Leipziger Buchmesse 2024: New Adult – womit die Verlage jüngere Leser locken wollen
Festivalstimmung in Leipzig. Die Straßen sind voll, die Kneipen, Cafés und Bibliotheken auch. Die Veranstaltungsreihe „Leipzig liest“ an vielen Orten im Stadtgebiet begeistert schon seit dem 18. März ein zum Teil von weither angereistes Publikum. „Das sind alles keine Leipziger, die sehen zu aufgedonnert aus“, sagt ein junger Mann in der traditionell überwiegend studentisch frequentierten Moritzbastei zu seinen Freunden.
In den Kellergewölben des Veranstaltungsraumes, mitten in der Altstadt gelegen, steigen allabendlich Lesungen mit angesagten, mehrheitlich jüngeren Autorinnen und Autoren. Sabine Rennefanz, Mirna Funk, Simon Elson und Felicitas Prokopetz sind einige von ihnen. Ihre Geschichten um Identitätssuche und komplizierte Mütter-Tochter-Beziehungen finden ein aufmerksam lauschendes Publikum. Klirrende Weingläser, großer Andrang vor dem Büchertisch.
Seit Donnerstag (21. März) pilgern jeden Tag Zigtausende zum Messegelände nördlich der Stadt. Volle Parkplätze, lange Schlangen, bunte Manga-Kostüme und wildes Stimmgewirr. Und inmitten all dessen immer wieder, in abgezirkelten Arealen der übervollen Messehallen: andächtiges Lauschen, wenn Autoren aus ihren Büchern lesen oder die Fragen des Publikums beantworten. Die Leipziger Buchmesse ist eine echte Herausforderung darin, das beständige Hintergrundrauschen herauszufiltern. Eine Übung in Konzentration.
Kauflaune bei steigenden Preisen
Bücher sind teurer geworden; für einen gebundenen neuen Roman werden inzwischen nicht selten 30 Euro oder mehr fällig. Das hält die Besucher nicht davon ab, zuzulangen, wie eine nicht repräsentative Umfrage unter den Literaturverlagen auf der Messe ergibt.

Ein wichtiger Bestandteil der Leipziger Buchmesse: In Halle 1 warten Kostüme, Figuren und andere Devotionalien auf Manga-Fans. Die parallel stattfindende Manga-Comic-Con lockt alljährlich Tausende überwiegend jugendliche Cosplayer auf das Messegelände.
Boris KruseDie Preise für einen Messeauftritt sind da angesichts der galoppierenden Inflation schon fast wieder moderat. Eine kleine Koje mit vier Quadratmetern kostete im Vorfeld einschließlich aller Gebühren gut 1000 Euro. Bei den großen Verlagen mit ihren Eigenheim-artigen Ständen samt Sitzecken und Café-Ausschank addieren sich die Ausgaben dann freilich auf beträchtliche Summen, eine eigens entwickelte Standarchitektur inbegriffen.
Auf einen Plausch bei Bastei Lübbe
Sandra Dittert hat ihren Arbeitsplatz für eine halbe Woche in einem solchen geräumigen, mehrteiligen Messestand eingenommen. In der Verlagsgruppe Bastei Lübbe leitet sie die Bereiche Marketing, Vertrieb, Presse und Romanhefte. Man kann sich lange über aktuelle Titel mit der gut gelaunten Buchvermarktungsexpertin unterhalten, deren Unternehmen immer schon das ganz große Publikum im Blick hatte. Auf eines aber kommt sie in dem Gespräch immer wieder zurück: „Die Haptik der Bücher und eine aufwendige Ausstattung werden immer wichtiger.“ Gerade junge Leserinnen und Leser, von denen etliche an den Bastei-Lübbe-Stand kämen, begeisterten sich für schön gemachte Bücher, die mit sinnlichen Qualitäten aufwarten können.
