Reinhard Stöckels „Kupfersonne“ ist pünktlich zur Leipziger Buchmesse aufgegangen. „Es ist das Buch, an dem ich gefühlt mein Leben lang geschrieben habe“, verrät der knapp 64-jährige in Maust lebende Schriftsteller. Die Leipziger Messehallen aber bleiben 2020 wegen der Coronakrise menschen- und bücherleer. Auch die Vorstellungstermine des Romans in Berlin und in Thüringen fallen erst einmal flach. Der Cottbuser Bücherfrühling ist gestrichen.

Ein sagenbehafteter Roman des Mauster Schriftstellers

Dennoch kann man den neuen, sagenhaften, auf alle Fälle sagenbehafteten Roman lesen. Im Internet ist er sowieso zu kaufen, und auch die regionalen Buchläden öffnen ja wieder. Und man kann sogar von ihm hören. Denn der Autor macht aus der Not eine Tugend. Darf er jetzt nicht mit seinen Lesern direkt zusammenkommen, so lädt er sie eben zu einer virtuellen Lesung seines neuen Romans ein, zu erleben auf Stöckels Homepage.

Die Geschichten liegen für Mauster Schriftsteller auf der Straße

Und so entführt der Schriftsteller seine Leser in ein Dorf im Mansfelder Land, wo der Kupferbergbau bis zur Wende zu Hause war. Dort, in der Nähe, damals im Thüringischen, ist er selbst aufgewachsen. „Die Geschichten liegen in meinem Heimatdorf auf der Straße“, sagt er. Reinhard Stöckel hat sie aufgesogen wie die Erzählungen seines Vaters, der gerade 90 geworden ist und sich freut, diese im Roman wiederzufinden.

Der Autor gestaltet die Verstrickung zweier Familien in die Geschichte des 20. Jahrhunderts als ein Triptychon: Die Seitenflügel spielen im heutigen Spanien und in der Franco-Zeit. Die Mitteltafel zeigt das Dorf der Kindheit. Enzthal nennt er es.

Durch einen sonderbaren Nebel wird es in den 1970er-Jahren zu einem utopischen Ort. Abgeschnitten von der Außenwelt scheint in einem Sommer der Freiheit alles möglich. Sogar ein Orangenbaum blüht. Nebelzeit – poesievoller lässt sich schwerlich vorwegnehmen, was später im Herbst 89 geschah. Der Sockel aber, auf dem ein dunkles Familiengeheimnis lastet, ist begründet im Dritten Reich.

Die Erzählstränge zu einem spannend zu lesenden Roman zusammenzufügen, ein schwieriges Unterfangen, das der Schriftsteller, der einst durch Lyrik zur Literatur fand, mit poetischer Kraft und bildreicher Sprache angeht. Einer kupfernen Leuchtspur folgend, die so vieles symbolisiert, findet er zwischen Heimat und Fremde, Traum und Wirklichkeit, das eine im anderen – angeregt durch den andalusischen Dichter Federico Garcia Lorca und seine Ballade „Orange und Zitrone“.

Der Mauster Schriftsteller kehrt zurück zu seinen Wurzeln

Jahrelang stöbert Reinhard Stöckel vorab in Chroniken, geht wie sein Ich-Erzähler Hartwig zu Fuß ein Stück des beschriebenen Pilgerweges, besucht die Orte in Spanien, die weit in die Vergangenheit führen, reflektiert Märchenhaftes, Gefundenes, Allegorisches, Legendäres, Erinnertes und Überliefertes.

Wie schon bei seinen viel beachteten Romanen „Der Lavagänger“, 2006 im Aufbau-Verlag erschienen, und „Der Mongole“, 2018 bei Müry Salzmann in Wien verlegt wie jetzt auch sein neuestes Werk, kehrt der Schriftsteller auch wieder zu seinen eigenen Wurzeln zurück. „Meine Kindheit gleicht einem Fossil. Ich grabe danach“, lässt er seinen Ich-Erzähler Hartwig in „Kupfersonne“ sinnieren.

Eine Sage wird zur Anregung für den Mauster Schriftsteller

Was Stöckel ausgräbt, sind Geschichten. „Erst aus den Geschichten kristallisieren sich für mich die Themen beim Schreiben heraus“, sagt er. In einem Sagenbuch von Ludwig Bechstein hatte er von einem Dorf in Thüringen gelesen, das aufgrund sündigen Lebens in die Erde versunken war. Alle 100 Jahre tauche es wieder auf.

Die Sage gab den Anstoß, ein Dorf zu beschreiben, das aus der Zeit fällt, und so nach Antworten zu schürfen auf die Frage: „Woher diese unausrottbare Sehnsucht nach einem utopischen Ort?“ Wüsste er die Antwort, hätte er den Roman nicht schreiben müssen. Was er spürt: „Ohne Traum käme man zwar ganz gut über den Tag, aber nicht über die Nacht, die dunklen Stunden“. Es sei „Wie eine Krankheit, die das Herz infiziert“, beschreibt er im Roman die Suche nach Arkadien, Al-Andalus, das Himmelreich auf Erden, das Paradies, Republik Enzthal die Freie…

Mauster Schriftsteller hofft auf bleibende Veränderungen nach Corona

Große Utopien sind in den vergangenen Jahrhunderten gescheitert, mit unheilvollen Folgen, weiß Reinhardt Stöckel. „Aber ich sehe auch, wie die scheinbare Nicht-Utopie krachen geht, die auf ungebremstem Wachstum basiert. Wachsen, bis alles aus den Nähten platzt, das kann nur zum Albtraum werden. Also wäre eine Alternative wünschenswert, die einen Weg weist, behutsamer umzugehen mit dem, was da ist“, denkt er gerade in diesen Tagen, wo das „Höher – Schneller – Weiter“ durch einen Virus ausgebremst wird.

„Die Luft in China ist so gut wie noch nie. In Santiago de Chile haben sich nach den Ausgangssperren sogar Pumas in die Wohngebiete verirrt. Natürlich: Die Stadt gehört den Menschen. Und doch ist es ein Zeichen: Die Natur atmet auf. Ich hoffe sehr, dass wir nach der Krise nicht einfach wieder besinnungslos drauflos wirtschaften wie vordem“, sagt der Schriftsteller, der seine Empfindungen und Gedanken jetzt auch wieder öfter im Tagebuch festhält. „Nur zur Selbstverständigung“, auch wenn er Literatur immer nah bei sich selbst recherchiere.

Ein deutsch-deutsches Alphabet soll entstehen

Und da gibt es für den Herbst auch schon ein neues spannendes Projekt. Gemeinsam mit einer aus dem Westen stammenden Kollegin buchstabiert er ein „Deutsches Alphabet“. Sie werfen einander Buchstaben zu, aus denen jeder für sich seine Geschichte(n) spinnt. Und Reinhard Stöckel hält es nicht für utopisch, dass dabei auch Gemeinsames zwischen Ost und West herauskommen kann.

Biografisches und Videolesung


Reinhard Stöckel, Jahrgang 1956, hat am Leipziger Literaturinstitut studiert. Er arbeitete als Bibliothekar, Gießereiarbeiter und Publizist. Bevor er Anfang 2020 in den (Vor)ruhestand ging, war er in der IT-Branche beschäftigt. Er lebt mit seiner Familie in Maust (Spree-Neiße-Kreis).

Der Roman: Reinhard Stöckel: Kupfersonne. Verlag Müry Salzmann. 500 Seiten, 29 Euro.

Die Videolesung findet sich online unter www.reinhard-stoeckel.de