Lausitz Festival
: Musiker von Weltruf packt Geige in der Lausitz aus

Am 26. September ist Gidon Kremer, der zu den beliebtesten Violinisten der Welt gehört, zu Gast im Staatstheater Cottbus. Am 15. Oktober spielt er in der Kreuzkirche Görlitz.
Von
Ida Kretzschmar
Cottbus
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Der Weltklasse-Geiger Gidon Kremer kommt zum Lausitz-Festival nach Cottbus und Görlitz.

Staatstheater Cottbus

Fast 50 Veranstaltungen erwarten die Zuschauer beim Lausitz Festival vom 25. September bis zum 16. Oktober. Es findet erstmals als Mehrsparten-Kulturfestival in der gesamten Lausitz statt und soll, vom Bund gefördert, international Aufmerksamkeit auf den kulturellen Reichtum der Region im Strukturwandel lenken.

Zu den Gästen von Weltruf, die das Festival mitgestalten, gehört der Violinist Gidon Kremer. Im RUNDSCHAU-Interview spricht der Träger des Praemium Imperiale, der als Nobelpreis der Musik gilt, über seine Wurzeln, Entdeckungsfreude und sein Verwandtschaftsverhältnis zur Geige.

Gidon Kremer, Sie haben schon in der ganzen Welt gespielt, wie ist es für Sie nun, in die Lausitz zu kommen?

Wunderbar! Ich mag nämlich Entdeckungen.

Was werden Sie den Zuschauern in Cottbus zu Gehör bringen?

Wie immer – Musik, die mir naheliegt. Vor allem will ich betonen, dass ich weiterhin dabei bin, den großen Komponisten Mieczyslaw Weinberg zu entdecken, bekannt zu machen und ihn der Welt vorzustellen. Ein Genie, den jeder kennen sollte... Sehr viel Wert ist mir auch, die Bedeutung der späten Robert-Schumann-Sonate dem Publikum nahe zu legen.

In Riga geboren, wo Sie schon vierjährig zu Hause Musikunterricht erhielten, haben Sie später am Moskauer Konservatorium studiert und waren Schüler von David Oistrach. Was ist das Wichtigste, was Sie von ihm gelernt haben?

Treue der Musik gegenüber und menschliche Großzügigkeit.

Woher hatten Sie Ihre erste Violine?

Von meinem Großvater. Ich bin ja Kind einer Geiger-Dynastie. Mutter und Vater spielten jahrelang im Lettischen Rundfunkorchester.

Als Sie 1980 in Deutschland blieben, stiegen Sie auf eine Stradivari aus dem Jahr 1734 um, die „Ex-Baron von Feilitzsch“, anschließend auf eine Guarneri del Gesù aus dem Jahre 1730, habe ich gelesen. Zurzeit sollen Sie auf einer Nicola Amati aus dem Jahr 1641 spielen. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Instrumente?

Jede dieser wunderbaren Violinen hat seine eigene Persönlichkeit. Ich war ihnen allen Jahre treu, und so spiele ich auch seit 2006 nur auf der Amati von 1641, die mir mit ihren Eigenschaften hilft, meine Stimme weiterzuentwickeln. Ich fühle mich mit ihr nah verwandt.

Welcher Art ist die Verwandtschaft zu Ihrer Geige?

Die Geige ist eine Verlängerung meiner selbst. Ich kann mich aber auch auf unbekannten Instrumenten zurechtfinden, trage ich doch die Stimme in mir.

Welche Kontakte pflegen Sie heute noch zu der (Musik)Welt, in der Sie Ihre Wurzeln haben? Verfolgen Sie die politischen Ereignisse in der ehemaligen Sowjetunion mit besonderem Interesse?

Ja, das tue ich und es beunruhigt mich, dass es so viel Unsinn, Lügen und – wie zur Zeit in Weißrussland – Terror gibt. Ich empfinde das Letzte besonders schlimm.

Sie haben in bedeutenden Orchestern gespielt.

Nie „in“, nur „mit“, dabei nahezu mit allen...

Welche Erinnerungen haben Sie beispielsweise an Leonard Bernstein oder Herbert von Karajan?

Darüber habe ich in meinen Büchern – zum Beispiel „Obertoene“ und „Zwischenwelten“ – berichtet. Alles was da steht, ist auch in meinem Gedächtnis haften geblieben. Ich hatte das Glück, mit etwa 500 Dirigenten zu spielen, dabei mit vielen der Besten. Darunter muss ich auch Nikolaus Harnoncourt nennen.

Die Lausitz ist eine Region, die sich neu erfinden muss. Was würden Sie ihr, auch mit Blick auf eigene Lebenserfahrungen, wünschen?

Offenheit und Risikobereitschaft zu Entdeckungen – im Land, in der Region, Natur und besonders in den Menschen.

Zur Person Gidon Kremer

Gidon Kremer wurde 1947 in Riga als Sohn des jüdischstämmigen Violinisten Markus Kremer (1898–1981) und der deutsch-schwedisch-stämmigen Marianne Brückner (1922–2011) geboren. Sein Großvater Karl Brückner und sein Urgroßvater Gustav Brückner waren auch Geiger und Musikpädagogen. So erhielt Kremer ab dem Alter von vier Jahren im häuslichen Kreis Musikunterricht von Vater und Großvater. 1954 besuchte er das Konservatorium von Riga.

Bereits mit sechzehn wurde er mit dem Ersten Preis der Lettischen Sowjetrepublik ausgezeichnet - der Beginn einer langen Liste von bedeutenden internationalen Preisen. 1965 ging Kremer an das Moskauer Konservatorium, wo er Schüler von David Oistrach wurde. Beim Leningrader Kammerorchester machte er sich um die Aufarbeitung von Hunderten Werken der Kammermusik verdient.

1980 blieb er länger im Westen, als sein sowjetisches Visum ihm erlaubte. Kremer entschied sich, nicht mehr in die Sowjetunion zurückzukehren. 1981 gründete Kremer das Kammermusikfest Lockenhaus, das seitdem jedes Jahr im Sommer stattfindet. 1997 gründete er das Streichorchester Kremerata Baltica mit jungen Musikern aus den baltischen Staaten.

Sein Name ist eng mit zahlreichen zeitgenössischen Komponisten verbunden. Kremer hat die zeitgenössischen Komponisten und die Neue Musik im Violinfach intensiver und nachhaltiger gefördert als jeder andere international erfolgreiche Solist. 2016 wurde Gidon Kremer ein Praemium Imperiale verliehen, der als Nobelpreis der Musik gilt.

Konzerttermine und Karten

26. September, 20 Uhr, Staatstheater Cottbus, und 15. Oktober, 19.30 Uhr, Kreuzkirche Görlitz: „Gidon Kremer spielt Weinberg“. Tickets sind erhältlich unter anderem bei der RUNDSCHAU unter Telefon 0355 481555 oder im Kultikk-Onlineshop.