Von Irene Constantin

„Keiner schlafe!“ – Ahnt jemand Ungutes, wenn er das Publikum schon in der Überschrift vor mangelndem Amüsiertsein warnt? Und was ist, wenn das strenge Gebot übertreten wird? – So schlimm kam es dann aber nicht beim musikalischen Hupfer ins neue Jahr.

Was heißt Hupfer? Heraus- und hineingestürmt wurde, und zwar mit der Starthilfe eines Geniestreichs sondergleichen, mit der Ouvertüre zu „Candide“ von Leonard Bernstein. Alles, was aus diesem Musical ins Blut geht, ist in der Ouvertüre kondensiert: gepfefferte Rhythmen, knallige Klangeffekte, softe Melodien. Alexander Merzyn teilte von allem reichlich aus. Nach dem letzten amerikanischen Paukenschlag ging’s dann aber unweigerlich los mit den Walzerschwüngen, Galoppaden und Teno(h)rwürmern aus dem weiten Wunderland der Tanzböden und Operettenbühnen.

Martin Shalita, seit dieser Spielzeit Cottbuser Ensemblemitglied, wagte sich frisch auf die Reise gen Osten und traf unterwegs Franz Lehár. „Das Land des Lächelns“, „Dein ist mein ganzes Herz“, muss man mehr sagen? Wen ergötzt es nicht, solches Bekenntnis von einem gut aussehenden Mann vorgeschmettert zu bekommen. Das hebt in höhere Sphären, aber wer glaubt, dort auf die Musikzauberer dieser Welt verzichten zu müssen, der irrt. „Sphärenklänge“ von Josef Strauss ist einer der schönsten Walzer aus der Wiener Tanzbodendynastie. Als ingenieurtechnischer Erfinder von zwei Straßenkehrmaschinen war Josef musikalisch doch ziemlich begabt; man konnte nach ungefähr 300 Josef-Strauss-Titeln das Tanzbein schwingen.

Richard Strauss gehört nicht zum Wiener Walzer-Imperium (mit dem „Rosenkavalier“ hat er höchstens mal von Ferne gegrüßt)! Sein Beitrag zum Jahreswechsel geisterte von Spanien aus durch die Welt, ist unsterblich und heißt „Don Juan“. Welch ein Prunkstück des 24-jährigen Komponisten; sein Held rast von Sieg zu Begierde, vom aufjubelnden Eingangsthema zur süßen Bläsermelodie, vom sieghaften Hornmotiv zum überraschend elegischen Schluss. Aus die Maus, Energie verraucht, sanftes Verdämmern in Moll. Keine donnernde Höllenfahrt wie bei Mozart, eher im Fernsehsessel Pilawa gucken. Tolles Hauptstück.

Dann mal wieder etwas Strauss, „Rasch in der Tat!“, „Bahn frei!“, dazu Rossinis finger- und bogentechnisch perfekt ausgaloppierter „Wilhelm Tell“ und ein augenzwinkernder Gruß mit Pomp und Circumstance hinüber zum gegenwärtig leicht verwirrten Inselvölkchen.

Und nun kam, was kommen musste, wenn im Umkreis von zehn Kilometern ein Tenor gesichtet wird. Prinz Kalaf tritt auf die Bühne und warnt die chinesische Bevölkerung, bloß nicht im Halbschlaf seinen Namen zu verraten. Denn er ist es, der siegen wird – vincero! Weil aber das Prinzenleben gefährlich und anstrengend ist, ziehen Tenöre gelegentlich ein Dasein incognito vor und leihen sich von Eduard Künnecke ein Kostüm als arme Wandergesellen. So könnten sie ihren Mädchen ganz ungestört eine zarte Gute Nacht singen – wenn das Cottbuser Philharmonische Orchester und Alexander Merzyn sie nicht massiv daran hindern würden. Viel zu laut wurde gegeigt und geblasen, man verstand, ja man hörte den Tenor nicht immer klar, und Shalita ist wahrlich kein lyrisches Zartstimmchen. Zu laut im Orchester, zu wenig dynamisch differenziert auch, das traf auf fast alle Nummern des Konzerts zu. An Frische und sattem Sound konnte man sich immer wieder erfreuen, Delikatesse und leise Töne hätte man selbst in diesem munteren, vielleicht ein wenig beliebig zusammengestellten, Programm auch mal gern gehört. Aber nicht zu viel meckern, schließlich gingen „Granada“ und „O sole mio“ schließlich runter wie gut gekühlter Champagner.