Nationalsozialismus in Cottbus: Wie eine Jüdin in den 1930er-Jahren aus Deutschland floh
2023, im Mai. Ich suche in der Datenbank des Leo Baeck Institut nach bisher unveröffentlichten „Stolpertexten“ aus Cottbus. Ich lese den Bericht von Gerdy Stoppleman. Früher: Gerda Stoppelmann. Sie lebte mit ihrem Mann Günther und seiner Familie in der Lessingstraße. Ich lese den ersten Satz des Berichts und dann schnell bis zum Schluss. Was Gerdy schreibt und wie sie es schreibt (…), ich will es gar nicht zusammenfassen. Ich möchte sie selbst zu Wort kommen lassen.
„Es ist der 9. November 1938, 6 Uhr früh: Ein grauer, kalter Wintermorgen. Heftiges Klopfen an unserer Schlafzimmertür. Wir teilen eine 5-Zimmer-Wohnung mit meinen Schwiegereltern. Mein verschüchterter Schwiegervater führte zwei SA-Männer zu unserem Schlafzimmer.
Eintretend, befahlen sie meinem Mann, sich anzuziehen und mitzukommen, da er ins Stadtgefängnis eingeliefert werden sollte. Von ihnen beobachtet, half ich meinem Mann in warme Unterwäsche und Kleidung. Wir sprachen kein Wort, aber ich fühlte die Erschütterung meines Mannes, während ich versuchte, mein Zittern zu kontrollieren.
Zehn Minuten waren vergangen; ich sah – von unserem Balkon – meinen Mann und seinen 68-jährigen Vater in die ‚Grünen Minna‘ einsteigen – und schnell fuhr der Polizeiwagen in den noch dunklen Morgen. Ich versuchte, meine bejahrte Schwiegermutter, die unkontrollierbar weinte, ein wenig zu beruhigen – was sollte ich sagen?
So wurden in ganz Deutschland tausende von jüdischen Männern – deutsche Bürger – zu früher Morgenstunde verhaftet, ins Gefängnis gebracht. Sie waren keine Verbrecher – nur Juden, deutsche Staatsbürger, von jüdischen Eltern, in Deutschland geboren.“
Gerdys Mann und ihr Schwiegervater wurden in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht.
Repressionen nehmen in Deutschland zu
Der Winter 1938 hatte kalt, sehr kalt angefangen und blieb so für Monate der kälteste Winter seit zehn Jahren. Anfang Dezember fiel Schnee, und es schneite immer wieder. „Wir können rodeln – wir können Schifahren“, jubelten arische deutsche Kinder und Erwachsene.
Für die Gefangenen im KZ ein Todesurteil. Für die erlaubten 10 RM konnten sich die Häftlinge einen Teller Erbsensuppe oder Sauerkraut, gelegentlich auch ein Stück Hefekuchen kaufen. Zu übertriebenen Preisen – aber grässlicher Hunger wurde, wenigstens für eine Weile, ein klein wenig vermindert.
Gerdy bleibt in der Wohnung in der Lessingstraße. Sie schreibt: „Aber die Ereignisse zu Hause wurden schlimmer. Am nächsten Morgen teilte mir meine eingeschüchterte Schwiegermutter mit, dass wiederum mehrere SA-Männer heftig an der Haustür klopften. Sie stürmten in unsere Wohnung und befahlen mir die Schlüssel zu den Geschäftsräumen, die sich im Erdgeschoss befanden, auszuhändigen.
Wir hatten einen Großhandel in Woll- und Kammgarnstoffen. Nachdem ich vorschlug, dass ich selbst die Geschäftsräume aufschließen würde, führte ich die Gruppe ins Erdgeschoß, wo mich weitere acht oder zehn Männer, alle in Nazi-Uniform, erwarteten. Da wurde mir klar, was ihre Absicht war!
Zehn Minuten später war das von meinem Schwiegervater und meinem Mann aufgebaute Geschäftsunternehmen mutwillig und sinnlos zerstört. Geschäftsmöbel, Büro-Ausstattung, große und schwere Schneidemaschinen lagen in wüsten Trümmern – mit Hämmern und Eisenstangen waren die Nazis ausgestattet!“
Und weiter erinnert sich Gerdy Stoppleman: „Erst als ich dem „Führer“ mitteilte, dass in den Obergeschossen auch zwei arische Familien lebten, gab er den Befehl: „Sein lassen, kein Feuer legen“. Es wurde noch „Drecksjuden“ an Hauswände und Fenster geschmiert, dann ging die Schreckensgruppe weg. Ich stand und starrte – ohne Tränen. Nur mein Herz klopfte schnell und ich lehnte mich – Halt suchend – an eine zerbrochene Tür.
An diesem Tage wurden beinahe alle Synagogen vollständig verbrannt – die Thorarollen geschändet und geplündert. Als endlich, nach dem langen langen Tag der Abend fiel, leuchtete der Himmel immer noch rot.“
Flucht nach Südengland
Dass Gerdy es geschafft hatte, ihren Mann danach aus dem KZ zu befreien, war ein Zusammenspiel von Zufall und Glück. Einem Schwager, der „durch ein Wunder“ entlassen wurde, gelang es, ihren Mann auf eine Liste zu setzen, wonach Männer, die im KZ waren, ins Kitchener Camp an der Südküste Englands gebracht werden sollten.