Seit Jahren punktet Bastei Lübbe hier mit dem eigenen Label LYX. Titel wie „Icebreaker“ von Hannah Grace (Werbeslogan des Verlages: „Der TikTok-Erfolg – jetzt endlich auf Deutsch bei LYX!“) oder „Divine Rivals“ von Rebecca Ross präsentieren sich im verträumt-pastellfarbenen Einband, mit weichen Zeichnungen darauf. Sie entführen in fremde Welten und erzählen bewegende Liebesgeschichten. Hier schließt sich gerade eine Lücke zwischen Manga, Liebesroman, Coming-of-Age-Geschichte und Fantasy. Das junge Publikum, geschätzt zwischen 15 und 25 Jahre alt, steht Schlange vor der LYX-Messekoje, blättert gierig die druckfrischen Bände durch.
Etliche LYX-Bücher haben einen Farbschnitt – die Kanten der Buchseiten sind farbig bedruckt, der Band wird damit zum Hingucker, ob im Buchregal oder beim Lesen am Strand. Diese Aufmachung wird ergänzt um eine starke Präsenz in den sozialen Medien, erklärt Sandra Dittert: „Wir holen die Zielgruppe in ihrer Lebenswelt ab.“
S. Fischer macht jetzt „Romantasy“
„Die Ausstattung der Bücher wird immer wichtiger“, sagt auch Julia Giordano, die die Presseabteilung beim Verlag S. Fischer mit Sitz in Frankfurt am Main leitet. Schöne Einbände, wertiges Papier, sorgsam ausgewählte Farbpaletten – mit solchen Details lässt sich offenkundig punkten in einer Zeit, in der das gedruckte Buch neben dem Überangebot an digitalen Medien zum bewussten Statement und zum Rückzugsort wird.

Ein Publikumsmagnet: Auf der Leipziger Buchmesse warten neben Manga-Büchern auch Kostüme, Figuren und anderes Zubehör auf die Fans. Die prallel zur Buchmesse stattfindende Manga-Comic-Con lockt alljährlich Tausende Cosplayer auf das Leipziger Messegelände. Die Fans verkleiden sich oft phantasievoll und aufwendig nach dem Vorbild bekannter Manga-Charaktere.
Boris KruseSo ist es eine junge Generation, die die Möglichkeiten des Mediums Buch neu für sich entdeckt. Das spiegelt sich folgerichtig auch in den Verlagsprogrammen wider, dafür ist S. Fischer ein eindrückliches Beispiel. Auch auf den Regalen des traditionsreichen Flagschiffes der belletristischen Literatur, dem schon Thomas Mann seine Manuskripte anvertraut hat, finden sich im Frühjahr 2024 etliche Fantasy- und Romance-Titel mit der Zielgruppe „New Adult“. Zum Beispiel die „Nevernight“-Romanreihe von Jay Kristoff aus Australien.
Sogar ein neuer Genre-Begriff ist ob dieser jüngsten Entwicklungen auf dem Buchmarkt entstanden: „Romantasy“ werden Geschichten genannt, die eine würzige Liebesgeschichte in einer exotischen, fremden Welt ansiedeln und nicht selten mit einem größeren Hintergrund verknüpfen. Salopp gesprochen: In erster Linie wird geflirtet und geliebt, nebenbei wird mal eben eine Welt gerettet. Romantasy also – „den Bereich werden wir auch ausbauen“, kündigt Julia Giordano an.
Droemer Knaur beobachtet eine weibliche Leserschaft
Ein überwiegend weibliches Lesepublikum beobachtet in dieser Entwicklung Katharina Ilgen, Leiterin der Abteilung für Marketing und Kommunikation beim Verlag Droemer Knaur mit Sitz in München. New Adult und Romance machen einen Gutteil der aktuellen Neuerscheinungen im Verlagsprogramm aus.
Ein aktueller Romantasy-Titel, der dort besonders gut läuft: „Trial Of The Sun Queen“ von Nisha J. Tuli aus Kanada. Ein goldgelber Bucheinband mit dramatisch verschlungenem Schriftzug bildet einen häufig in die Hand genommenen Blickfang im Regal des Droemer-Knaur-Messeauftritts.
Ein weiterer Star im Verlagsprogramm, auch wenn er in diesem Jahr in Leipzig nicht persönlich anwesend ist: „Die Bücher von Sebastian Fitzek stoßen nach wie vor auf großes Interesse“, sagt Katharina Ilgen über den Erfolgsautor von Psychothrillern.
Informationen und Programm der Leipziger Buchmesse 2024 sind auf www.leipziger-buchmesse.de zu finden.




