Von Ida Kretzschmar

„Zimmobilien“ stiften zum Übermut an. Selten war es vergnüglicher, „um die Häuser zu ziehen“, wie Jörg Sperling in seiner Laudatio zur Ausstellungseröffnung „Hausfreunde, Hausbesitzer und Hausbesetzer“ auffordert, die in die Kulturfabrik Hoyerswerda gekommen sind.

Nach 848 Tagen Kunstraum Braugasse, denen Ausstellungsmacher Michael Kruscha auch einen Katalog widmet, ist Dieter Zimmermanns Häusermeer nun die erste Schau im Jahr 2019. Und zugleich die elfte in dem noch neuen Kulturgebäude, in dem Architektin Dorit Baumeister den Wandel der Stadt aufzufangen versuchte.

Der 11. Januar aber ist ein besonderes Datum für Dieter Zimmermann, hat der Laudator herausgefunden. Genau vor 31 Jahren endete am 11. Januar eine Zimmermann-Ausstellung mit Hinterglasmalereien, Aquarellen und Druckgrafik in der Kleinen Galerie Hoyerswerda. Der Künstler, der heute im Spreewald beheimatet ist, hatte jahrzehntelang an der Grubenkante in einem alten Bauernhaus in Seidewinkel gelebt, unweit vom Hoyerswerdaer Ortsausgangsschild. Und so ist nun auch ihm dieser Hausbesuch nach langer Zeit ein besonderes Vergnügen. Dabei ist hier nur eine Auswahl seiner „Zimmobilien“ zu sehen. Er hat sie weit verstreut. So registriert man in Cottbus mit Schmunzeln am Eingang zum „Immobilien Center“ der Sparkasse Spree-Neiße „Geld, Gold, gute Worte und Zimmobilien“.

Unstillbar ist Zimmermanns Bauleidenschaft. Seine scheinbar sich ins Unendliche fortpflanzenden Behausungen transportieren Hoffnungen und Abgründe, auch Selbstüberhöhung der Menschen in, um sowie außer- und unterhalb der eigenen vier Wände.

Zimmermann, der gerade im Landesmuseum Cottbus „Die Quadratur des Spreewalds“ durchmaß, genauso gern Köpfe wie Bäume malt, sagt über seine Bildgebäude: „Häuser gehören zum Leben. Ich freue mich, wenn Betrachter ihre Gedanken weiterspinnen, darüber was draußen passiert, was drinnen.“

Dazu braucht es Zeit, Muße, Fantasie und Sinn für Humor. In diesen lichtdurchfluteten, offenen Räumen reihen sich Bildgebäude neben- und übereinander. Häuser als Symbol, zeichenhaft, comicartig, verspielt. Da steigt ein Phönix aus der Asche, lümmeln krumm gewachsene Gurken herum, balanciert ein Nashorn auf dem Giebel...Kopffüßler bauen eine Pyramide. Und ist da etwa ein Ufo fehlgelandet? Nicht nervenaufreibend ist diese Hausbetrachtung, sondern entspannend, weil doch in jeder Winzigkeit so viel zu entdecken ist, das vor allem Fröhlichkeit in die Gesichter zu zaubern vermag. „Eine augenzwinkernde Veränderung nur, und damit schon schafft der Maler Zimmermann eine wundersame Konkurrenz zum Netz-Marktführer Immobilienscout24“, macht Jörg Sperling aufmerksam. Mit einem extra dafür produzierten und gern verwendeten Zimmobilien-Stempel schaffe er letzte Gewissheit.

Ein „Hallo“ wirft ein Blatt von 1985 dem Betrachter entgegen. Oder gilt es jenen Plattenbaubewohnern, die aus den Fenstern schauen? Erst fast 20 Jahre später geht Zimmermanns Hausbau in die Vollen, wird er zum Häuslebildbauer, wie ihn Sperling nennt, um zu Reihenhäusern der anderen Art zu streben.

Nichts bleibt nur Fassade. Spitzbübig hintergründig, aber auch in bedrohlichen Tönen und unterschiedlichem Farbauftrag werden existenzielle Fragen aufgeworfen. Da geht es um Behauste und Unbehauste, um außerhäusige Tätigkeiten und um die Leiche im Keller, die vielleicht „Auf eigener Scholle“ vergraben ist. Erstmals das Kunstlicht der Welt erblickt hier „Der „Katastrophen-Schmalfilm. Der Turm zu Babel“. Ein farbkräftiger Bilderturm wie geschaffen für diese hohen Wände im Kunstraum. Und doch ein immer wiederkehrendes Zimmermannsches Motiv, heraufbeschworen an jenem unseligen 11. September durch die stürzenden Zwillingstürme.

Stundenlang vertiefen könnte man sich in Zimmermanns Häusermeer, das durchaus nicht unbeweglich, als Im-Mobil erscheint. Jörg Sperling, Kustos im Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus, empfindet: Diese Häuser sind „Lebenshülle, Veränderung, Stoff für den Zahn der Zeit…“ Zimmobilien eben.