersheims im Berliner Südwesten meldete: Vor ihrem Fenster stehe das Brunnenbecken, sie blicke jeden Tag darauf. „Da freut sich die Tänzerin - ihre Männer sind wieder da“, titelte die Bild-Zeitung 1978 nach der Wiedervereinigung des Brunnens im Garten des Kolbe-Museums im Berliner Westend.
Dort, im ehemaligen Atelier des Bildhauers, stand der Brunnen bis vor wenigen Wochen. Es war nicht ganz unkompliziert, das monumentale Stück mit einer Gesamthöhe von über drei Metern von dort in den Garten der Villa Grisebach zu verfrachten, berichtet Nadine Bauer. Mit einem Vortragsabend und einem Umtrunk am Brunnen ehrt das Auktionshaus noch einmal den Künstler und den damaligen Besitzer Heinrich von Stahl. Und dann beginnt mit der Versteigerung ein neues Kapitel.
Kunst aus der Zeit von Georg Kolbe in Berlin und Potsdam
Aktuell wird mit zwei wichtigen Ausstellungen in Berlin und Potsdam die Zeit beleuchtet, in der auch Georg Kolbe und Heinrich Stahl in Berlin lebten und wirkten. Die Alte Nationalgalerie feiert den Galeristen Paul Cassirer, der auch für Georg Kolbe der wichtigste Vermittler war. Es ist zu vermuten, dass auch Heinrich Stahl bei Cassirer kaufte. Im Barberini Museum in Potsdam wiederum wird aktuell Max Liebermann und sein Umfeld gefeiert. Auch mit Liebermann war Stahl gut befreundet, richtete ihm ein Jahr nach dessen Tod 1936 eine große Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin aus. Auch in der Liebermann-Villa am Wannsee, wie Heinrich Stahls Dahlemer Villa von Paul Baumgarten entworfen, ist aktuell eine Ausstellung zu Liebermanns Freundeskreis und Geschäftsbeziehungen zu sehen.