Gerdy musste dem Lagerkommandanten schriftlich versichern, dass ihr Mann Deutschland innerhalb von drei Wochen verlassen würde. Sie tat es, er wurde entlassen: „Körperlich und seelisch sehr betroffen“. Es gelang ihm tatsächlich, nach England auszureisen.
Auch Gerdy bekam die Ausreisegenehmigung. Ihre Eltern nicht:
„Kurz vor meiner Abreise aus Deutschland kam die Nachricht, dass die Einreise meiner Eltern nach Südafrika zum zweiten Mal abgelehnt worden war, bei meinen Eltern in München an. Selbst heute noch, nach 50 Jahren, habe ich noch immer das traurigste Bild im Gedächtnis: als ich mich auf dem Flughafen außerhalb Münchens von meinen Eltern verabschiedete, sie zum letzten Mal umarmend und küssend, sah ich in ihren so traurigen Augen unendliche Hoffnungslosigkeit. Nachdem ich eine an Grausamkeit grenzende körperliche Untersuchung überstanden hatte, stieg ins Flugzeug ein – ich winkte meinen Eltern zu, und tapfer winkten sie zurück (…).
Im Jahr 1941, als sie in ein Vernichtungslager abtransportiert werden sollten, begingen meine Eltern Selbstmord – sie warfen sich unter die Räder des Zuges, in dem Minuten später hunderte von jüdischen Frauen, Männern und Kindern hineingepfercht wurden.“
Leicht zu ignorierende Spuren
Zurück nach Cottbus, in die Lessingstraße. Wie oft bin ich diesen Bogen gelaufen, im Winter die gepflasterte Straße lang, zum Arzt, oder zur Physiotherapie. Wie oft stand ich an der Ampel, um die Straße zu überqueren, um noch dies und das in der Spreegalerie zu besorgen.
Einmal bin ich nachts angetrunken mit Freundinnen und dem Fahrrad über die Straße gefahren. Ein Auto bremste, Reifen quietschten, der Schreck saß tief, war schnell wieder vergessen, fünf Minuten später tanzten wir in dem Club, der im Keller eines der Häuser geöffnet hatte. Ich fand 20 Euro auf der Tanzfläche.

Blick auf die Synagoge der Jüdischen Gemeinde von Cottbus (Brandenburg), fotografiert am 27.10.2015. Die Synagoge befindet ist in der ehemaligen evangelischen Schlosskirche von Cottbus.
Patrick Pleul/dpaDass es in dieser Stadt Stolpersteine gibt, das habe ich erst gelernt, als ich schon nicht mehr in ihr wohnte. In der Schule sprachen wir nie darüber, putzten sie nicht. Ich war auf einem Gymnasium. Im Geschichtsunterricht, in der 9. Klasse sahen wir ein Video zur Reichspogromnacht. Die Person, die beim Anblick der Bilder weinte, wurde ausgelacht. Die Geschichtslehrerin lächelte nur müde darüber und machte „scht scht“. Für die Witze, die wir uns auf dem Pausenhof erzählten, schäme ich mich heute.
„Jude, verrecke“ – nichts ist vergessen
Es ist der 13.09.2023. Aktuell steht die Alternative für Deutschland laut Umfrage für die Bundestagswahl bei 22 Prozent.

Bundespräsident Joachim Gauck gedenkt der Opfer der Pogromnacht 1938 an der ehemaligen Synagoge in Cottbus (Brandenburg) am 09.11.2016. Im Anschluss besuchte der Bundespräsident die neue Synagoge in Cottbus.
Patrick Pleul/dpaGerdy: „Es ist mir weder möglich, noch bin ich bereit, Deutschen, die während dieser Zeit [1933-45] in Deutschland gelebt haben, und Deutschland als Staat zu vergeben.
Die häufig gemachte Bemerkung: „wir wussten nicht – wir hatten keine Ahnung, was sich in den KZ. – Lagern abspielte“ ist eine Lüge! Das Verbrennen tausender Bücher von jüdischen Autoren, das In-Brand-stecken von Synagogen, die Gewaltmärsche jüdischer Männer – beinahe alle ältere Menschen – Plakate um den Hals hängend oder tragend mit der Aufschrift „Dreckjude“ und „Juda, verrecke“; jüdische Männer und Frauen, alle alte Leute, mit Hieben und Stößen gezwungen, den Schnee mit Zahnbürsten und auf den Knien liegend vom Bürgersteig zu kehren.
All dieser „mutige Sport“ geschah am hellen Tag und wurde von vielen Deutschen, auf dem Weg zur Arbeit oder hinter halb zugezogenen Gardinen, beobachtet. Es konnte nicht anders sein.“
Die Reihe „Stolpertexte“ auf der Buchmesse in Leipzig
Diese Geschichte entstammt der Reihe „Stolpertexte“ des Leo Baeck Instituts – New York | Berlin. Unter diesem Titel haben deutschsprachige AutorInnen und Autoren literarische Texte über Schicksale von Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus geschrieben, deren Lebenszeugnisse das Leo Baeck Institut seit 1955 sammelt und zugänglich macht.
Am 21. März 2024 wird dieses Projekt im Rahmen der Leipziger Buchmesse im Capa Haus Leipzig vorgestellt.



